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„Texte sind nicht vom Himmel gefallen“

Forschung Musikwissenschaftler in Würzburg arbeiten an einer historisch-kritischen Ausgabe der Richard Wagnerschen Schriften – Fördermittel über 16 Jahre in Höhe von fast fünf Millionen Euro

 

Von Michaela Schneider

 

Würzburg Als Künstler genügt’s nicht, künstlerisch gut zu sein. Ebenso sind Vermarktung, Promotion und öffentliche Präsenz gefragt. Und was heute gilt, galt auch schon im 19. Jahrhundert. Einer, der dies wusste, war der Komponist Richard Wagner (1813 – 1883). Sein Selbstmarketing-Mittel: Er schrieb – und zwar meistens über sich selbst. Das Konzept funktionierte: Über kaum jemanden diskutierte die Presse seinerzeit so viel wie über Richard Wagner. Der Komponist verfasste ab den frühen 1830er Jahren neben seinen Musikwerken sage und schreibe 4000 Textseiten inklusive seiner Autobiographie. Doch während seine „Dichtungen“, wie Wagner die selbst verfassten Libretti betitelte, sehr gut erforscht sind,  fehlte für seine „Schriften“ bislang eine historisch-kritische Ausgabe. Dies soll sich während der kommenden 16 Jahre ändern: Der Musikwissenschaftler Professor Ulrich Konrad  wird die rund 200 Schriften mit einem Forscherteam an der Würzburger Julius-Maximilians-Universität nach editionswissenschaftlichen Standards bearbeiten.

 

Gefördert wird das Projekt ab dem 1. Januar 2013 von Bund und Ländern pro Jahr mit 305 000 Euro, angesiedelt ist es bei der Akademie der Wissenschaften und Literatur, Mainz. Damit werden insgesamt fast fünf Millionen Euro in die Erforschung der Wagner-Schriften fließen, drei vollamtliche Mitarbeiter und je zwei Doktoranden werden in Konrads Team arbeiten.

 

Nach dem „Warum“ mag mancher Wagner-Kenner fragen, schließlich ließ Richard Wagner zwischen 1871 und 1873 selbst eine erste Gesamtausgabe seiner bis dahin erschienen Schriften veröffentlichen. Doch Konrad hat eine klare Antwort parat: „Die Gesamtausgabe ist nicht nur ein Traum für Wissenschaftler, sondern auch traumatisch.“ Denn: Wagner redigierte viele seiner Schriften, ehe sie in der Gesamtausgabe landeten. Wagners Texte seien sber nicht vom Himmel gefallen, sondern hätten Geschichte und stünden selbst in der Geschichte. „Wir wollen mit unserer Edition weg von Wagners Selbststilisierung und die Schriften in den jeweiligen historischen Kontext ihrer Entstehung einbetten“, so der 55-Jährige.

 

Und das wird akribische Arbeit bedeuten: Von der ersten Handnotiz bis zum Textdruck werden die Forscher fein säuberlich alle bekannten Wagner-Texte durcharbeiten – von der halbseitigen Glosse bis zum mehrere hundert Seiten starken Buch. Insgesamt verfasste der Komponist Zeit seines Lebens um die 200 Titel. „Wir schauen Wagner über die Schulter von ersten Satz bis zur Revision. In unserer Edition wird sich dann der Text wiederfinden, von dem wir glauben, dass er Wagners Wille und Meinung während seiner Entstehung am ehesten wiedergibt“, veranschaulicht Konrad. Zur Wagnerschen Biographie „Mein Leben“ betont er: „Wagner schildert sein Leben, wie er es gern verstanden hätte. Dies gilt es, faktisch zu überprüfen.“

 

Worüber aber schrieb Richard Wagner seinerzeit sonst noch? „Er war kein Philosoph oder Ästhetiker, sondern kommentierte schlichtweg alles, was um ihn herum geschah. Er war wie ein Schwamm, der etliches aufnahm und auf seine eigene Sichtweise anwendete“, sagt der Würzburger Musikwissenschaftler. Und so geben die Schriften viel Auskunft über die Weltanschauung des großen Komponisten. Konrad beschreibt Wagner in dem Zusammenhang als „im Ansatz einen Linken, der auf gesellschaftliche Veränderung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie hinstrebte“. Auf der einen Seite in Opposition zu den Herrschern nahm er dennoch die Protektion der Mächtigen in Anspruch und agierte selbst politisch. Wagner war Antisemit und stellte sich mit seiner problematischen Schrift „Das Judentum in der Musik“ in die seinerzeit lebendige Tradition des europäischen Antisemitismus. Er setzte sich mit religiösen Fragen auseinander, die nicht nur das Christentum, sondern zum Beispiel auch den Buddhismus betrafen. Wagner machte sich gegen Tierversuche stark. Und im Alter schrieb er in seinen Regenerationsschriften über die „Reinigung und Verbesserung des Menschen“ – unter anderem durch Verzicht auf Fleischgenuss.  

 

In Ulrich Konrads Forscherteam wird auch ein Computerphilologe mitarbeiten. Dieser Ansatz ist in der Geisteswissenschaft laut dem Musikprofessor neu, bislang zog man bei ähnlichen Projekten Informatiker hinzu. Dabei ist noch offen, in welcher Form ein digitales Archiv aufgebaut wird. Fest aber steht: Der Kern der Forschungsergebnisse wird in klassischer Buchform gedruckt werden, Konrad rechnet dabei mit insgesamt 16 bis 18 Bänden. Diese, so die Idee, werden dann mittels neuer Medien digital ergänzt. „Wagner schreibt zum Beispiel eine Rezension über ein Musikwerk, das heute kaum noch bekannt ist. Dieses ließe sich über ein digitales Medium beifügen“, erklärt Konrad exemplarisch. Auch denkt er etwa an direkte Schriftenvergleiche am Bildschirm und Möglichkeiten, „sich durch die Textgeschichte zu klicken“.

 

Der Würzburger Musikprofessor hofft, mit der Schriftenedition Anstöße für weitere Wagner-Forschung zu geben. „Schön wäre, wenn das Wagner-Bild dadurch nüchterner und realitätsnaher  wird. Ich hoffe auf ein historisch-angemessenes Bild“, sagt der 55-Jährige, fügt an: „Wagner war weder ein Heiliger noch ein Teufel!“ Es gelte auch zu unterscheiden zwischen der Person, die Wagner war – und zu der er von seinen Nachfahren gemacht wurde. Das übrigens trifft nicht nur auf den Komponisten selbst zu, sondern auch auf seine Musik. Tatsächlich weiß man inzwischen, dass diese heute wesentlich langsamer aufgeführt wird als zu Wagners Lebzeiten. „Der Parsifal dauert heute bis zu 40 Minuten länger als bei seiner Uraufführung“, nennt Konrad ein Beispiel. In Folge wirkt die Musik mystischer – wie Wagner selbst.

Der Artikel ist unter anderem im Main-Echo erschienen.

Den Musikprofessor Ulrich Konrad erwartet viel Arbeit: In den nächsten 16 Jahren wird er mit einem Team eine historisch-kritische Ausgabe der Wagnerschen Schriften verfassen.

Foto: Michaela Schneider

 

Foto: Michaela Schneider