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Mit Seehundfellen auf den Berg, auf Eschenholz-Brettern ins Tal
Erst Ende des 19. Jahrhunderts gelangen die ersten
Skier ins Allgäu – Mutige Pioniere brechen damals zu den ersten winterlichen Bergtouren auf


Von Michaela Schneider
Eine Hand voll Bauern aus Vorderburg steht im Dezember 1891 vor einem Rätsel. Durch den Tiefschnee am Grünten schlängelt sich eine sonderbare Doppelspur ins Tal. Klar ist: Weder ein Tier noch ein Schlitten kann für die Abdrücke verantwortlich sein. Doch niemand im Dorf weiß die merkwürdigen Spuren zunächst zu deuten, bis sich herausstellt: Der Hilfslehrer Adalbert Ebner aus Petersthal hat neumodische „nordische Gleithölzer“ ausprobiert. Er gilt damit als einer der Pioniere des alpinen Skisports im Allgäu – und zählt zu den frühesten Skitourengängern in der Region. Der älteste Allgäuer Beleg reicht allerdings noch ein Stück weiter in die Vergangenheit: Quellen zeigen, dass wohl schon 1888 Alpenvereinsmitglieder aus Kempten Skier benutzten.


Dabei sind die Gleithölzer selbst wesentlich älter – nur verwendet man sie zunächst vor allem im Skandinavischen als Gehhilfe im Winter und nicht als Sportgerät. Tatsächlich datieren Wissenschaftler den ersten Skifund auf ein Alter von 4500 Jahren. Entdeckt wird das 110 Zentimeter lange und zehn Zentimeter breite Brett in einem Moor bei Hoting in Schweden. Und eine Felszeichnung auf der norwegischen Insel Rödöy aus jener Zeit zeigt einen Menschen mit Brettern an den Füßen, der sich wohl auf der Jagd befindet. Warum den Kopf des Strichmännchens Hasenohren zieren – nun, das wird wohl ein Rätsel der Geschichte bleiben.


Zum Sport entwickelt sich Skifahren in Skandinavien erst Mitte des 19. Jahrhunderts – damals finden in Christiana, dem heutigen Oslo, bereits erste Skirennen statt. Dass der Wintersport Ende des 19. Jahrhunderts dann auch ins Allgäu vordringt, mag vor allem an einem Bestseller von 1897 liegen: In diesem Jahr erscheint die deutsche Übersetzung von Fridtjof Nansens Werk „Auf Schneeschuhen durch Grönland“. Der Abenteurer hatte auf langen Eichenbrettern im ewigen Eis eine bis dahin einmalige Leistung vollbracht – und plötzlich wollen Menschen allerorts selbst einmal testen, wie dieses „Schneeschuhgehen“ funktioniert. Europaweit gründen sich Skiclubs.


Doch zurück ins Allgäu ins ausgehende 19. Jahrhundert. Als lokaler Skipionier gilt hier vor allem der Kemptener Chirurg Dr. Max Madlener. Skier lernt er auf einer Norwegenreise kennen und nimmt die Bergausrüstung kurzerhand in die Heimat mit. Zusammen mit Franz Xaver Euringer wagt er sich im Februar 1897 als erster mit den langen Bretterln auf den Stuiben bei Immenstadt. Und so gilt der 1749 Meter hohe Berg heute als der älteste Skigipfel des Allgäus. Der Chirurg kommt auf den Geschmack und erobert weitere Allgäuer Berge. Er wird übrigens gerne als Erfinder  des Steigfells betitelt. Ebenfalls spannend: Schon damals fordert der Skipionier, dass für jeden Skiläufer Lawinenkunde sowie Kenntnisse in der Wetterbeobachtung Pflicht seien.


Zudem ein Blick auf den Arzt Dr. Ludwig Gerl aus Hindelang. Der lässt sich ein Paar Skier aus Norwegen senden, scharrt Skibegeisterte um sich und lässt die importierten Stücke nun vor Ort nachbauen. Auch Fritz Heimhuber aus Sonthofen werkelt zu dieser Zeit selbst an einem Paar Gleithölzer. In seiner Werkstatt entstehen übrigens Skier, die – mittig tailliert - nahezu modern anmuten, sie erinnern an Carver. 1901 erklimmen dann Madlener und Heimhuber in zwei Tagen das Nebelhorn. Die Bevölkerung blickt auf die Wagemutigen der Zeit gleichermaßen mit Skepsis und Bewunderung: Während die einen von „Jüngern der weißen Kunst“ sprechen, reden andere abfällig von „Brettleshupfar“.


