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Links im Bild: Anna aus Kirgisistan.

Foto: Michaela Schneider

Fremde Heimat Kirgisistan

Im Theater Augenblick verarbeitet Regisseur Stefan Merk Annas Geschichte. Dafür
reiste er mit der Schauspielerin nach Zentralasien. Anna ist ein Mensch mit einer geistigen Behinderung.


von Michaela Schneider

Kirgisistan. Nicht nur auf der Landkarte war für Anna die alte Heimat unsagbar weit entfernt. Mit 25 Jahren war die junge Frau mit ihren Eltern und ihrer Schwester nach Deutschland gekommen. 20 Jahre ist das her – solange hatte sie die Heimat nicht gesehen. Und doch waren Kindheit und Jugend in Zentralasien für die schüchtern wirkende Frau ständig präsent. Annas Problem: Ihr fällt es manchmal schwer, ihre Gedanken und Gefühle in klare Worte zu fassen. Ja, sie erzählt, gelegentlich auch sehr konkret und anschaulich von Kühen und riesigen Gebirgen, von der Küche im Heim, von einem Bruder, der an Tuberkulose starb, von der Ermordung des Opas, von einer klaren Trennung zwischen Männer- und Frauenwelten. Doch nicht immer begreift ihre Umwelt, worüber sie spricht. Vermutlich war es Sauerstoffarmut, die bei Annas Geburt eine geistige Behinderung verschuldete - vielleicht auch die Infektion eines Hundebisses in früher Kindheit.


Annas Vergangenheit ist traurig – handelt von schweren Verlusten, auch von Misshandlung. Im russischen Kirgisistan gab es damals keine Alternative, behinderte Kinder kamen ins Heim und durften die Familien nur in den Ferien besuchen. Auch Anna kam mit sieben Jahren in ein Heim, immer gequält von der der Sehnsucht, nach Hause zu wollen. Ihre persönliche Geschichte handelt zudem von einem Leben zwischen den Welten: In der Kindheit in Kirgisistan als Deutschstämmige im russischen Heim; als Erwachsene in Deutschland mit sprachlichen und kulturellen Barrieren konfrontiert.


Und doch wirkt die 46-Jährige heute zufrieden, hat ihre neue Heimat gefunden. Anna ist hauptberufliche Schauspielerin am „Theater Augenblick“, einer Einrichtung der Mainfränkischen Werkstätten in Würzburg. Im kommenden Jahr wird ein  Teil ihrer persönlichen Geschichte, verknüpft mit fiktiven Elementen auf der Theaterbühne im Ortsteil Lengfeld zu sehen sein. In die Hauptrolle schlüpfen wird Anna selbst. Im Vorfeld war Theaterleiter und Regisseur Stefan Merk dafür mit der 46-Jährigen, ihrer Schwester Eva und seiner Kollegin Angelika Scheidig ins ferne Kirgisistan gereist. Die kleine Gruppe hatte Annas Heimatdorf besucht und Orte wie die Dorfkirche, ihre einstigen Wohnhäuser und das Behindertenheim angeschaut. Für die 46-Jährige eröffnete sich damit die Chance, mit den Kindheits- und Jugenderlebnissen nach mehr als 20 Jahren endlich ein Stück weit abzuschließen.

„Komisch“ sei das Gefühl gewesen zu Beginn der Reise, erzählt Anna. Angst, vor dem, was sie erwarten würde, mischten sich mit der Vorfreude auf den Flug. Auch für Stefan Merk bedeutete die vom Förderverein des Theaters finanzierte Reise Einblicke in völlig fremde Welten, geprägt von Traditionen und bäuerlichem Leben in rauher Berglandschaft. Hotels? Fehlanzeige. Geschlafen wurde in Privathäusern auf Sofas. Begegnungen und Erlebnisse hielt das kleine Team auf Videokamera fest.


