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Wenn Menschen äußerlich und innerlich im Chaos versinken
Deutschlandweit leiden knapp zwei Millionen Menschen unter dem „Vermüllungssyndrom“,
Tendenz steigend – Sozialpädagogen zeigen Hilfsmöglichkeiten, aber auch Grenzen des Eingreifens auf


Von Michaela Schneider
Würzburg
Rund um das Bett der jungen Frau stapelten sich Müll und Essensreste. Ja, sie hatte aufräumen wollen, immer wieder. Doch meistens fehlte nach den kräftezehrenden Arbeitsschichten als Pflegerin die Kraft. Und blieb einmal ausreichend Energie, sah Wibke Schmidts Klientin zwischen Abfallbergen und Unrat einfach kein Land mehr. Das erstickte jede Initiative im Keim. Wibke Schmidt arbeitet als Sozialpädagogin beim Sozialpsychiatrischen Dienst des Landkreises Würzburg. Regelmäßig ist sie im Einsatz, wenn sich in Wohnungen Müllsäcke bis zur Decke stapeln, wenn Menschen äußerlich wie innerlich im Chaos versinken.  Zusammen mit ihren Kolleginnen Karin Drechsel und Juditha Weiß sowie dem Leiter der Betreuungsstelle des Landkreises Würzburg, Eberhard Blenk, spricht sie über das Vermüllungssyndrom.


Die Erfahrung zeigt: In der Regel melden sich Dritte beim Landratsamt. Die Betroffenen selbst fallen oft - außerhalb der Wohnung – nicht weiter auf, wirken äußerlich nicht verwahrlost, leben eher zurückgezogen und reden oft aus Scham nicht über ihre Wohnsituation. Meist sind es Vermieter, Nachbarn oder Angehörige, die sich beim Landratsamt melden – zum Beispiel, weil ein unangenehmer Geruch im Treppenhaus auffällt. „So kann man doch keinen Leben lassen“ oder „das Amt muss was tun“ sind Sätze, die das Team des Sozialpsychiatrischen Dienstes häufig hört. Hilfs- und Interventionsmöglichkeiten gibt es, ebenso bestehen aber auch klare Grenzen des Eingreifens.  


Der Berufsverband Deutscher Psychologen geht davon aus, dass deutschlandweit knapp zwei Millionen Menschen unter dem Vermüllungssyndrom leiden, Tendenz steigend. „In den letzten sechs, sieben Jahren gehen bei uns immer mehr Anrufe ein“, beobachtet auch Wiebke Schmidt. Eine Ursache mag dabei die zunehmende Zahl an Singlehaushalten sein. „Das Syndrom tritt so gut wie immer bei alleinstehenden Menschen auf“, so ihre Erfahrung. Ob der Desorganisationsproblematik eine psychische Erkrankung zugrunde liegt, ist unter Experten übrigens strittig. Fakt ist: Das Vermüllungssyndrom ist bis dato nicht als Krankheit anerkannt.


Ein Blick auf die Begrifflichkeit: Geläufiger dürfte den meisten Menschen der Begriff Messie-Syndrom sein. Dieser leitet sich aus dem Englischen ab, das Wort „mess“ bedeutet übersetzt „Unordnung“ oder auch „Schwierigkeiten“, „Chaos“.  „Messie“ ist eine Wortschöpfung der amerikanischen Pädagogin Sandra Felton. Sie war selbst betroffen und gründete in den 80er Jahren die Selbsthilfegruppe „Messies Anonymus“. Vom „Vermüllungssyndrom“ indes sprach im Jahr 1984 erstmals der Hamburger Arzt und Psychoanalytiker Peter Dettmering, das Wort hat aber für manche seiner Kollegen heute einen zu negativen Beigeschmack. Die offizielle Bezeichnung lautet deshalb  „Desorganisationsproblematik“, auch ist von „horten“ die Rede.  

Sozialpädagogin Karin Drechsel beschreibt mehrere Stufen. Erste Stufe: eine geordnete Unordnung, der Betroffene sammelt zum Beispiel Zeitschriften in Kartons, diese stapeln sich bis zur Decke, Gänge sind in der Wohnung aber noch erkennbar. Als Beispiel erzählt die Landratsmitarbeiterin von einem Senior, der seit 40 Jahren Dinge sammelt, die er eines Tages wissenschaftlich bearbeiten will. Grund für die Sammelleidenschaft können Lebenswünsche sein, aber auch Verlusterfahrungen. Für den Außenstehenden wirken die Gegenstände wie Unrat, für den Sammler haben sie wesentliche Bedeutung.