„In Skandinavien ist in jener Zeit Skisport längst ein Zeitvertreib für Jedermann, bei uns im Allgäu indes nur etwas für bessere Leute wie Advokaten oder Ärzte“, sagt Georg Larsch aus Fischen. Diese hätten sich Reisen leisten können und den Skisport letztlich ins Allgäu „mitgebracht“. Larsch ist Vorsitzender des „Fördervereins Fischinger Heimathaus“. In den Räumlichkeiten mit untergebracht: das FIS-Skimuseum. Etliche Exponate erzählen hier von der Entwicklung des Wintersports von seinen Anfängen bis heute. Von den rund 300 ausgestellten Skiern stammen 30 bis 40 aus der Anfangszeit. „Das sind ganz seltene Stücke aus Skandinavien, Norwegen oder Lappland“, so Larsch. Und auch hier ist ein taillierter Ski  aus Norwegen zu sehen – ähnlich wie ihn Fritz Heimhuber baute.


Zu mehr Bekanntheit in der Region verhilft der neumodischen Sportart aus dem Norden dann tatsächlich auch die Allgäuer Zeitung. In der Beilage „Das illustrierte Blatt der Erfindungen und Entdeckungen“ dreht sich ein Artikel um „Schneeschuhe“ aus Norwegen – inklusive Anleitung wie die  guten Stücke zu benutzen seien. Hauptregel: Die Füße mit dem Schneeschuh dürften nicht von Boden abgehoben werden und seien ziemlich dicht beieinander zu halten. Ein Stab verhelfe zu Gleichgewicht und zum „Hemmen bei sehr stark geneigten Flächen“. Und: Steile Abhänge solle man besser nicht auf „Skis“ herabfahren – dann gehe es so schnell voran, dass der Fahrer leicht das Gleichgewicht verlieren könne. Entdeckt hat die Beilage aus dem Jahr 1898 Georg Larsch übrigens zufällig auf einem Flohmarkt – inzwischen war das seltene Original auch schon auf verschiedenen Ausstellungen außerhalb des Allgäus zu sehen.


Wie die ersten Skifahrer damals zu Touren aufbrechen, zeigt zudem manches alte Foto oder Gemälde: Die Skier selbst sind laut Larsch überwiegend aus Eschenholz und als Steighilfen verwendet man bald Seehundfelle. Gefahren wird anfangs mit Bergschuhen im Telemarkstil und mit nur einem Stock. „Die Menschen fahren im normalen Gewand, Statussymbol der besseren Leute ist beim Skifahren ein weißer Pullover. Frauen tragen natürlich noch keine Hosen, sondern einen Rock“, erzählt Larsch. Männer indes binden Hosen unten mit Bändern zu – daraus entstehen später dann die Knickerbockerhosen. Als recht praktisch erweisen sich bei Skitouren Motorradmütze und Brille.  Zudem in späteren Jahren immer im Gepäck: Skiwachs, Werkzeug und eine rund 25 Zentimeter lange Metallspitze aus Alu. Die wird laut Larsch kurzerhand aufgeschraubt, wenn der Ski während einer Tour abbricht.


Dass sich der Wintertourismus gerade im Oberallgäu schon recht früh entwickeln kann, hängt vor allem auch mit der Infrastruktur zusammen: Immenstadt ist bereits seit 1853 ans Eisenbahnnetz angeschlossen, Sonthofen seit 1873, Oberstdorf ab 1888. Trotzdem erlebt der alpine Skisport einen echten ersten Aufschwung erst in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg. Eine Rolle spielte hierbei das neue Medium Film: 1920 flimmert Arnold Fancks Streifen „Das Wunder des Schneeschuhs“ über die Kino-Leinwände und bringt den Skisport auch jenen Menschen nahe, die bis dahin noch keinen Winter in den Bergen verbracht haben. Zum echten Klassiker entwickelt sich Fancks Komödie „Der weiße Rausch“ aus dem Jahr 1931 – jetzt übrigens mit Ton. Gleichzeitig etabliert sich der Skisport nun als Hochleistungssport: 1931 veranstaltet der Internationale Skiverband im Jahr 1931 die ersten alpinen Skiweltmeisterschaften. Olympische Disziplin werden alpine Skirennen fünf Jahre später bei den Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen.


Einen regelrechten Boom erfährt der Wintersport laut Georg Larsch nach dem Zweiten Weltkrieg. In den Blick rücken zum Beispiel die Oberallgäuer Hörnerdörfer: Mit dem Zug reisen in den 50er Jahren Menschen aus Ulm, Stuttgart und Augsburg in das beschauliche Fischen und starten zur einst deutschlandweit bekannten Hörnertour. Die dauert etwa einen Tag – und am Abend treten die Gäste in Blaichach mit dem Zug wieder die Heimreise an. Im FIS-Skimuseum in Fischen erinnern ein Wandgemälde und Prospekt-Material an die historische Hörnertour.


Der Siegeszug des alpinen Skilaufs zum Breitensport ist endgültig besiegelt. In den folgenden Jahren werden Skigebiete etabliert, Seilbahnen und Skilifte gebaut. Das älteste durch eine Seilbahn erschlossene Skigebiet im Allgäu ist übrigens ein Stück weit älter: Die Nebelhornbahn wird bereits in den Jahren 1920 bis 1930 errichtet und gilt zur damaligen Zeit als technische Meisterleistung.

Der Artikel  ist unter anderem  im  Allgäu-Magazin „Griaß di““ erschienen.