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Heine-Puppen, Scanzoni-Zange, Röntgenstrahlen
Sternstunden und Charakterköpfe der Würzburger Medizingeschichte im 18. und 19. Jahrhundert


Von Michaela Schneider
Würzburg
Für Medizinstudenten zählte Würzburg im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten Hochschulen im deutschsprachigen Raum. Eine Charité in Berlin steckte in jenen Tagen indes noch in den Kinderschuhen. Und so erstaunt es nicht, dass sich in der unterfränkischen Stadt am Main manche frühe Sternstunde der Wissenschaft abspielte – und dass sie reichlich Charakterköpfe hervorbrachte. Intensiv mit diesen Männern beschäftigt hat sich Dr. Andreas Mettenleiter, Lehrbeauftragter am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg. Zudem ist der 47-jährige Medizinhistoriker Vorstandsmitglied der Sieboldgesellschaft. An der hiesigen Volkshochschule sprach er im Rahmen des „Studium generale“ über „Sternstunden und Charakterköpfe der Würzburger Medizingeschichte im 18. und 19. Jahrhundert“.


Tatsächlich beginnt die – mit Quellen belegbare - Geschichte der Würzburger Medizin bereits im Mittelalter und der frühen Neuzeit; im Fokus standen in den Anfangsjahren die fürstbischöflichen Leibärzte. Allerdings spielte – neben dem alten überlieferten Wissen – in jenen Tagen viel Aberglaube und Scharlatanerie in die Medizin hinein. Ein erster wichtiger Meilenstein in der Würzburger Medizingeschichte folgte im Jahr 1576 mit der Gründung der Juliusspital-Stiftung. Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn (1545 – 1617) vermisste in Würzburg eine ausreichende Zahl von Armen- und Krankenhäusern, das Spital stiftete er in Folge aus seinem Privatvermögen. Die sogenannte „steinerne Stiftungsurkunde“ ist bis heute im Durchgang zum Garten zu sehen – inklusive einem Kranken und einem Wundarzt mit einer Salbenkiste.


Sprung ins 18. Jahrhundert – zunächst in ein düsteres Kapitel. Mediziner der Würzburger Universität waren in jenen Tagen auch damit beauftragt, Gutachten im Zuge der Hexenprozesse zu erstellen und die Existenz magischer und hexerischer Fähigkeiten nachzuweisen. Doch wo Schatten, da ist auch Licht. Gleichzeitig machte laut Mettenleiter eine bedeutende Familie von sich Reden – und sollte den medizinischen Fortschritt maßgeblich mitgestalten. Die Rede ist von den Siebolds, einem Namen, an dem man in Würzburg kaum vorbeikommt, ob es um Ortsbezeichnungen, Straßennamen, ein Gymnasium oder ein eigenes Museum geht.


Los ging es mit dem Militärchirurgen Carl Caspar von Siebold (1736 – 1807). Er kam 1760 mit französischen Truppen nach Würzburg, der Fürstbischof nahm ihn unter seine Fittiche. Aus der Siebold-Familie sollte eine ganze Dynastie von Ärzten hervorgehen, die der zunächst noch unbedeutenden medizinischen Fakultät der Würzburger Universität zu einer ersten Blüte verhalf. International bekanntester Spross dürfte der Japanforscher Philipp Franz von Siebold gewesen sein (1796 – 1866) – und seine Tochter Ine Kusomoto (1827 – 1903) wurde bedeutende Geburtshelferin am japanischen Kaiserhof in Tokio. Doch noch einmal kurz zurück zu Carl Caspar. Wie aus seinen Aufzeichnungen hervorgeht, lautete die Devise in jenen Tagen, bei Operationen vor allem schnell sein, denn die Narkose war noch nicht erfunden.


Und Carl Caspar holte einen weiteren spannenden Charakterkopf nach Würzburg: Johann Georg Heine (1771 – 1838), einen Messerschmied aus dem Schwarzwald. Carl Caspar hatte verschiedene medizinische Instrumente von seinen Reisen mitgebracht und hoffte nun, dass dieser Heine sie ihm nachbauen könne. Doch der handwerkte im Folgenden noch vielmehr – zum Beispiel einen speziellen Rollstuhl mit Vorrichtung, um die Halswirbelsäule zu entlasten, chirurgische Instrumente aller Art und vor allem seine berühmten „Heine-Puppen“. Die dienten nicht als Spielzeug, sondern um orthopädische Krankheitsbilder dreidimensional zu veranschaulichen – und Heine wird heute gerne auch als „Vater der Orthopädie“ betitelt. Um die 200 dieser Puppen gab es einst. Ein Satz wurde nach St. Petersburg an den Zarenhof verkauft und liegt bis heute in der russischen Metropole. Ein Nachbau konnte in jüngster Zeit gefertigt werden und ist nun in der „Würzburger Prothesensammlung“ in den Räumen des Zentrums Bayern Familie und Soziales (ZBFS) Region Unterfranken ausgestellt.


