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Die Retter der schönen Worte
Der Verein deutsche Sprache macht sich für Sprachvielfalt stark – Zum
„Tag der deutschen Sprache“ ein Interview mit dem Regionalvorsitzenden Bernhard Sturn


Von Michaela Schneider

Unterfranken Klapprechner statt Laptop, Aussetzer statt Blackout: Vor allem Anglizismen sind dem „Verein deutsche Sprache e.V.“ ein Dorn im Auge. Doch nicht nur das: Der weltweit tätige Verband mit rund 36000 Mitgliedern macht sich stark für Sprachvielfalt und ruft unermüdlich ins Bewusstsein, über welchen Sprachschatz Muttersprachler hierzulande eigentlich verfügen. Vor allem geschieht dies Jahr für Jahr am zweiten Septembersamstag. Dann nämlich ruft der Verein den „Tag der deutschen Sprache“ aus. Ein Gespräch mit Dr. med. Bernhard Sturn, dem  Regionalvorsitzenden in Unterfranken. Der 63-jährige Arzt lebt in Kitzingen.


Was hat der „Verein deutsche Sprache“ gegen Fremdworte im deutschen Sprachgebrauch?

Bernhard Sturn: Wir haben nichts dagegen, Fremdwörter in die deutsche Sprache aufzunehmen, aber wir müssen sie verarbeiten. Ein Beispiel: Niemand macht mehr Leibeserziehung, der Begriff passte nicht in die heutige Zeit. Stattdessen gehen wir zum Sport. Das Wort stammt aus dem Englischen, wir sprechen es aber Deutsch aus. Auch der Streik, das Fenster, der Kiosk, Klamauk oder Amok sind Lehnworte, die aber von der Intonation her in die Sprache eingepasst wurden. Beim Laptop und dem Blackout sieht das anders aus. Und oft ist der deutsche Begriffe auch einfach treffender. Das Mountainbike wird nicht nur in den Bergen gefahren, früher sprachen wir viel passender vom Geländerad. Vor allem ist es für uns ein Unterschied, ob Fremdworte spracherweiternd und sprachergänzend oder aber sprachverdrängend wirken.


Das heißt, sie wollen die Sprachvielfalt bewahren. Wo geht diese verloren, können Sie Beispiele nennen?

Sturn: Heute ist alles „fair“. Im „Lexikon der bedrohten Worte“ finden sich dagegen so schöne Begriffe wie „redlich“ oder „rechtschaffen“.  Und überall ist heute nur noch vom „Ticket“ die Rede, dagegen beschreiben Worte wie Fahrkarte, Flugschein,  Eintrittskarte oder Strafzettel viel detaillierter, worum es sich handelt.  


Hinzu kommt, dass die Deutschen englische Begriffe erfinden, die es gar nicht gibt...

Sturn:   Genau, vor allem die Werbebranche, aber auch manche Medien neigen dazu, Dinge neu zu benennen, bekannte Beispiele für „Denglisch“ sind das Handy oder der Beamer. Das kann zu manchem Missverständnis führen. Unser „Public Viewing“ heißt übersetzt „öffentliche Aufbahrung“. Und ein „Backshop“ ist in Amerika ein Schwulentreff. Entsprechend verwundert  war die Bevölkerung dort, als bei uns plötzlich an jeder Ecke ein „Backshop“ eröffnete.


Beeinflussen in Zeiten der Globalisierung nicht vor allem auch Unternehmen die Sprachentwicklung?

Sturn:  Mit Sicherheit. Hier beobachte ich: International agierende Unternehmen in Deutschland benennen neue Dinge zunächst Englisch. Dann kürzen Sie die Titel und Begriffe oft wieder ab, weil sie viel zu kompliziert sind. Ein Beispiel ist SUV (Sport Uitility Vehicle), ein Vielzweckauto. Das macht Sprache erst recht nicht schön.


Woher kommt das, warum stehen wir nicht zu unserer Sprache?

Sturn: Die Deutschen schätzen oft das Andere mehr als das Eigene. Das war zum Beispiel auch mit französischen Wörtern so. Vor rund 100 Jahren wurde „Bahnsteig“ statt „Perron“ vorgeschlagen oder „Abteil für „Coupe“. Das schien zunächst undenkbar – heute sind die Begriffe fester Bestandteil im Sprachgebrauch. Die Angelsachsen sprechen mit Blick aufs Sprachverhalten der Deutschen von „sprachlicher Unterwürfigkeit“.  


Eingangs sagten Sie, Fremdwörter müssten verarbeitet werden. Aber entwickelt sich Sprache nicht eigenständig weiter? Wie viel Einfluss kann man als Verein überhaupt nehmen?

Sturn: Mit unserer Aktion „Lebendiges Deutsch“ im Jahr 2008 haben wir gezeigt, wie lebendig Sprache sein könnte, wenn man sie bewusst weiterentwickelte. Wir haben damals die Bevölkerung aufgefordert, nach Alternativen zu Anglizismen zu suchen. Uns erreichten wunderbare Vorschläge. Statt des Brainstormings schlug man uns nicht nur die Denkrunde vor, sondern zum Beispiel auch das Neuronengewitter oder den Synapsentango. Schön, oder? Wir haben einen Anglizismenindex entwickelt, dieser umfasst inzwischen 7700 englischsprachige Wörter, Tendenz steigend. Er soll für deutsche Entsprechungen werben, die in mindestens 80 Prozent der Fälle gut möglich wären, zum Beispiel „Rangliste, Reihenfolge, Reihung“ für „Ranking“.


Aber dem Verein geht es nicht nur darum, Fremdworte zu vermeiden, oder?

Sturn: Nein, natürlich nicht. Wir wollen die Sprachkultur in allen Bereichen fördern. Ein Wort ist mehr als eine Ansammlung von Buchstaben. Ein Wort hat eine Seele und einen Klang, der Assoziationen wach ruft. Mit Blockbuster etwa bezeichnen wir heute einen Kinofilm. Wörtlich übersetzt handelt es sich dabei aber um eine Luftmine, mit der Häuser in die Luft gejagt werden. Für die Kriegsgeneration ist „Blockbuster“ deshalb ein sehr schwieriger Begriff, der dramatische Erinnerungen wach ruft.


Was machen Sie sonst noch, um Einfluss auf die Sprachentwicklung zu nehmen?

Sturn: Wir versuchen, die Schönheit der deutschen Sprache ins Bewusstsein zu rufen, positive Anreize zu schaffen und Kräfte zu stärken, die sich um die deutsche Sprache bemühen. Deshalb verleihen wir Preise, es gibt ein „Haus der deutschen Sprache“ oder eine „Straße der deutschen Sprache“, wir pflegen unseren Netzaufritt. Und am Tag der deutschen Sprache machen wir alljährlich bewusst, welchen Sprachschatz wir besitzen.


Was macht Sie persönlich noch traurig, wenn Sie die Entwicklung unserer Sprache betrachten?

Sturn: Schlimm finde ich Fäkalausdrücke, die immer mehr in die deutsche Sprache einsickern. Man sieht heute nicht mehr schlecht, sondern scheiße aus. Die Engländer waren übrigens völlig entsetzt, als die Kanzlerin vom Shitstorm gesprochen hat. Ein Brite würde das Wort nie in den Mund nehmen.

Der Artikel  ist unter anderem  in den Fränkischen Nachrichten erschienen.

Bernhard Sturn, Vorsitzender der Regionalgruppe Unterfranken des „Vereins für deutsche Sprache“.


Foto: Michaela Schneider