Einen Titel hat das neue Schauspiel – ein Stück weit Drama und doch mit vielen komischen Elementen - noch nicht. Die Handlung steht im Groben, die Rollen in der Schauspieltruppe sind verteilt. Jetzt geht es in den Proben darum, einzelne Szenen zu kombinieren, zu improvisieren und Details auszuarbeiten. Ein Vorgehen, wie es Theaterleiter Merk schon seit Theatergründung im Jahr 1998 praktiziert. Die ersten Inszenierungen waren auf wechselnden Bühnen in verschiedenen Städten zu sehen. Mit Erfolg: Dem Sonder-und Theaterpädagogen Stefan Merk gelang es rasch, die Löhne der Schauspieler über Einnahmen zu erwirtschaften, Ausgaben für Bühnenbild und Kostüme müssen wie bei anderen Theatern auch über  Kulturförderung oder Spenden finanziert werden.


2004 konnte das „Theater Augenblick“ dann - nach sechs Jahren Wanderschaft - seine eigene Spielstätte in Lengfeld eröffnen. Acht Menschen mit Behinderung arbeiten hier hauptberuflich als professionelle Schauspieler, das ist bayernweit einzigartig. Unterstützt werden sie auf der Bühne von zwei nichtbehinderten Schauspielern und auch einmal von Studenten oder Praktikanten der Mainfränkischen Werkstätten. Etwa 30 Mal tritt die Truppe pro Jahr auf. Zudem werden Gastgruppen und Künstler mit und ohne Behinderung eingeladen – dann kümmern sich die Schauspieler des „Theater Augenblick“ um Einlass und Getränkeverkauf. Ein wichtiger Motivationsschub fürs Theaterteam folgte im Jahr 2009: Nach vier Jahren ständigem Programm, erkannte die Stadt Würzburg das Theater Augenblick als funktionierende Spielstätte an. Das bedeutete nicht nur zusätzliche Fördermittel – sondern vor allem auch eine Gleichbehandlung mit den übrigen „normalen“ Bühnen der Stadt. Im Jahr 2011 wurde das Theater mit der Kulturmedaille der Stadt Würzburg ausgezeichnet.


Ein Herzensanliegen ist es dem Regisseur, dass seine Schauspieler möglichst viele eigene Ideen in die Stücke einbringen. Gesprochen wird deshalb viel – zum Beispiel über eigene Erfahrungen und Gefühle. In Rollenspielen versetzt sich die Runde in ungewohnte Situationen. Nach und nach entwickelt sich aus der pädagogischen Arbeit heraus dann ein Theaterstück.  


Dabei scheut der Regisseur auch schwierige Themen nicht: Das Erfolgsstück „Himmel, Hölle und die Lust am Leben“, etwa drehte sich um Pränataldiagnostik und die Frage: Ist ein Leben mit Behinderung lebenswert? Dass nun Annas Geschichte die Grundlage für ein Theaterstück bilden wird, ergab sich eher zufällig. Stefan Merk hatte mit dem Gedanken gespielt, das Thema „Heimat“ aufzugreifen. „In der Schauspielgruppe hat jeder von seiner Heimat erzählt“, erinnert er sich. „Anna sprach von Kirgisistan, aber wir konnten uns ihre Heimat einfach nicht vorstellen. Irgendwann haben wir gesagt: Um Anna zu verstehen, müssen wir dorthin fahren.“

Die Anforderungen, die der Regisseur an sich und sein Team bei jedem neuen Stück stellt, sind dabei hoch: „Wir wollen gute Stücke machen, wie viele behinderte und  nichtbehinderte Schauspieler auf der Bühne stehen, ist erst einmal egal.“ Eine Bühne nicht nur als Ort der Integration und Begegnung, sondern vor allem mit hohem künstlerischem Anspruch.


