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Von „Fantasmenkontrolle“ und Arien für Hysterikerinnen

Wissenschaft Ringvorlesung in Würzburg beschäftigt sich mit „WahnSinn in Literatur
und Künsten“ quer durch alle Epochen – Öffentliche Vortragsreihe startet am 29. Oktober


Von Michaela Schneider

Würzburg Antike Helden verfielen dem Wahnsinn, bei Shakespeare tummelt sich so mancher Verrückte und hysterischen Heldinnen des 19. Jahrhunderts wurden ganze Wahnsinnsarien auf den Leib geschrieben. Das Motiv zieht sich durch alle Epochen, Der Reiz geht hier von Charakteren aus, die nicht der Gesellschaftsnorm entsprachen. Um „WahnSinn in Literatur und Künsten“ wird sich ab dem 29. Oktober ein Semester lang eine fächerübergreifende Ringvorlesung an der Würzburger Universität drehen, sämtliche Vorträge sind öffentlich. Organisiert hat die Veranstaltungsreihe unter anderem Prof. Dr. Irmgard Scharold, Professorin für romanische Kulturwissenschaft am Neuphilologischen Institut.


Die neue Ringvorlesung an der Universität dreht sich um „WahnSinn in Literatur und Künsten“. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Prof. Dr. Irmgard Scharold: Ich habe selbst über die beiden italienischen Dichter Ludovico Ariosto und Torquato Tasso habilitiert. Ariosts Versepos spielt in der Zeit der Kriegszüge gegen die Sarazenen. Orlando - der moralisch edelste und unanfechtbarste Ritter des fränkischen Heeres - verliert ausgerechnet aus Liebe den Verstand, zieht völlig irre durch die Gegend und wütet gegen Mensch und Tier. Um ihm zu helfen, fliegt Astolfo zum Mond, denn: Dort wird der auf Erden verlorene Verstand aufbewahrt. Wie Sie sich vorstellen können, gibt es dort jede Menge davon! Der Wahnsinn als großes Thema betritt die literarische Bühne zur Zeit der Renaissance, als sich der Mensch der göttlichen Kontrolle zunehmend entzieht und seine Autonomie erklärt. Während Ariost offensichtlich zeigen wollte, wie gefährdet ein Mensch ist, der seine Triebe nicht kontrollieren kann, nutzen andere Autoren wie Shakespeare die Figur des Wahnsinnigen, um Gesellschaftskritik zu üben.


In der Ringvorlesung wird es nicht nur um Wahnsinn zur Zeit italienischer Humanisten gehen, sondern sie unternehmen mit Ihren Kollegen einen Streifzug quer durch die Epochen…

Scharold: Ja, das genau ist das spannende am Motiv des Wahnsinns: Es zieht sich quer durch alle Zeiten – angefangen bei Helden der Antike bis hinein in die Gegenwart. Ein Beispiel dafür wäre Martin Walsers Irrenhausroman „Muttersohn“ aus dem Jahr 2011.


War der Charakter des Wahnsinnigen positiv oder negativ besetzt?

Scharold: Bis ins 20. Jahrhundert hinein war er negativ besetzt. Aus den Charakteren sprach die Angst der Menschen, selbst den Verstand zu verlieren. Negativbeispiele sollten warnen nach dem Motto: Schau an, was passiert, wenn Du von der Norm abweichst! Gewandelt hat sich dies erst in der Moderne. Ein Künstler muss heute ein bisschen verrückt sein, um Erfolg zu haben. Nehmen sie van Gogh als prominentes Beispiel: Das Stigma des Kranken hat seinen Marktwert erst richtig gesteigert!


Die Frage in der Kunst ist ja auch: Wo endet die Fantasie und wo beginnt das Verrücktsein?

Scharold: Die Fantasie ist ein ganz wichtiger Begriff. Dafür noch ein Blick in die Zeit der Renaissance. Bis dahin wurde Fantasie mit großer Skepsis betrachtet. In der Renaissance hat sich das Bild des Künstlers gewandelt vom reinen Handwerker zum göttlich Inspirierten. Künstler durften nun Fantasie haben, in der Gesellschaft aber wurde weiterhin eine strenge Fantasmenkontrolle angemahnt.


