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Das Weihnachtswunder

 

von Michaela Schneider

 

„Weihnachtswunder gibt es! Du musst nur ganz fest daran glauben“, rief Heike der kleinen Miriam zu, ehe sie das Krankenzimmer verließ. Wie schon in den Vorjahren hatte sich die Krankenschwester auch heuer wieder freiwillig für den Heilig-Abend-Dienst gemeldet. Tochter Monika feierte mit den eigenen Kindern, Ehemann Klaus, ein Polizist, würde die Nacht auf der Wache verbringen. Heike fand’s nicht schlimm, nein, sie mochte die Weihnachtsatmosphäre in der Klinik. Im Dezember verwandelten sich die sterilen Gänge mit Christbaum, Weihnachtssternen und Lichterschein für sie alljährlich auf ganz eigentümliche Art in ein Glitzermeer aus Hoffnungen und Wünschen.

 

Hinzu kam heuer: Heike wollte den kleinen Pavel auf Zimmer 156 nicht allein lassen. Aus der Ukraine war der Siebenjährige nach Deutschland eingeflogen worden. Ein schwerer Unfall hatte den Buben ans Bett gefesselt. Das gequetschte Rückenmark hatte seine kindliche Lebensfreude zum bewegungslosen Sklaven des kleinen, mageren Körpers degradiert. Stille Spender hatten die schwere Operation für den Waisenjungen finanziert. Doch die Lähmungserscheinungen in den unteren Gliedmaßen wollten nicht weichen. Von den Augen des behandelnden Arztes hatte die Krankenschwester bei der letzten Untersuchung wenig Hoffnung abgelesen.

 

Heike und Pavel hatten sich von Beginn an ins Herz geschlossen. Sie war die einzige auf der Station, die, wenn schon nicht Ukrainisch, zumindest ein wenig Russisch sprach – und Pavel löcherte sie tagein tagaus, weil er die Sprache der netten Männer und Frauen in Weiß in der Klinik lernen wollte.  

 

Als Heike nun Zimmer 156 betrat, hatte sie ein kleines Päckchen für den Buben dabei, ließ es aber zunächst auf dem Rollwagen liegen. Auch wenn sie schon gespannt wie ein Flitzebogen war, was der Kleine zu dem ferngesteuerten Polizeiwagen sagen würde. „Erst die Medizin, dann das Vergnügen“, murmelte sie zu sich selbst. „Pavel, Pozdrevlyayu s prazdnikom Rozhdestva!“, wünschte sie dem Buben in stockendem Russisch. „Heike, frohe Weihnachten“, antwortete er in gebrochenem Deutsch und strahlte sie dabei aus seinen blauen Kinderaugen an. Und wie blaue Kinderaugen nun einmal so sind, erspähten diese sofort das Geschenk im besternten Weihnachtspapier. „Für Pavel?“, fragte er erstaunt. Heike nickte. „Warte einen Moment! Minutku!“, sagte sie, als sie merkte, dass kein Wasser für Tabletten mehr auf dem Nachttisch stand.

 

Als die Krankenschwester kurz darauf mit einer Wasserflasche zum Zimmer 156 zurückkehrte, sollte  ihr der Atem stocken. Wie angewurzelt blieb sie in der Tür stehen. Der kleine Bub, der laut Ärzten für immer an den Rollstuhl gefesselt sein sollte, saß. Seine Beine baumelten in Richtung Boden. In der einen Hand hielt er seinen Tropf, die andere Hand ruhte auf der Bettkante. Dann stützte er sich mit seinem ganzen Federgewicht auf den weißen Rahmen, setzte die nackten Füßchen vorsichtig aufs Linoleum und richtete langsam, ganz langsam den Oberkörper auf. Pavel stand. Wackelig, aber er stand auf seinen eigenen Beinen, die ihn doch eigentlich nie mehr hatten tragen wollen. „Heike, hilf mir mit Geschenk“, flüsterte er angestrengt. Der Krankenschwester schossen die Tränen in die Augen. Sie stürzte zu dem Jungen, stützte ihn mit dem einen Arm, schob den Tropf mit der anderen Hand vorwärts. Drei schwierige, kräfteraubende Schritte waren es bis zum Geschenk. Drei Schritte in ein neues Leben voller Hoffnung.

 

Mehr zu sich selbst als zu Pavel flüsterte Heike: „Weihnachtswunder gibt es! Du musst nur ganz fest daran glauben.“

 

Die Kurzgeschichte ist im Liboriusblatt erschienen