Auch jetzt, während der Probe zu Annas Stück, fällt auf, wie sehr die Schauspieler der Mainfränkischen Werkstätten Profis sind. Peter zum Beispiel nickt immer mal wieder auf seinem Stuhl am Vorhangrand weg – auf der Bühne ist er dann aber zu 100 Prozent da. Alex - mit seinen 24 Jahren der jüngste im Team - macht den Pausenclown, sobald sich die Chance ergibt. Dass er sich voll auf seine Rolle konzentrieren kann, ist schwer vorstellbar. Doch sobald er in die Haut des tollpatschigen Detektivs schlüpft, entwickelt er sich zum wahren Improvisationstalent. Er bringt die kleine Zuschauerschaft immer wieder zum Schmunzeln, zitiert aus dem Stehgreif Heinz Erhardt und wechselt auch Mal zwischen fränkischen Dialekt und Schweizerdeutsch hin und her. Das habe er sich von Emil im Fernsehen abgeguckt, erzählt der 24-Jährige später.


Alex in der Rolle des urkomischen, grotesken Antihelden Agent 008 auf der einen Seite, Elemente aus Annas bewegender Lebensgeschichte auf der anderen: Dieser Kontrast wird es letztlich sein, von dem das neue Stück des „Theater Augenblick“ leben wird. Die Geschichte selbst ist dabei fiktiv und spielt in einem namenlosen Land. Trotzdem basiert sie auch auf den Eindrücken der Reise und auf Annas Erinnerungen. Filmsequenzen zeigen die Frau während des Flugs, Szenen aus Kirgisistan und Begegnungen vor Ort. Die Handlung des Theaterstücks: Anna und ihr Mann leben seit einigen Jahren in Deutschland. Ihr Bruder durfte damals nicht nach Deutschland, weil ihn die Armee des totalitären Regimes brauchte. Bruder und Schwester können sich nicht sehen, weil Einreisebestimmungen dies verbieten. Als der Bruder einen Suizidversuch unternimmt, ist Anna verzweifelt. Ihre Freundin besorgt ihr falsche Pässe und sie reist in ihre alte Heimat. Der Geheimdienst und sein  Agent 008 halten Anna für eine gefährliche, kriminelle Person und denken, dass sie einer Schlepperbande angehört. Sie nehmen die Verfolgung auf. Agent 008  ist Anna dicht auf den Fersen. Diese besucht die Orte ihrer Kindheit, am Ende gelingt es, den Bruder mit nach Deutschland zu nehmen.


Wie aber geht es Anna damit, dass sie nun bei den Theaterproben auf so direkte Weise mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird? Schon in Kirgisistan durfte sie unterwegs selbst entscheiden, welche Orte sie wiedersehen wollte – und welche nicht. Vor allem vor der Küche im Behindertenheim hatte sie Angst – erinnerte sich an harte Arbeit und Schläge. Trotzdem ließ sie sich auf die Konfrontation ein. „Als Anna sah, dass es dort heute ganz anders aussieht als einst, und ganz anders zugeht, war sie wie ausgewechselt“, sagt Merk. Die Vergangenheit hat für die 46-Jährige ein Stück weit ihren Schrecken verloren. „Ich bin stolz von meinen Gefühlen her, dass meine Geschichte im Theater gespielt wird“, erzählt sie jetzt und grinst. Und auch, wenn es noch mindestens ein halbes Jahr bis zur Premiere dauern wird, ist Anna schon gespannt, was das Publikum zum Theaterstück sagen wird.


Infokasten: Karten fürs Theater Augenblick

Karten für die nächste Spielsaison ab dem 8. November im „Theater Augenblick“ gibt es ab Oktober, Kartenreservierung unter Telefon 0931/2009017. Die Stücke und die genauen Termine können im Internet abgerufen werden unter www.theater-augenblick.de Die Premiere zu Annas Stück ist im Frühjahr 2014 geplant.

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Der Artikel ist in „Franken. Magazin für Land und Leute“ erschienen.

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