In der Ringvorlesung wird es nicht nur um Literatur und Kunst, sondern auch um Musik gehen, nämlich um so genannte Wahnsinnsarien. Was hat es damit auf sich?

Scharold: Die großen Wahnsinnsarien wurden den hysterischen Heldinnen des 19. Jahrhunderts wie etwa Lucia di Lammermoor von Donizetti auf den Leib geschrieben. Später griff zum Beispiel Arnold Schönberg eine Wahnsinnsszene im musikalischen Monodram „Erwartung“ auf. Hysterie war im 19. Jahrhundert ein großes Thema, man erklärte sie damit, dass die Gebärmutter im Leib zu wandern beginnt. Die Behandlung hysteriekranker Frauen war ein absoluter Albtraum. Männliche Hysteriker gab es kaum, als männliche, edle Krankheit galt stattdessen die Melancholie. Sie wurde nicht mit brutalen Methoden, sondern mit schöner Musik und mildem Essen behandelt. Da wäre man lieber Mann gewesen…


Gut, dass sich die Behandlungsmethoden heute gewandelt haben…

Scharold: Wie man es nimmt… Anlass zur Ringvorlesung zum Thema „WahnSinn“ war für mich auch die Neuauflage des „Diagnostischen und statistischen Handbuchs psychischer Störungen“ (DSM). Letztendlich bestimmen mit diesem Handbuch 158 Männer und Frauen aus aller Welt - vorrangig aus den USA und die meisten mit der Pharmaindustrie kooperierend - was normal ist. Schon im Vorfeld der Veröffentlichung wurde viel Kritik laut. Da wird zum Beispiel festgelegt: Wer länger als zwei Wochen nach dem Tod eines geliebten Menschen trauert, könnte bereits depressiv und ein Fall für den Therapeuten sein. Das halte ich für sehr fragwürdig. Vielleicht regt unsere Ringvorlesung ja auch zur Reflexion an, ob jedes Anderssein gleich bedeutet, dass ein Mensch nicht normal ist und daher - der Pharma-Industrie sei dank - mit Pillen und Psychopharmaka zugestopft werden muss, über deren Spätfolgen man oft noch nichts weiß.

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Der Artikel ist unter anderem im Main-Echo erschienen.

Infokasten: Die Ringvorlesung „WahnSinn in Literatur und Künsten“


Die Veranstaltungen im Zuge der Ringvorlesung „WahnSinn in Literatur und Künsten“ sind öffentlich.  Sie finden jeweils dienstags um 19.30 Uhr im Hörsaal 166 der Alten Universität in Würzburg statt.

 29. Oktober: Wahnsinn und Erkenntnis. Vom Stachel der Götter zu Sokrates als Stachel

 5. November: Konzepte von Irrsinn und Wahn im deutschen Mittelalter

 12. November: Medizin und Wahnsinn in der Renaissance

 19. November: Wahnsinn als Identitätsverlust. Chrétien de Troyes, Ariosto und Torquato Tasso

 26. November: Don Quijotes Wahnsinn

 3. Dezember: Das Motiv des Wahnsinns in Shakespeares Tragödien und Komödien

 10. Dezember: E.T.A. Hoffmanns Wahnsinnserzählung „Der Sandmann“

 17. Dezember: Van Gogh. Ein moderner Künstler auf dem Seziertisch der Pathologen

 7. Januar: Das Spektakel der Hysterie: Flauberts Madame Bovary und Clarins La Regenta

 14. Januar: Gesellschaftskritik und Bewusstseinsspaltung in amerikanischer Literatur

 21. Januar: Wahnsinns-Szenen in Schoenbergs Monodram „Die Erwartung“ und in Rihms „Prosperina“ nach Goethe

 28. Januar: Martin Walsers Irrenhaus-Roman „Muttersohn“