Bei Stufe Nummer zwei ist die Wohnung unter Gegenständen und Müll verschwunden, der Bewohner schläft auf und zwischen Müllsäcken.  Bei den drastischsten Fällen schließlich sind die Räume nicht mehr bewohnbar, häufig  quellen Toiletten über, sind Rohre verstopft. Als Sonderform nennt Drechsel schließlich noch die Tierhortung. In manchen Fällen sehen die „Sammler“ Tiere als Ersatz für menschliche Kontakte, in anderen Fällen steht eine missionarische Rettung im Vordergrund – etwa im Fall einer Frau, die verletzte Vögel in ihrer Wohnung hortete.   

Die Ursachen fürs Vermüllungssyndrom können vielfältiger Natur sein. Sie reichen von einer Kindheit im Heim oder in Armut über biografische Entgleisungen wie Verluste durch Scheidung oder Tod bis hin zu Zwangserkrankungen. Auch ADHS, Suchterkrankungen, Psychosen, depressive und bipolare Erkrankungen oder hirnorganische Defizite wie eine Demenz können eine Rolle spielen.  


Welche Möglichkeiten aber haben Mitarbeiter des Landratsamts oder der Stadt, wenn sich zum Beispiel Nachbarn oder Vermieter melden? „Die rechtlichen Hürden, tätig zu werden, sind sehr hoch“, sagt Sozialpädagogin Schmidt. Hintergrund ist Artikel 13 im Grundgesetz, demnach gilt die Wohnung als besonders geschützter Raum. Allein eine vermüllte Wohnung, Geruchsbelästigung, Ungeziefer wie etwa Mücken oder eine Schimmelbildung rechtfertigen keine behördlichen Maßnahmen. Anders sieht dies aus, wenn die Verbreitung von Infektionskrankheiten droht – etwa durch Ratten. Ebenfalls ein Interventionsgrund: konkrete Hinweise auf Brandgefahr. Ausschließlich Selbstgefährdung genügt nicht. Eine weitere Möglichkeit einzugreifen: Die Rechte Dritter werden verletzt, weil die Substanz der Mietsache erheblich gefährdet  ist. Auf zivilrechtlichem Weg kann der Mieter eine Unterlassungsklage oder auch eine außerordentliche fristlose Kündigung bewirken.   

Betroffenen bieten die Mitarbeiter des Landratsamtes Hilfen an – aber in so gut wie allen Fällen auf freiwilliger Basis. Zwar gibt es das so genannte Bayerische Unterbringungsgesetz, Voraussetzung für eine Zwangseinweisung sind jedoch eine psychische Erkrankung oder Suchterkrankung und eine akute Gefährdungssituation. Beim Vermüllungssyndrom allein ist dies so gut wie nie der Fall. Es besteht die Möglichkeit eine gesetzliche Betreuung. Voraussetzung: Die betroffene Person befindet sich in einer hilflosen Lage aufgrund einer psychischen Erkrankung oder Suchterkrankung. Den entsprechenden Antrag können Dritte, aber auch Betroffene selbst stellen. Eingesetzt wird ein Betreuer jedoch nie gegen den Willen eines Menschen.


Wie aber sehen mögliche Hilfen im Konkreten aus? „Wir versuchen zunächst, wieder eine halbwegs menschenwürdige Wohnsituation herzustellen und eine Wohnungskündigung zu vermeiden“, sagt Sozialpädagogin Juditha Weiß. Längerfristiges Ziel: dem Klienten zu Selbstständigkeit verhelfen. Liegen psychiatrische Grunderkrankungen oder zum Beispiel eine Sucht vor, werden Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Eventuell können gesonderte Finanzhilfen zur kompletten Entmüllung der Wohnung beantragt werden. Allerdings rät Weiß im praktischen Umgang mit Betroffenen zu viel Sensibilität. Helfer müssten die Sicht des Betroffenen verstehen. Oft sei es sinnvoll, externe Helfer einzuschalten, eine Hilfe durch Familie oder Freunde sei oft zu schambesetzt. Wichtig seien überschaubare Ziele. Manchem Messie gebe die Enge der vollgestellten Wohnung Schutz und Sicherheit. Oft fehlten soziale Kontakte, die Menge an Gegenständen erfülle eine kompensatorische Funktion für innere Leere. Wesentlich: Die Wünsche und Bedürfnisse des Betroffenen seien ernst zu nehmen. „Er trifft alle Entscheidungen“, betont die Sozialpädagogin. „Jede Fremdeinwirkung stellt eine Bedrohung dar“, sagt Weiß. Und: So gut wie alle Gegenstände haben eine Bedeutung. Erst müsse an dieser Bindung gearbeitet werden, sonst entstehe der Eindruck, dass nicht Gegenstände im Müll landen, sondern ein ganzes Leben weggeworfen wird. „Das Sortieren beginnt im Kopf“, sagt Sozialpädagogin Weiß.

Der Artikel  ist unter anderem  im  Magazin „Gesundheit!“ erschienen.

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