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Von Michaela Schneider

 

Würzburg Unmengen an Literatur wurden über Philipp Franz von Siebold in Japan publiziert. Jedes Kind kennt dort den bayerischen Arzt und Naturwissenschaftler, der Anfang des 19. Jahrhunderts von Nagasaki aus die Natur, Tierwelt und Kultur des Landes erforschte. Er gilt für die Japaner als einer der bedeutendsten Kulturbringer. In seiner eigentlichen Heimat dagegen kennen den gebürtigen Würzburger die wenigsten. Zwar gibt es einen umfangreichen Nachlass, unter anderem im Besitz seiner Nachfahren. Doch wissenschaftlich erforscht hatte die Jugendjahre des Japanforschers in Deutschland lange Zeit niemand – Publikationen drehten und wendeten sich allesamt um Siebolds Wirken in Japan. Und so  ist die Ausstellung „Philipp Franz von Siebold. Jugend in Würzburg 1796 – 1822“ im Würzburger Sieboldmuseum wissenschaftliches Neuland. Konzeptioniert hat sie Dr. Andreas Mettenleiter von der hiesigen Sieboldgesellschaft. Zugrunde liegen ihr rund 15 Jahre Forschungsarbeit.

 

Als Recherche-Ausgangspunkt diente Mettenleiter dabei ein Lexikoneintrag aus dem Jahr 1836 im Brockhaus, den Siebold über sich selbst verfasst hatte. Diesen legte der 44-jährige Medizinhistoriker zugrunde, um tiefer einzusteigen in Siebolds Jugendjahre – um etwa zu hinterfragen, in welchen familiären Verhältnissen er aufwuchs, welche Lehrer und welches Umfeld sein Weltbild prägten. Viele Rückschlüsse konnte Mettenleiter dabei aus der Briefkorrespondenz ziehen – als Halbwaise von der Verwandtschaft groß gezogen, schrieb Philipp Franz von Siebold seinen Onkels, hielt aber zum Beispiel aus Japan auch regen Kontakt zu den Kommilitonen  der Studentenverbindung Corps Moenania. Die Sonderausstellung liefert nun ein umfassendes Bild über Siebold selbst, aber auch über Würzburger Kulturgeschichte und den Abstieg der bischöflichen Residenzstadt nach dem Wiener Kongress zur Provinz im Königreich Bayern, über Studenten- und Verbindungsleben, Medizin und Naturwissenschaften zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

 

Philipp Franz von Siebolds Medizinkarriere war schon mit der Geburt vorgezeichnet: Nicht nur seine beiden Urgroßväter und sein Großvater, auch alle drei Onkels väterlicherseits waren Ärzte. Der Vater hatte die Medizinische Universitätsklinik geleitet, verstarb aber bald nach der Geburt des Sohnes Philipp Franz. Ein Onkel übernahm die Chirurgische Klinik, einer begründete die Geburtshilfliche Universitätsklinik. Die meiste Zeit verbrachte der Halbwaise jedoch bei einem weiteren Onkel: bei dem Geistlichen Franz Joseph Lotz. Dieser ließ den Neffen laut Mettenleiter wie einen Ziehsohn bei sich aufwachsen. Der Medizinhistoriker geht davon aus, dass das Kind während der unruhigen Kriegsjahre viel Zeit auf dem Land verbrachte, denn ab 1797 war Lotz Kaplan in Gänheim. Hier wurde Philipp Franz wohl auch unterrichtet, zudem hatte er Zugang zur Bibliothek des Onkels. 1809 zog Lotz  als Stadtpfarrer in den heutigen Würzburger Ortsteil Heidingsfeld.

 

1814 schrieb sich Philipp Franz von Siebold an der Würzburger Universität fürs Medizinstudium ein. Die Sonderausstellung befasst sich in dem Zusammenhang recht ausführlich mit dem Studentenleben im frühen 19. Jahrhundert. Da liegen Werke von Siebolds Lehrern, Doktorarbeiten und eine Vorlesungsmitschrift. Stiche und Aquarelle  erzählen von Kneipenabenden, Fechtübungen und Mensuren; eine eigene Vitrine widmet sich Siebolds Studentenverbindung, dem Corps Moenania. Deren Nachlass ist mit Blick auf Siebold von großer Bedeutung, denn: Die früheste Sieboldabbildung entstammt einem Stammbuchblatt der Verbindung aus dem Jahr 1815. Mit Kommilitonen sitzt der 19-Jährige hier in auffällig blauer Jacke am Holztisch, die Burschen rauchen Pfeife und trinken.

 

Interessant ist auch: Während Siebold im Brockhaustext über sich schreibt, dass er 1820 zum Doktor promoviert habe, belegen Quellen anderes. Zwar plante er wohl tatsächlich eine Promotion mit dem Titel „Über die Zunge“ und bat in dem Zusammenhang seinen Onkel in einem Brief: Falls er Zungen von exotischen Tieren habe, schicke er sie ihm. Abgegeben wurde die Doktorarbeit jedoch nie.

