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Von Korsetts, Büstenplattmachern und sexy Pin Ups
Sozialgeschichte Im Malerwinkelhaus in Marktbreit geht es
derzeit „An die Wäsche“: Sonderausstellung erzählt vom „Drunter“ der Damen ab den 1860er Jahren  


Von Michaela Schneider

Marktbreit „Ein hübscher Hauch von nichts“ ziert derzeit den Eingangsbereich des Malerwinkelhauses. Das nagelneue Dessous-Set könnte kaum besser veranschaulichen, wie sich das „Drunter“ der Damen in mehr als 100 Jahren verändert hat. Denn noch um die Jahrhundertwende von 19. zum 20. Jahrhundert trug eine Frau rund 2,5 Kilogramm Unterwäsche am Leib. Wohlgemerkt im Sommer. Im Winter kamen zu Hemd, Beinkleid, Korsett und zwei Unterröcken weitere wärmende Teile hinzu. „An die Wäsche gegangen. Rund um das „Drunter“ bei Damen der 1860er – 1960er Jahre“ ist die neue Sonderausstellung im Museum Malerwinkelhaus in Marktbreit betitelt. Zu sehen ist sie bis zum 10. November 2013.  


Auch wenn’s auf den ersten Blick „nur“ Leibwäsche ist: Die hervorragend konzeptionierte, ideenreiche Ausstellung ermöglicht detaillierte sozialgeschichtliche Einblicke in die Lebenswelten eines ganzen Jahrhunderts. An der Wäsche lässt sich die Modesilhouette des jeweiligen Jahrzehnts ablesen und erzählt von verändertem Modedenken, Emanzipation und neuen Frauenbildern. Lokalkolorit gewinnt die Ausstellung beim Blick auf die Ausbildung und den Beruf der Weißnäherin: In Marktbreit gab es nicht nur spezielle Textilgeschäfte, sondern einst auch eine eigene Weißnähschule. Zudem arbeitet Museumsleiterin Dr. Simone Michel-von Dungern mit zahlreichen Zeitzeugenzitaten. Diese entstammen einem Projekt aus den 90er Jahren, damals hatte das Museum gemeinsam mit der Julius-Maximilians-Universität Würzburg etliche schriftliche Interviews geführt. Anschaulich erleben Ausstellungsbesucher auch, wie mühsam einst die Pflege der Weißwäsche war und können selbst Hand anlegen an eine Holzbottichwaschmaschine mit Kurbel. Und, ja, auch ein bisschen Voyeurismus ist erlaubt: Hinter einem durchsichtigen Hemdchen entkleidet sich das wohl bekannteste Pin-up-Girl der 50er Jahre,  Bettie Page, fürs erwachsene Publikum.     

Die Idee zur neuen Sonderausstellung kam Michel-von Dungern im vergangenen Jahr im Zuge der digitalen Inventarisierung im Museum. Beim Blick in die gut gefüllten Depots beschloss die Malerwinkelhauschefin: In Depotausstellungen sollen künftig ausgewählte Objekte zeitweise aus ihrem unverdienten Schattendasein befreit werden. Den Beginn macht nun die Damenwäsche.  Eine nette Idee: Die auf einen Raum beschränkte Sonderausstellung wird um Exponate in der Dauerausstellung ergänzt – so lohnt ein Gang durch die „Frauenzimmer“ unter neuem Blickwinkel auch, sollte man diese bereits kennen.


Wie aber hat sich das „Drunter“ nun über ein Jahrhundert verändert? Der Kontrast zwischen großen Kuppelröcken und sehr eng geschnürten Taillen prägte das Frauenbild ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Während die Kuppelröcke zu Beginn noch durch mehrere Unterröcke gestützt wurden, ersetzten die Damen sie später durch korbartige Drahtgestelle.  Die so genannte Krinoline fand jedoch nicht nur Befürworter. So wurde unter anderem kritisiert, dass zwei Frauen mit Kuppelrock nebeneinander 4,5 Quadratmeter Platz benötigen – und das war nicht unproblematisch in Theatern, Eisenbahnen oder auch auf Dampfschiffen. Was tun? Statt den gesamten weiblichen Unterkörper zu betonen, hob man ab etwa 1870 lieber nur die Reize des weiblichen Pos hervor, und zwar mit der Turnüre. Diese bestand anfangs aus einem Rosshaarpolster oder Rüschen, später dann aus einem Stahlreifgestell, das um die Taille gebunden wurde.

Vor allem aber war aus der Mode jener Zeit das Korsett nicht wegzudenken, das gegen 1900 nahezu alle Frauen trugen und den Körper zur Skulptur formten - allerdings häufig mit dramatischen Folgen. Unter anderem erzählt ein Artikel des Marktbreiter Wochenblatts vom Tod eines jungen Mädchens. Durch zu starkes Schnüren waren die Lungenflügel wohl derart in Mitleidenschaft gezogen, dass es an einer Lungenentzündung starb.


So blieb nicht aus, dass sich im Zuge der Frauenbewegung der „Allgemeine Verein für Verbesserung der Frauenkleidung“ gründete und die Frauen nicht nur aus dem Korsett befreien wollte, sondern sich beispielsweise auch für im Schritt geschlossene Beinkleider stark machte. Bis dahin waren so genannte „Stehbrunzhosen“ üblich.


Nach der Jahrhundertwende begann sich das Modebild langsam zu verändern, die Frauenbewegung trug daran entscheidenden Anteil. Zum wohl drastischsten Wandel führten aber der erste Weltkrieg und die Nachkriegsjahre: Männer kehrten aus den Grabenkämpfen nicht zurück, Frauen waren zur Selbstständigkeit gezwungen. Sie arbeiteten, betätigten sich sportlich, rauchten und traten selbstbewusst auf. Das Schönheitsideal: Ein möglichst knabenhaftes, schlankes Aussehen. Weibliche Geschlechtsmerkmale wurden unter Hemdhose und Büstenplattmacher versteckt.


In die nationalsozialistische Ideologie der Hausfrau und Mutter indes passte dieses Image nicht. Viel Weiblichkeit und schlanke  Taillen erforderten nun unter anderem Unterwäsche, die nicht auftrug, spitze Büstenhalter und Strümpfe haltende Hüftgürtel. Materialknappheit in den Kriegsjahren sollte dann für reichlich Kreativität sorgen – davon erzählt in der Ausstellung unter anderem Wäsche aus Fallschirmseide.

Nylon, Petticoats und Pin Ups lauten im Malerwinkelhaus abschließend die Schlagworte der 50er und 60er Jahre. Die ersten Nylonstrümpfe wurden dabei übrigens in den USA bereits am 15. Mai 1940 verkauft. Und trotz des horrenden Preises von 250 US-Dollar pro Paar gingen wohl an jenem Tag sage und schreibe fünf Millionen Nylonpäckchen über die Verkaufstheken – etliche weitere Kundinnen gingen leer aus.





Um das „Drunter der Damen“ geht es in einer Sonderausstellung im Malerwinkelhaus. Impressionen siehe Bildergalerie.

 Fotos: Michaela Schneider




Der Artikel ist unter anderem in Main-Echo erschienen.

Infokasten: Über die Sonderausstellung

Die Sonderausstellung „An die Wäsche gegangen“ ist bis zum 10. November im Museum Malerwinkelhaus zu sehen und wird um eine ausführliche, begleitende Broschüre ergänzt. Geöffnet ist das Museum Donnerstag von 14 bis 20 Uhr sowie Freitag bis Sonntag und an Feiertagen von 14 bis 17 Uhr. Details unter www.malerwinkelhaus.de