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Seelischer Amoklauf
Mit „Terrorkind“ von Karsten Laske feiert das Gewinnerstück des Leonhard-Frank-Preises
in den Kammerspielen des Mainfranken Theaters Würzburg seine Uraufführung


Von Michaela Schneider

Würzburg „Erst ist er ein ABC-, dann ein Amokschütze“, sagt die Mutter. Die Angst um den fünfjährigen Sohn frisst sie auf; die Komplexität der Welt lässt sie scheitern. 2015 hatte Autor  Karsten Laske mit seinem Drama „Terrorkind“ den Leonhard-Frank-Preis gewonnen, jetzt feierte das Stück in den Kammerspielen des Mainfranken Theaters Würzburg seine Uraufführung. Rund 80 Stücke waren bei dem Dramatikerwettbewerb des Theaters in Zusammenarbeit mit der Leonhard-Frank-Gesellschaft eingereicht worden, das Thema lautete „Angstfrei“.  Wegen der besonderen Sprachkraft, auch wegen der sehr modernen Form der Dramatik fiel die Wahl der Jury letztendlich auf  Laskes Werk. An sich schon nahe gehend, gewinnt „Terrorkind“ an zusätzlicher Kraft durch Tim Stefaniaks zugespitzte, vom Hochdramatischen bis ins Slapstickhafte reichende Inszenierung.


Der Blog einer amerikanischen Mutter lieferte Karsten Laske die Inspiration zu seinem Drama. Die Bloggerin wittert im fünfjährigen Sohn einen potentiellen Amokläufer. Am Gehirn sei erkennbar, wer einmal ein Verbrecher werde, schreibt sie. Er habe den Blog, er habe diese Mutter gehasst, erzählt Laske. Mit „Terrorkind“ spürt er nun nach, wie und warum eine Mutter zu einer solchen Frau werden kann. Eine junge, alleinerziehende Mutter ist in seinem Drama völlig überfordert mit der Erziehung des Sohnes, mit den gesellschaftlichen Anforderungen. Dann wird sie – gefangen in einer Straßenbahn wie ein Fisch im Aquarium – Augenzeugin eines Amoklaufs. Bevor der Attentäter erschossen wird, kommt es zwischen ihm und der Mutter zum Augenkontakt. Von nun an sieht sie im eigenen Sohn einen potentiellen Amokläufer und die Gewalt wie ein Geschwür aus dem Körper des Kindes wachsen.


Angelegt ist „Terrorkind“ dabei eigentlich als Ein-Personen-Stück, als Fließtext geschrieben verzichtet Laske auf eine Rollenzuordnung. Die Mutter spricht all jene Gedanken aus, die eine Mutter sonst nicht laut zu sagen wagen würde – und dies in einer sprachlichen Bildgewalt und Anschaulichkeit, die gleichsam schockiert und fesselt. Regisseur Tim Stefaniak entscheidet sich in seiner ersten abendfüllenden Inszenierung für einen hochgelungenen Kniff: Er lässt die Mutter nicht von einer, sondern zwei Frauen spielen. Manchmal sprechen sie synchron, bewegen sich wie choreographiert. Freiheit sei eine Illusion, sagt die Mutter. Sie befolge Anweisungen und Abläufe. Dann wieder streiten sich die Frauen - zwei oder noch viel mehr Facetten einer Persönlichkeit brechen heraus, tiefe innere Zerrissenheit, Widersprüchlichkeiten.


Mit Claudia Kraus und Christina Theresa Motsch agieren dabei zwei optisch bewusst sehr unterschiedliche, im blastürkisenen Kleidchen gleich gekleidete Frauen (Kostüm Veronica Silva-Klug) auf der Bühne. Beide punkten gleichermaßen mit Wandelbarkeit auf Knopfdruck, lassen tief in das Seelenleben einer Frau zwischen Überforderung und Wahnsinn blicken. Die beiden fantasieren Szenarien, spulen wieder auf Anfang, funktionieren, wüten, hetzen Smartwatch-Daten, Facebookfreunden und Treueherzen nach, greifen zu Kettensäge und Hammer, um ein Kind zu erschaffen, das immer brav sein will. Während die eine wild den eigenen Kopf gegen den Boden hämmert, fließt der anderen, der Apathischen, das Blut von der Stirn.


Dabei bewegen sie sich im weißen, steril-gefliesten Ambiente (Bühne Anika Wieners). Mehrere quadratische Hocker, ein Waschbecken und eine schwarze Maske mit übergroßen Augenlöchern dienen als Requisiten. Zusammengearbeitet hat das Regieteam zudem mit dem Musiker, Sounddesigner und DJ Jens Mahlstedt. Nicht im Übermaß, aber sehr gezielt untermalt er Emotionen mit Klangbildern.


Nein, mit gutem Gefühl verlässt man die Kammerspiele nach 80 Minuten seelischem Amoklauf nicht. Denn das Beklemmende und letztlich Herausragende der Inszenierung ist: So überzogen, so wahnsinnig Karsten Laskes „Terrorkind“-Mutter sein mag, spiegelt das Drama zugespitzt eben doch Situationen und Gefühle, Ängste und Gesellschaftszwänge, die sehr greifbar sind, doch meist unausgesprochen bleiben.   


Dauer: 80 Minuten (ohne Pause); weitere Vorstellungen: 20 Uhr:  05.06./ 11.06./ 18.06./ 28.06./ 06.07./ 13.07.

Der Artikel  ist unter anderem  in den Nürnberger Nachrichten erschienen.