Ich schreibe für Sie!
Guten Tag!.Journalismus.Schwerpunkte.Pressetexte.Fotografie.Schöne Literatur.Veröffentlichungen.Kontakt.
Michaela Schneider - Freie Journalistin in Würzburg
Hier finden Sie eine Auswahl
an Verlagen und Agenturen,
für die ich schreibe:

Impressum

Meine AGB

Fränkischer Tag

Franken.Das Magazin für Land und Leute

Presse & Kommunikation Saremba GmbH

KulturGut

Museumsmagazin ZeitenRaum

Tanner Werbung GmbH

Ideeologen - Gesellschaft für neue Ideen

Main-Echo

Heragon Verlag

Augsburger Allgemeine

Fränkische Nachrichten

Journalismus

Pressetexte

Fotografie

 

Kurzgeschichten

                                          Chroniken

 

Ein Fahrrad, ein Zelt, ein Schlafsack und zwei Gepäcktaschen: Udo hat immer dabei, was er zum Leben braucht.  Seit 14 Jahren schon wohnt er auf der Straße.

Foto: Michaela Schneider

Auf der Straße daheim

Soziales Würzburger Wärmestube dient Menschen in Krisensituationen als Anlaufstelle – Ein
Besucher erzählt vom Leben mit Zelt und Fahrrad – Am Mittwoch ist „Tag der Wohnungslosen“

 

Von Michaela Schneider

Würzburg Udos Ehe scheitert, die Firma geht pleite. Der gelernte Maler und Lackierer startet in einen Radurlaub, um Abstand zu gewinnen. Aus ein paar Wochen Radtour wird ein Jahr. Dann entscheidet Udo, mit seinem früheren Leben komplett zu brechen. Seitdem lebt der heute 49-Jährige auf der Straße, pendelt seit 14 Jahren mit Rad, Zelt, Schlafsack und zwei Taschen Gepäck von Stadt zu Stadt. Jetzt macht Udo Station in Würzburg. Er jobbt mal hier, mal da, um sich Essen zu kaufen und ein paar Euro zurückzulegen, wenn etwa ein Fahrradersatzteil her muss. Udo sieht sich nicht als  Obdachlosen. „Wohnungslos trifft’s besser“, sagt er beim Gespräch in der Würzburger Wärmestube der Christophorus Gesellschaft. Am Mittwoch ist „Tag der Wohnungslosen“. Begangen wird der Aktionstag jährlich am 11. September.

 

Derzeit leben in Deutschland nach Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe 292000 obdachlose Menschen. In der Würzburger Statistik tauchen rund 300 Wohnungslose auf – die Dunkelziffer schätzt Michael Thiergärtner, Leiter der Würzburger Wärmestube, weit höher, denn: In Statistiken steht nur, wer in Wohnheimen lebt. Wer bei einem Freund oder zwangsweise bei Verwandtschaft unterkommt, wird nicht registriert. Zielsetzung der Christophorus-Gesellschaft ist es, Menschen in sozialen Notlagen und Krisensituationen schnelle Hilfe zu bieten – etwa beratend, mit Kurzzeitübernachtungsplätzen, betreutem Wohnen, der Bahnhofsmission oder in der Wärmestube.

 

Die Gründe für die Obdachlosigkeit sind dabei laut Thiergärtner meist ähnlich: Arbeitsplatzverlust, gescheiterte Ehen, Sucht. In die Wärmestube kämen am Tag rund 50 Besucher - klassische Wohnungslose, die in der Region sesshaft sind und im Verschlag leben; Menschen mit Dach über dem Kopf, aber in sozialen Notlagen; und Durchreisende wie Udo.  Kaffee, Tee, ein bisschen Essen, Duschmöglichkeiten, Waschmaschinen, Bücher, Gesellschaftsspiele und ein Internetzugang stehen zur Verfügung. Ärzte, Zahnärzte, Rechtsanwälte bieten ehrenamtlich Behandlung und Beratung an, ein Team aus ehrenamtlichen Mitarbeitern ermöglicht, dass die unscheinbare Einrichtung nahe dem Mainfrankentheater  330 Tage im Jahr geöffnet sein kann. Wer will, kann seine Post zur Wärmestube schicken lassen.

 

„Wir bieten das Gespräch und Beratung an, aber niemand muss reden“, sagt Thiergärtner.  Überhaupt gibt es nur zwei Regeln in der Wärmestube: Besucher müssen mindestens 18 Jahre alt sein und sich respektvoll verhalten. Trotzdem ist die Barriere, die Einrichtung aufzusuchen, für die meisten Menschen hoch. Viele schlichen tagelang erst einmal außen vorbei. Wer sich dann überwindet, kommt indes häufig wieder. „Die Leute wollen Struktur im Alltag haben, würden lieber arbeiten und gebraucht werden, als herumzusitzen“, beobachtet der Diplom-Sozialpädagoge. Der Altersschnitt der Besucher liegt zwischen 45 und 60 Jahren, so gut wie alle sind alleinstehend und fast Dreiviertel sind Männer aus allen Bildungsschichten. Rund zehn Prozent können einen Hochschulabschluss vorweisen.

 

Doch zurück zu Udo. Der 49-Jährige kann sich ein Leben in vier Wänden kaum noch vorstellen. Auf staatliche Zuwendungen verzichte er, wolle weder zu Bewerbertrainings gezwungen werden, noch den ganzen Tag vorm Fernseher sitzen. „Ich will niemandem Rechenschaft ablegen, frei sein und selbstbestimmt nach meinen Regeln leben“, betont er. Und die setzt er sich strikt: Er rauche – aber das sei sein einziges Laster. Von Alkohol lasse er die Finger. Ein hübsches Hemd, durchtrainiert  und gut gepflegt würde niemand in Udo den Wohnungslosen vermuten. „Für die Deutschen muss ein Obdachloser dreckig und betrunken sein, das ist in den Köpfen so drin“, sagt der 49-Jährige. Und hat es sich deshalb zur Mission gemacht, mit Generalisierungen aufzuräumen.

 

Und wie plant ein Wohnungsloser seine Zukunft? „Vielleicht kann ich mir später ein Elektrorad leisten“, sagt Udo und lacht. Dann wird er ernster: „In einer Wohnung würde mir die Decke auf den Kopf fallen.“ Und auch er hat Träume, würde am liebsten in einem kleinen Wohnwagen auf einem Campingplatz alt werden.  

Der Artikel  ist unter anderem im Main-Echo erschienen.

Infokasten: Über
die Würzburger Wärmestube

 

Die Würzburger Wärmestube ist eine Einrichtung der Christophorus-Gesellschaft, Gesellschafter des ökumenischen Zusammenschlusses sind das Diakonische Werk Würzburg, der Caritasverband für die Diözese Würzburg und die katholische Kirchenstiftung St. Johannes in Stift Haug. Finanziert wird die Wärmestube zum großen Teil über die Gesellschafter, zudem über Zuschüsse von Stadt, Landkreis und Regierung sowie über Spenden. Beschäftigt sind dort hauptamtlich zwei Sozialpädagogen, eine 400-Euro-Kraft und zwei Praktikanten. Unterstützt werden sie von rund 40 ehrenamtlichen Helfern. Geöffnet ist die Wärmestube täglich zwischen 10 und 16 Uhr und bietet Aufenthalt und Hilfe für Menschen in unterschiedlichen schwierigen Lebenslagen.

Michael Thiergärtner spielt mit Besuchern der Wärmestube Karten. Soziale Kontakte und ein geregelter Tagesablauf sind den Gästen hier wichtig.

Foto: Michaela Schneider