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Zwischen Kriegsschutt und Seelenqualen
Mainfrankentheater Würzburg inszeniert Alban Bergs expressionistische Oper „Wozzeck“

Von Michaela Schneider

Würzburg Der Krieg hat seine Spuren hinterlassen. Die Tapeten sind vergilbt, die Wand zum Bad ist eingestürzt. Niemand macht sich die Mühe, den Schutt und Müll am Boden wegzuräumen. In dieser Welt im Chaos wirkt Wozzeck auf der Bühne fast ungewöhnlich gewöhnlich. Mit Brille, Geheimratsecken und einer scheinbaren Teilnahmslosigkeit lässt er geschehen, was die Welt von ihm fordert. Hermann Schneider zeichnet in seiner Inszenierung der expressionistischen Alban-Berg-Oper am Mainfrankentheater in Würzburg  keine proletarische Kreatur, sondern einen Mann mit Intellekt, der in den Krieg geworfen wurde und daran zerbrochen ist. Jetzt versucht er, die Schrecken zu verarbeiten.

Arzt und Hauptmann wirken verrückter als jener Mann, der dem Wahnsinn verfallen sein soll. Eine interessante Interpretation eines viel gedeuteten Bühnenwerks. Herausragend am Premierenabend: das Philharmonische Orchester unter musikalischer Leitung von Enrico Calesso, das grandiose Stimmungen malt trotz herausfordernder Komposition. Der Wehrmutstropfen: Dem Seelendrama zu folgen ist bei schwer verständlichen Texten nicht leicht – dadurch geht ein Teil des Musikgenusses unter.

 

Alban Berg vollendete seine Fortführung des Büchner-Stoffes tatsächlich ab dem Jahr 1917 und verlieh ihm unter dem Eindruck von Grabenkämpfen und einer von Kriegsgräueln gebeutelten Gesellschaft neue Dimensionen. Die Vorlage für beide Werke bildet eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1824: Damals war ein deutscher Soldat namens Johann Christian Woyzeck wegen Mordes an seiner Liebhaberin Johanna Woost hingerichtet worden.

 

Die Handlung der Oper in Kürze: Wozzeck hat mit Marie ein uneheliches Kind. Von seinem Vorgesetzten wird er getrietzt, vom Doktor für medizinische Medikamente missbraucht. Der Teufelskreis: Je mehr sich Wozzeck für Frau und Kind aufopfert, desto weniger Zeit hat er für die Familie. Zudem plagen ihn Wahnvorstellungen. Als ein attraktiver Tambourmajor um Marie wirbt, gibt sie sich ihm hin. Um sein einziges Glück betrogen, bringt Wozzeck Marie um, wird aber kurze Zeit später im Wirtshaus als Mörder entlarvt. Nachts hört der Doktor in der Nähe eines Teichs unheimliche Geräusche: „Das stöhnt, als stürbe ein Mensch. Da ertrinkt jemand.“ Doch ertrinkt Wozzeck in Würzburg wirklich? Nachdem der Vorhang bereits gefallen ist, betritt er in der Inszenierung des Mainfrankentheaters noch einmal die Bühne.

 

Alban Berg wollte mit seiner Musik seelische Abgründe in Töne fassen und befreite sich dafür von den Zwängen der Harmonie und Tonalität. Enrico Calesso gelingt in Würzburg mit dem Philharmonischen Orchester ein rauschartiges, konzentriertes, fein in sich abgestimmtes Klanggemälde, das reichlich Applaus verdient. Stimmungen steigern sich immer wieder aufs Neue zu höchster Dramatik. Stimmlich überzeugen bei der Premiere vor allem Johann F. Kirsten als Doktor und Matthias Grätzel als Hauptmann. Dietrich Volle in der Hauptrolle des Wozzeck ist gut – rückt aber durch seine gewollte Gewöhnlichkeit fast zu stark in den Hintergrund. Klangschön: Karen Leibers Soli als Marie.  Auf der Strecke bleibt den ganzen Abend über leider die Textverständlichkeit.

 

Das Bühnenbild von Bernd Franke mag regelmäßigen Theatergängern übrigens bekannt vorgekommen sein: Bereits zu Beginn der Spielsaison war es bei der „Minna von Barnhelm“ zu sehen. Eine logische Idee, spielen doch sowohl die Minna als auch der Wozzeck im Soldatenmilieu. Allerdings sind dazwischen 150 Jahre vergangen. Und so trägt derselbe Raum nun die traurigen Spuren des Krieges und das Gasthaus der Minna hat sich in ein Lazarett verwandelt - eine konzeptionell clevere Idee. Bildlich beeindruckend: Eine Szene, in der sich Wozzeck vor Soldaten in Schützengräben ins selbst geschaufelte Grab legt.

 

Insgesamt eine anerkennenswerte Alban-Berg-Inszenierung am Mainfrankentheater, die viel Raum für Interpretation lässt.

 

Dauer 110 Minuten (keine Pause); nächste Vorstellungen, jeweils um 19.30 Uhr: 21.04./ 25.04./ 28.04./ 08.05./ 18.05./ 02.06./ 14.06.

Der Artikel ist im Main-Echo erschienen.