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Indianergesänge auf uralten Wachswalzen
Der Psychologe Carl Stumpf ließ Forschungsreisende vor gut100 Jahren Tondokumente weltweit

sammeln – Einige der Tonträger hat das Adolf-Würth-Zentrum in Würzburg wieder hörbar gemacht


Von Michaela Schneider

Würzburg Menschen machen Musik. Überall auf der Welt, in allen Kulturen und seit Urzeiten. Die Bellakula-Indianer, mongolische Volksstämme, die Ureinwohner Sri Lankas.  Und der Gestaltpsychologe Carl Stumpf (1848 – 1936) wollte herausfinden warum. Um Belege und Beweise für die Kulturentwicklung zu sammeln, gab er Forschungsreisenden, Kolonialbeamten und Missionaren Phonographen mit ins Gepäck und bat sie, Sprachen und Gesänge aus aller Welt zu konservieren. Als Aufnahmemedium dienten in jenen Tagen Wachswalzen.  58 davon, sorgsam in Pappdöschen verstaut, lagen lange Zeit im Archiv des Adolf-Würth-Zentrums für Geschichte der Psychologie in Würzburg, ohne dass man dort wusste, welche akustischen Geheimnisse sie tatsächlich behüten. Neugierig wurde Zentrumsleiter Armin Stock, als er eine Ausstellung über Carl Stumpf plante. Zu sehen ist diese noch bis Ende des Jahres 2017.


Wer aber war dieser Carl Stumpf? Geboren wurde er 1848 im unterfränkischen Wiesentheid, studierte unter anderem bei Franz Brentano in Würzburg, betrieb hier erste tonpsychologische Studien. Später wurde der Psychologe und Musikforscher nach Stationen unter anderem in Prag, München und Halle nach Berlin berufen und begründete dort ein Phonogrammarchiv. Mit Zeichnungen des Sohnes, Apparaturen der Musikpsychologie, Fotografien und Textdokumenten zeichnet Armin Stock in der Ausstellung  „Carl Stumpf und die Anfänge der Gestaltpsychologie“ das Leben des Wissenschaftlers sowie die Erfolge seiner Schüler nach.  Der Anlass: Im Frühjahr 2014 hatte das Adolf-Würth-Zentrum einen wissenschaftshistorisch bedeutenden Teil von dessen Nachlass geschenkt bekommen.


Als Armin Stock nun bei der Ausstellungsvorbereitung die 58 Wachswalzen gemeinsam mit Restauratorin Esther Gildemann in Augenschein nahm, gab nur die Beschriftung Hinweise auf die Aufnahmen. Zwischen 1901 und 1930 waren sie demnach entstanden – und zwar in aller Welt. Anders als die meisten anderen Dokumente in der Ausstellung, stammten sie nicht aus der Schenkung von 2014 und lagen schon viel länger mehr oder weniger unbeachtet im Archivschrank. „Wir hatten einen Verdacht, worum es sich handeln könnte, sicher wussten wir dies nicht“, sagt Stock. Er vermutet: Nach Würzburg gelangt waren die Wachswalzen seinerzeit wohl über Umwege, gehörten einst zum Arbeitsmaterial des weltweit bekannten Gestaltpsychologen Max Wertheimer, einem Schüler und späteren Mitarbeiter von Carl Stumpf.


Ein Glücksfall für die Würzburger Wissenschaftler, denn 1923 hatten Carl Stumpf und sein Kollege Erich Moritz von Hornbostel das zu jenem Zeitpunkt bereits 10000 Aufnahmen umfassende Phonogrammarchiv eigentlich dem Staat geschenkt. Es  wurde erst der Berliner Hochschule für Musik zugewiesen, später dem Museum für Völkerkunde – dem heutigen Ethnologischen Museum in Berlin. In aller Welt waren Forschungsreisende auf Klangfang gegangen. Etliche der Aufnahmen waren zudem während des ersten Weltkriegs in 32 Gefangenenlagern entstanden, beauftragt war damit eine eigens eingerichtete Kommission aus Sprachforschern. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Sammlung auf mehr als 30000 Aufnahmen an. Heute zählt sie zum „Memory of the World“ der UNESCO.


