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Im Stadtgarten Nürnberg darf mitgärtnern, wer möchte. Es wird gemeinsam gekocht,
Ernteerträge werden geteilt. Bewusst pflanzen die Stadtgärtner alte Sorten an und klären über Nachhaltigkeit auf.


„Mich nerven Supermärkte mit glatt poliertem Obst“

Von Michaela Schneider
Unzählige Gießkannen schleppt Anne Heinrich zu den Hochbeeten, gießt, befüllt neu. Gute drei Stunden wird die 29-Jährige heute Tomaten und Kräuter, Erdbeeren und Bohnen mit dem Lebensnass versorgen. Anne Heinrich ist eine von gut 25 Freiwilligen, die sich im Stadtgarten Nürnberg aktiv  engagiert – einem 2000 Quadratmeter großen ehemaligen Parkplatz in Nürnberg Eberhardshof hinter den ehemaligen Quellegebäuden. Statt Autos „parken“ hier Hochbeete mit mehreren hundert Gemüse-, Obst- und Kräutersorten. Die Nürnberger gärtnern im vierten Jahr. Dabei vereinen sie zwei Konzepte: Das „Urban Gardening“ - zu Deutsch städtisches Gärtnern – und das Prinzip der Gemeinschaftsgärten.


Urbaner Gartenbau ist, nimmt man`s genau, so alt wie die Städte selbst. Ohne schnelle Transportmittel und Kühlmöglichkeiten mussten früher etliche Lebensmittel vor Ort produziert werden. In Paris zum Beispiel bauten im 19. Jahrhundert rund 8500 selbstständige Gärtner Obst und Gemüse an. Ihre Gärten bedeckten ein Sechstel der Stadtfläche. In Zeiten von Flugzeugen, Lastwagen und Kühlketten verloren Stadtgärten an Bedeutung. Bricht jedoch die Infrastruktur zusammen –durch Naturkatastrophen, Krieg oder auch Streiks – kann glücklich sein, wer selbst produziert. Rasch kommt es zu Versorgungsengpässen – schlichtweg weil der Lebensmittelhandel bei verderblichen Waren auf einen Verkauf innerhalb von drei Tagen ausgerichtet ist.  


Das Prinzip der Gemeinschaftsgärten ist indes eine junge Bewegung und begründet sich auf dem Wunsch nach mehr Selbstbestimmung in einer globalisierten Welt und einer Rückbesinnung auf die Natur als Gegenpol zum grauen Asphaltdschungel der Städte. Es wird gemeinsam gepflanzt, gegärtnert, gegossen und gegessen. Besitz gibt es nicht, Ernteerträge teilen die Stadtgärtner auf.  Erste Gemeinschaftsgärten gründeten sich in Großstädten wie Berlin, Leipzig, München, Zürich, Hamburg oder New York. Inzwischen ist die Bewegung auch in etlichen kleinen Städten angekommen. Ein Blick auf die Überblickskarte der Münchner Organisation „anstiftung“ zeigt: Gemeinsam gestadtgärtnert wird in Franken etwa in Coburg, Bamberg, Schweinfurt, Bayreuth, Würzburg, Nürnberg, Ansbach oder Dinkelsbühl – teils gleich in mehreren Stadtteilen.  


Im August 2014 trafen sich in Nürnberg die Initiatoren urbaner Gartenprojekte aus ganz Deutschland – verabschiedet wurde einige Wochen später ein „Urban Gardening Manifest“. Seine Autoren erhoffen sich, „einen gesellschaftlichen Diskurs über die Bedeutung von Gemeinschaftsgärten im öffentlichen Raum und über die Bedeutung von Stadtnatur“ anzustoßen. Gleichzeitig fordern sie Entscheidungsträger in Politik, Planung und Verwaltung zur Unterstützung auf, um der Bedeutung von Gemeinschaftsgärten durch verbindliche Regelungen nachhaltig gerecht zu werden.


Die Nürnberger starteten ihr Stadtgarten-Projekt im Jahr 2012 – und waren damit im Fränkischen mit als erste dran. Von der Geburtsstunde an dabei: die 36-jährige Manja Rupprecht. Sie war damals bereits aktiv bei „Blue Pingui“ – einem gemeinnützigen Verein in Nürnberg, der sich seit 2009 in verschiedenen Bereichen des nachhaltigen Lebens engagiert. Eine kleine Gruppe um die Betriebswirtin schrieb es sich damals auf die Fahnen, für mehr Grün in Nürnberg zu sorgen. Vor der Idee zum Stadtgarten standen dabei so genannte Guerilla-Gardening-Aktionen – eine Bewegung, die auf den Umweltaktivisten Richard Reynolds zurückgeht. Er begrünte ab 2004 in anarchischen Aktionen Städte als politisches Statement. Auch die Nürnberger zogen nachts mit Taschenlampen los und bepflanzten Baumscheiben, bastelten mit Kindern Samenbomben, verschenkten diese bei Aufklärungsaktionen.