Auch ein anatomisch interessierter Schüler von Carl Caspar sollte laut Mettenleiter nicht Unbedeutendes leisten, Franz Kaspar Hesselbach (1759 – 1816). Der Hammelburger kam 1778 nach Würzburg, gab Operationsunterricht an der Leiche, fungierte als Prosektor in der Anatomie – und entwickelte ein Faible für Leistenbrüche. Diese Operationen waren seinerzeit nicht ungefährlich aufgrund tückischer Varianten der im Leistenbereich verlaufenden Blutgefäße. Mit seiner detaillierten Abhandlung über Leistenbrüche sowie hunderten sorgfältig hergestellter Präparate brachte Hesselbach das anatomische Wissen seiner Zeit weiter voran. Und wieder geht es zurück zu den Siebolds – jetzt zum Geburtshelfer Adam Elias von Siebold (1775 – 1828). Der nämlich leitete im Jahr 1804 den Bau der ersten Gebäranstalt, aus der die Universitäts-Frauenklinik entstand. Lange Zeit waren Geburten alleinige Aufgabe von Hebammen gewesen, Ärzte hatten sich darum nicht gekümmert. Das änderte sich nun maßgeblich.


Zu den großen frühen Medizinern zählte auch Rudolf Virchow (1821 – 1902), der zwischen 1849 und 1856 Würzburg als Professor für Pathologie und Pathologische Anatomie arbeitete – und hier sehr fortschrittliche lehrte. Auf den Tischen des neu errichteten „Medizinischen Kollegienhauses“ hinter dem Juliusspital waren in jenen Tagen Schienen verlegt, so dass Mikroskope von Student zu Student fahren konnten. Virchow beschrieb nicht nur als erster die Krankheit Leukämie, forschte über venöse Thrombosen und die Bedeutung der Gewebezellen, vor allem schrieb er mit seiner Theorie der Zellularpathologie Medizingeschichte. Sie besagte erstmals, dass Krankheiten auf Störungen der Körperzellen basieren.


Und noch ein anderer Mann sollte für einen Straßennamen in Würzburg sorgen, der Gynäkologe Friedrich Wilhelm von Scanzoni (1821 – 1891). Zwischen 1850 und 1888 hatte er an der hiesigen Universität den Lehrstuhl für Geburtshilfe inne, entwickelte die nach ihm benannte Scanzoni-Zange wie auch das Scanzoni-Manöver – einer Zangenentbindung bei hinterer Hinterhauptslage. Gleich zweimal bestellte die russische Zarin Maria Alexandrowna Scanzoni zu ihren Entbindungen ein – und löste einen regelrechten Medizintourismus aus: Wer im russischen Hochadel etwas auf sich hielt, reiste zur Behandlung nach Würzburg. Untergebracht wurden die hohen Herrschaften im „Russischen Hof“, der deshalb bis heute diesen Namen trägt.


Spricht man über Würzburger Medizingeschichte, kommt man an einem Namen natürlich nicht vorbei: an Wilhelm Konrad Röntgen. Der Physiker experimentierte am 8. November 1895 mit einer Hittorfröhre, untersuchte eigentlich elektrische Gasentladungen. Plötzlich begann ein beschichtetes Papier zu leuchten. Als seine Hand zwischen Röhre und Leuchtschirm geriet, sah er Knochen. Die X-Rays oder Röntgenstrahlen waren – rein zufällig – entdeckt.  Der Physiker tüftelte weiter, am 22. Dezember gelang ihm die Anfertigung eines Röntgenbildes von der Hand seiner Frau, Knochen und Ring sind gut zu erkennen. Die Entdeckung revolutionierte vor allem die medizinische Diagnostik, aber auch die Erforschung des Mikrokosmos und des Weltalls. 1901 erhielt Wilhelm Konrad Röntgen den Nobelpreis für Physik. Im einstigen Institut Röntgens – am später nach ihm benannten Röntgenring – befindet sich heute eine Gedenkstätte.


Und Wilhelm Konrad Röntgen soll nicht der einzige Nobelpreisträger bleiben – die Würzburger Medizingeschichte schreibt sich im 20. Jahrhundert bis heute fort. Wichtige Grundlagen aber wurden  laut dem Medizinhistoriker Mettenleiter schon früh gelegt –  hieran erinnern bis heute Straßennamen wie die Scanzonistraße, der Stadtteil Sieboldshöhe oder auch bedeutende Einrichtungen wie das Rudolf-Virchow-Zentrum für experimentelle Biomedizin.

Der Artikel  ist unter anderem  im Main-Echo erschienen.

Infokasten: Literaturtipp „Geschichten aus dem Juliusspital“


Das Juliusspital gilt als die Keimzelle des Würzburger Uniklinikums und der Medizinischen Fakultät. Medizinhistoriker Andreas Mettenleiter hat am Rande seiner wissenschaftlichen Forschungen Unterhaltsames und Kurioses aus der langen Historie des Spitals zusammengetragen; die ersten beiden Bände seiner „Juliusspital-Geschichten“ sind bereits erschienen. Insgesamt ist eine fünfteilige Serie geplant.