Und 58 Wachswalzen lagen nun also in Würzburg. Anhören konnten Armin Stock und Esther Gildemann diese allerdings anfangs nicht. Da war zunächst die Furcht, die „Tonträger der Urzeit“, wie Stock sie betitelt, zu zerstören, denn anders als spätere Schellack- oder Langspielplatten sind Wachswalzen extrem empfindlich und können nur wenige Male abgespielt werden. Während der Aufnahme wurde der über einen Trichter eingefangene Schall seinerzeit mit einer Nadel in einer Tiefenschrift auf die Wachswalze geschrieben. Beim Abspielen tastete die Nadel diese Tiefenschrift dann im Wachs ab und setzte sie akustisch verstärkt in den ursprünglichen Klang um. Erst in späteren Jahren gelang es, Kupferabzüge zu erstellen und somit Wachswalzen zu vervielfältigen. Die Originale wurden dabei in der Regel zerstört.


Für die Würzburger Wissenschaftler kam erschwerend hinzu: Nur eine Hand voll Experten weltweit beherrscht es heute, Wachswalzen zu digitalisieren ohne diese zu zerstören – und das zu Kosten, die sich das kleine Adolf-Würth-Zentrum schlichtweg nicht leisten konnte. Was also tun? Professor Stock und Restauratorin Gildemann begannen selbst zu tüfteln. „Wir wollten ein Gerät zur passiven Tonabnahme bauen und jede Walze nur einmal abspielen, um sie minimal zu belasten.“  Eine Apparatur entstand – aus Fischertechnik-Plastikteilen für Modellbaulokomotiven und winzigen Rädchen, einer Uhrmacherdrehbank, einem Standardtonabnehmer sowie einem Wandler, um die analogen in digitale Klänge zu verwandeln.  

„Während der Digitalisierung sahen wir nur das Klangbild am PC. Danach haben wir die Aufnahmen gleich angehört“, erinnert sich Restauratorin Gildemann, ist Monate später immer noch aus dem Häuschen. „Das war der Hammer! Dass unser Apparat funktionierte, war ein Erfolg für sich. Dann waren da diese bewegenden Gesänge. Und schließlich kam die Vorstellung dazu: Da stand vor 100 Jahren ein Mensch und hat irgendwo auf der Welt in einen Trichter gesungen.“ Sie erzählt von chinesischen Instrumentalklängen, bei denen man den Tee förmlich rieche, von Liedern der Bellakula-Indianern, von Gesängen der Vedda.

Einige der Aufnahmen sind in der Ausstellung  „Carl Stumpf und die Anfänge der Gestaltpsychologie“ im Adolf-Würth-Zentrums für Geschichte der Psychologie in Würzburg zu hören. Zugänglich machen will Professor Stock sie aber einer viel breiteren Öffentlichkeit und vor allem Wissenschaftlern rund um den Erdball. Deshalb hat er die 100 Jahre alten Tondokumente online im Ton-Archiv des Adolf-Würth-Zentrums veröffentlicht unter www.awz.uni-wuerzburg,de.

Der Artikel  ist unter anderem  im Main-Echo erschienen.

Haben die „Tonträger der Urzeit“ wieder hörbar gemacht: Restauratorin Esther Gildemann und Professor Armin Stock.


Foto: Michaela Schneider

Infokasten: Über die Ausstellung  „Carl Stumpf (1848 – 1936) und die Anfänge der Gestaltpsychologie“

Das Adolf-Würth-Zentrum gestaltet regelmäßig Ausstellungen zu wechselnden Themen. Derzeit behandelt es anhand zahlreicher Originaldokumente das Werk und Leben des Psychologen Carl Stumpf (1848-1936) und seiner Schüler Wolfgang Köhler (1887-1967), Kurt Koffka (1886-1941), Kurt Lewin (1890-1947), Max Wertheimer (1880-1943) und Friedrich Schumann (1863-1940), die durch die Begründung der Frankfurter und der Berliner Schule der Gestaltpsychologie Weltruhm erlangten. Die Ausstellung kann Montag bis Donnerstag zwischen 9 und 17 Uhr sowie freitags von 9 bis 14 Uhr nach vorheriger Anmeldung besichtigt werden. Anmeldung unter Telefon 0931/318-8683 oder per E-Mail: awz@uni-wuerzburg.de