 

Spannend mit Blick auf Siebolds späteres naturwissenschaftliches Wirken in Japan ist in der Sonderausstellung auch ein Blick in die Botanikvitrinen, zum Beispiel auf ein altes Herbarium, denn: Nach exakt den Methoden, die Siebold in Würzburg kennenlernte, sollte der Forscher in Japan seine umfassenden naturkundlichen Sammlungen anlegen. Diese umfassten neben rund 12000 Herbarbelegen und 800 lebenden Pflanzen auch Präparate von: 187 Säugetieren, 827 Vögeln, 540 Fischen, 166 Reptilien und mehr als 5000 wirbellosen Tieren. Hinzu kamen umfassende ethnografische Sammlungen. Und: Die Japaner verehren Siebold zudem bis heute als den „Überbringer der modernen Medizin“.

 

Wie aber kam es eigentlich, dass Philipp Franz von Siebold nach Japan ging? Zwar schreibt er im Lexikonartikel, dass er sich neben dem Medizinstudium früh auch für Völker und Landeskunde sehr interessierte. Ob das wirklich der Fall war, lasse sich nicht überprüfen, Mettenleiter schließt nicht aus, dass Siebold hier im Nachhinein selbst ein bestimmtes Bild seiner Person prägen wollte. Allerdings habe die Recherche gezeigt: Der junge Siebold bereitete seine Auslandskarriere ganz gezielt vor. Obwohl er ein sehr gutes Examen schrieb, ging er nicht – wie die meisten seiner Kollegen – an eine Klinik. Stattdessen praktizierte er als Arzt in Heidingsfeld und knüpfte gleichzeitig viele wissenschaftliche Kontakte, unter anderem trat er der trat er der Senckenberg-Gesellschaft und der Leopoldina bei. „Er hoffte wohl, dass diese ihn in die Welt schicken“, sagt Mettenleiter. Mancher in der Verwandtschaft war davon wohl wenig angetan, in einem Brief des Kitzinger Onkels an den Neffen ist über die Kolonien nachzulesen: „Dort ist das Grab der Europäer, die nicht wenig sind!“

 

 Siebold rechnete mit einer Expedition nach Brasilien, die Chancen  standen gut, denn: Alexander von Humboldt hatte zuvor ganz Südamerika erforscht – ausgenommen Brasilien. Jetzt aber sollte der Zufall hineinspielen. Die Niederlande waren zu jener Zeit neben China die einzige europäische Nation, die noch Handel mit Japan betreiben durfte. Diesen wollte die niederländische Regierung ankurbeln und war nicht nur auf der Suche nach einem Arzt für die Niederländisch-Ostindische Armee, sondern auch nach einem Naturforscher, der mehr über das Land in Asien herausfindet. Die Wahl fiel auf den jungen Mann aus Würzburg. Über Amsterdam reiste Siebold 1822 nach Nagasaki – der Grundstein für seine Karriere im fernen Osten war gelegt.

 

 

 

„Dort ist das Grab der Europäer, die nicht wenig sind“

Historisches Einer Sonderausstellung über die Würzburger Jugendjahre des
Japanforschers Philipp Franz von Siebold (1796 – 1822) gingen 15 Jahre Forschungsarbeit voraus

 

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Die früheste Siebolddarstellung stammt aus dem Jahr 1815, damals war der Medizinstudent 19 Jahre jung. Zu sehen ist er mit Kommilitonen auf einem Stammbuchbatt des Corps Moenania, einer Studentenverbindung, die es bis heute gibt.

Fotos: Michaela Schneider

       

 

Diese Zeichnung zeigt Philipp Franz von Siebold in späteren Jahren.

 

Siebold im Museum – in Würzburg und der Welt

 

Weltweit gibt es drei Sieboldmuseen. Das Museum in Nagasaki behandelt Siebolds erste Japanreise, das Siebold-Haus in Leiden widmet sich den Beziehungen zwischen Japan und den Niederlanden, mehrere Stücke aus der Sieboldsammlung sind hier zu sehen. Das Sieboldmuseum in Würzburg zeigt schließlich seit 1995 in einer Dauerausstellung verschiedene Exponate zur Ärztefamilie Siebold. Regelmäßige Sonderausstellungen drehen sich um japanische Kunst und Kultur. Zudem ermöglicht die hier ansässige Sieboldgesellschaft einen deutsch-japanischen Kulturaustausch, unter anderem in Ikebana- und Origami-Kursen, bei Teezeremonien oder bei Tanzabenden. Die Sonderausstellung „Philipp Franz von Siebold Jugend in Würzburg 1796 – 1822“ ist bis zum 20. Januar 2013 während der regulären Öffnungszeiten des Museums zu sehen, das heißt Dienstag bis Sonntag zwischen 14.30 und 17.30 Uhr.

 

 

 

Der Artikel ist unter anderem im Main-Echo erschienen.

15 Jahre lang hat Dr. Andreas Mettenleiter über Siebolds Jugendjahre geforscht. Als Ausgangspunkt seiner Forschungen diente ein Brockhauseintrag aus dem Jahr 1836.