2012 ergab sich die Chance, ein Gelände von der Insolvenzverwaltung Quelle AG zu pachten.  „Wir hatten bei Infoständen gemerkt: Fehlt die Affinität zum Thema Nachhaltigkeit, bringt`s nichts, einfach nur mit Informationen zu bombardieren“, erzählt Manja Rupprecht. Der Stadtgarten biete nun ganz andere Möglichkeiten der Aufklärung. So wollen die Nürnberger zum Beispiel sensibilisieren fürs Thema Sortenvielfalt und altes Saatgut, denn Fakt ist heute: Herangezüchtetes Obst und Gemüse aus Hybridsamen ist längst nicht nur in Supermärkten und Discounterketten Alltag, sondern selbst in Bio-Läden. Viele alte Pflanzensorten sind bereits so gut wie vergessen. Die Nürnberger Stadtgärtner setzen ganz bewusst auf hybridfreie Abwechslung: Allein 25 alte Tomatensorten, zehn Kirsch- und fünf Apfelsorten wachsen in den Hochbeeten. Gepflanzt wird, was die Aktiven ernten wollen. Rupprecht etwa bezeichnet sich als die „Tomatentante“ und hängt zudem an den Erdbeeren. Eine Sorte nämlich stammt aus dem Garten ihres Vaters in Dresden und bedeutet für die Sächsin ein Stück Heimat in Franken.


Weil Senior Horst Blumen liebt, blüht es zwischen den Obst- und Gemüsebeeten in leuchtenden Farben. Nicht nur die Menschen, sondern auch die Bienen freut`s. Der 30-jährige Ian Bühler kümmert sich im Stadtgarten schon im dritten Jahr um die fleißigen Bestäuber. Eine dramatische Arbeit – im Winter starben zwei der bis dato drei Bienenvölker. Der Wahl-Nürnberger dachte ans Aufhören, sagt inzwischen: „Es gibt Pflanzen, die ohne Bienen nur einen Bruchteil des Ertrags brächten. Wir brauchen Bienen.“ Jetzt haben die Nürnberger ein neues Volk von Freunden geschenkt bekommen.

Übrigens ist es heute alles andere als leicht, an manches altes Saatgut überhaupt ranzukommen. Viele Samen hatten die Nürnberger übers Internet bestellt, inzwischen gewinnen sie selbst Saatgut – und nicht nur für den Eigenbedarf. In diesem Februar hatten die Stadtgärtner zu einem Saatgutfestival mit Tauschbörse eingeladen, erlebten einen riesigen Andrang.


Ähnlich sah es vor einigen Wochen beim Jungpflanzenverkauf aus. Denn der Stadtgarten finanziert sich zwar weitgehend über Spenden, Stiftungen und Firmen, das engagierte Team versucht trotzdem über eigene Projekte ein Stück Unabhängigkeit zu wahren. Immerhin fällt keine Pacht mehr an, denn der Stadtgarten ist in diesem Jahr auf ein neues Gelände des Quelleareals umgezogen, das die Stadt kostenfrei zur Verfügung stellt. Möglich war ein flotter Umzug auch, weil ganz bewusst in transportable Hochbeete gepflanzt wird – übrigens allesamt selbst gebaut aus alten Europapaletten, Aufsetzrahmen und Folie. Im Winter werden die Beete einfach dicht zusammengeschoben, um winterharte Pflanzen vor Frost und Kälte zu schützen, im Frühjahr wird der Stadtgarten neu gestaltet. Heuer prägen das Gelände eine Allee und ein Dorfplatz.

Der Dorfplatz ist dabei wichtiger Treffpunkt. Gegossen wird natürlich, wenn nötig, jeden Tag – zusammengenommen bis zu 100 Stunden pro Woche. Zum Gärtnern trifft sich das Team aus 24 sehr Aktiven und gut 40 Aktiven an drei Tagen pro Woche. Jeden Samstag wird zudem auf besagtem Dorfplatz gemeinsam gekocht. Im Frühjahr kaufen die Stadtgärtner dafür noch Lebensmittel zu, in der Hauptsaison genügen die Erträge aus dem Stadtgarten.  Gäste sind dabei explizit willkommen, seine Macher wollen mit dem Stadtgarten bewusst Raum für Begegnung schaffen.  Zudem findet auf einmal pro Monat ein öffentlicher Workshop statt, die 15 zur Verfügung stehenden Plätze sind immer ausgebucht. Die Themen orientieren sich an der Saison – im Frühjahr geht`s etwa um Erdbeeren, im Herbst um Kartoffelgerichte. Mal werden Standardgerichte aufgepeppt, zum Beispiel mit originellem Kräuterpesto, mal wird eingelegt und haltbar gemacht. „Wir wollen das Wissen unserer Großeltern weitergeben und die Leute befähigen, mit Lebensmitteln kreativ und nachhaltig umzugehen“, sagt Manja Rupprecht. Auch gehören zum pädagogischen Konzept der Nürnberger Stadtgärtner Projekttage für Kindergärten.


Die 36-Jährige ist sich sicher, dass die Mitarbeit im Stadtgarten Menschen verändern kann – ihr selbst sei es nicht anders ergangen. „Mich nerven inzwischen Supermärkte mit glatt poliertem Obst und Gemüse, das nach nichts schmeckt“, sagt sie. Sie habe gelernt, dass es Pestizide, Hybrid & Co. nicht braucht, sagt: „Hier will uns die Industrie austricksen.“ Und vor allem schätzt sie im Stadtgarten, Menschen kennenzulernen, die sie sonst nie treffen würde, abseits vom herkömmlichen Freundes- und Kollegenkreis. „Hier kann jeder mitmachen, egal ob jung oder alt. Es spielt keine Rolle, ob man einen super Job hat oder arbeitslos ist, als Single lebt oder mit einer Familie“, beschreibt sie die bunte Stadtgartentruppe.


Manja Rupprecht engagiert sich seit 2012 im Stadtgarten Nürnberg.


Foto: Michaela Schneider


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Der Artikel  ist unter anderem  in „Franken. Magazin für Land und Leute“ erschienen.