Michaela Schneider - Freie Journalistin in Würzburg
Ich schreibe für Sie!
Guten Tag!.Journalismus.Schwerpunkte.Leseproben.Fotografie.Schöne Literatur.Veröffentlichungen.Kontakt.
Hier finden Sie eine Auswahl
an Verlagen und Agenturen,
für die ich schreibe:

Impressum

Meine AGB

Fränkischer Tag

Franken.Das Magazin für Land und Leute

Presse & Kommunikation Saremba GmbH

KulturGut

Museumsmagazin ZeitenRaum

Tanner Werbung GmbH

Ideeologen - Gesellschaft für neue Ideen

Main-Echo

Heragon Verlag

Augsburger Allgemeine

Fränkische Nachrichten

„Für immer die Heimat verloren“

Familiendrama In „Immer noch Sturm“ befasst sich Peter Handke mit den Partisanenkämpfen
der Slowenen und mit seiner eigenen Vergangenheit – Premiere am Mainfrankentheater

 

Von Michaela Schneider

 

Würzburg Ein riesiger Riss klafft auf der Bühne des Mainfrankentheaters in Würzburg. Mal fließt Wasser zwischen den zwei Fragmenten - oder vielleicht sind es Tränen? Dann verfärbt sich die Flüssigkeit blutrot. Und auch der namenlose Mann auf der Bühne ist zerrissen – wie seine Familie, seine Heimat und seine Volksgruppe. „Vorfahren, ihr lasst mich nicht in Ruhe“, ruft er den Ahnen zu. In „Immer noch Sturm“ arbeitet Peter Handke die Partisanenkämpfe der Slowenen gegen die deutsche Wehrmacht auf – und damit auch seine eigene Vergangenheit. Der österreichische Autor kam 1942 als Sohn des deutschen Wehrmachtssoldaten Erich Schönemann und der Kärtner Slowenin Maria Siutz zur Welt.

 

Das Werk einem Genre zuzuordnen fällt schwer. Familiendrama, Epos einer Volksgruppe oder Historienstück? Einfacher lässt es sich mit Handkes eigenen Worten beschreiben: „Immer noch Sturm“ betitelte er selbst als „historisches Traumspiel“ und lässt offen, wie viel eigene Familiengeschichte und wie viel Fiktion darin stecken. Ein namenloser Ich-Erzähler (Kai Christian Moritz) - wohl Handke selbst - sitzt zu Beginn auf einer Bank inmitten des Jaunfelds. Irgendwann und irgendwo in Kärnten. Nach und nach erscheinen ihm unter einem Apfelbaum seine slowenischen Vorfahren: die Großeltern (Max de Nil und Franziska Kleinert), die eigene Mutter (Edith Abels), die Onkels (Kai Markus Brecklinghaus, Boris Wagner und Robin Bohn) und die Tante (Maria Brendel). Mal beobachtet der Ich-Erzähler sie nur, mal wird er selbst zum Teil der Handlung und rekonstruiert seine Familiengeschichte ab den 30er Jahren bis nach dem zweiten Weltkrieg.

 

Von den fünf Geschwistern überleben auf der Bühne nur Gregor und die Mutter des Erzählers. Benjamin und Valentin fallen an der Front, Ursula und Gregor schließen sich den slowenischen Widerstandskämpfern an. Ursula wird gefasst und hingerichtet.  Die eigentliche Tragik am Ende des Stücks aber ist zudem: Als Slowenien nach dem Krieg in die Volksrepublik Jugoslawien eingegliedert wird, bleibt das Minderheitenproblem ungeklärt. Gregors Euphorie, „dass wir die Macht verkörpern, zum ersten Mal in der Geschichte“ weicht bald der Erkenntnis: „Keiner von den neuen Besatzern spricht unsere Sprache.“ Die Familie gesteht sich ein: „Ja, wir haben das Unrecht begangen. Das Unrecht, hier geboren zu sein.“

 

Nach der Premierenvorstellung war ein Wort immer wieder zu hören: „Anstrengend“. Das mag an der Thematik selbst liegen. Vor allem aber verzichtet das Mainfrankentheater während der mehr als zwei Stunden in Rückblenden komplex rekonstruierten, volle Konzentration einfordernden Handlung auf die übliche Pause. Ob dies ein guter Schachzug ist, sollte das Theaterteam hinterfragen. Eine Verschnauf- und Rekapitulationspause fehlt, um das wortgewaltige Drama in allen Facetten voll erfassen zu können.

 

Das Stück selbst indes – 2012 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet – ist hervorragend, Bernarda Horres Inszenierung sehr gelungen und  Anja Jungheinrichs Bühnenbild passend minimalistisch. Auch steht die Leistung des gesamten Ensembles außer Frage. Vor allem die Rolle des zerrissenen Ich-Erzählers ist mit Kai Christian Moritz hervorragend besetzt – auch wenn Bernarda Horres damit von den meisten anderen Inszenierungen abweicht, denn meist begegnet ein alter Mann am Ende seines Lebens den Vorfahren. Dass in Würzburg ein Mann schon in jüngeren Jahren von der Suche nach seiner familiären Identität aufgerieben wird, verleiht dem Drama zusätzliche  Kraft. Ist es doch umso ernüchternder, bereits in der Mitte des Lebens zu erkennen: „Einmal die Heimat verloren – für immer die Heimat verloren“.

 

Fazit: Ein Theaterbesuch lohnt, bringt man ausreichend Sitzfleisch mit, befasst sich am besten schon im Vorfeld mit dem historischen Hintergrund und ist am Abend selbst voll konzentriert.

 

 

 

Infokasten: über den historischen Hintergrund

 

Zum historischen Hintergrund: 1941 schlossen sich im Bundesland Kärnten Mitglieder der slowenischen Volksgruppe zusammen, um bewaffneten Widerstand nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht zu leisten. Denn: Das Gebiet Slowenien sollte entvölkert, Slowenen mit deutschen Vorfahren sollten eingedeutscht werden. Bauern und zwangsrekrutierte Soldaten auf Heimaturlaub, aber auch junge Frauen fanden sich in den Wäldern zu bewaffneten Kadern zusammen – dies war der einzige Partisanenkampf innerhalb des Dritten Reichs. Tatsächlich verdankte Österreich diesen Freiheitskämpfern nach der Kapitulation seine Unabhängigkeit – trotzdem geriet das Kapitel der Geschichte vielfach in Vergessenheit.

Der Artikel ist im Main-Echo erschienen.