Michaela Schneider - Freie Journalistin in Würzburg
Ich schreibe für Sie!
Guten Tag!.Journalismus.Schwerpunkte.Leseproben.Fotografie.Kurzgeschichten.Veröffentlichungen.Kontakt.
Hier finden Sie eine Auswahl
an Verlagen und Agenturen,
für die ich schreibe:

Impressum

Meine AGB

Fränkischer Tag

Franken.Das Magazin für Land und Leute

Presse & Kommunikation Saremba GmbH

KulturGut

Museumsmagazin ZeitenRaum

Tanner Werbung GmbH

Ideeologen - Gesellschaft für neue Ideen

Main-Echo

Heragon Verlag

Augsburger Allgemeine

Fränkische Nachrichten

Sexualität: In aller Munde und doch hochintim

Therapeuten und eine Sexualpädagogin sprechen über sexuelle Bedürfnisse und Probleme
heute, über Möglichkeiten der Paartherapie und über die jugendliche „Generation Porno“

 

Von Michaela Schneider

 

Würzburg Sexualität ist in aller Munde – aber niemand redet darüber: Tatsächlich hat die sexuelle Befreiung in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass Erotik, Sinnlichkeit und Sexualität heute omnipräsent und kein Tabuthema mehr sind. Trotzdem fällt es vielen Menschen im hochintimen Rahmen schwer, über ihre Bedürfnisse, Wünsche und Probleme zu sprechen. Die Allgegenwärtigkeit des Themas setzt Paare erst recht unter Druck. Auf Psychologen und Therapeuten kommen dadurch ganz neue Herausforderungen in der täglichen Arbeit zu. Unter dem Motto „Hinter geschlossenen Türen. Sexualität in Beratung und Therapie“ fand kürzlich in Würzburg eine Fachtagung des Instituts für Integrative Gestalttherapie statt. Am Rande der Veranstaltung bestand die Möglichkeit, mit verschiedenen Expertinnen zu sprechen über sexuelle Bedürfnisse und Probleme heute, aber zum Beispiel auch über Jugend und Sexualität. Die Gestalttherapie selbst zählt zu den erlebnisaktivierenden Psychotherapieverfahren und entwickelte sich aus der und in Abgrenzung zur Psychoanalyse.

 

Gerade in den letzten 15 bis 20 Jahren habe sich im Umgang mit Sexualität ein extremer Wandel vollzogen, sagt Ilse Seifert. Die 58-Jährige arbeitet als Gestalttherapeutin wie auch als Paar- und Sexualtherapeutin in Bad Dürckheim in der Pfalz. Die frühere Frage nach dem „Wie“ stelle sich heute nicht mehr. Auch die Frage, ob es moralisch vertretbar sei Lust zu leben, gehört der Vergangenheit an. Heute sei so gut wie alles erlaubt, Orgasmusblockaden wie einst aufgrund der Erziehung gebe es kaum mehr, so Seiferts positive Erfahrung.

 

Eines der neuen Probleme heute: Lustlosigkeit bei älteren Paaren. „Die Menschen leben viel länger zusammen, schlichtweg weil sie älter werden“, sagt die Therapeutin. Hinzu komme, dass Paare neue Ansprüche ans Beziehungsleben stellten – nicht zuletzt durch die Omnipräsenz von Erotik und Sinnlichkeit in den Medien. „Dass nach etwa fünf Jahren in einer Beziehung die sexuelle Aktivität merklich nachlässt, ist normal“, sagt Seifert. Stress komme auf ein Paar vor allem zu, wenn ein Partner wolle, der andere aber nicht.

 

„Über Sexualität zu sprechen ist leichter geworden, trotzdem bin ich überzeugt: Die wenigsten Paare reden offen über ihre gegenseitigen Wünsche und darüber, was ihnen gut tut“, so die Sexualtherapeutin. Gerade die mediale Häufigkeit von Sexualität löse einen unheimlichen Druck aus, wenn sich in Fernsehen, Internet & Co. allerorts Paare aufeinander stürzten. Propagiert wird zudem ein ganz bestimmtes, ewig junges Körperbild, wie schöne Männer und Frauen auszusehen haben. „Hier werden heute viel rigidere Maßstäbe gesetzt, das Reale früher war gnädiger“, so Seifert. Das Erstaunliche: Es sind vielfach nicht die Männer, die die Frauen unter Druck setzen, sondern die Frauen tun’s selbst. „Sie halten sich nicht mehr für schön, in Folge empfinden sie häufig keine Lust mehr“, sagt die Therapeutin. Als ihre Aufgabe betrachtet sie es hier, bewusst zu machen, dass Maßstäbe von außen gesetzt werden. Und diesen brauchen sich Paare nicht zu unterwerfen.

 

Ihre Empfehlungen für ein erfülltes Sexualleben: Beziehungsharmonie ja, aber nicht zu viel, kurzum: eine gesunde Streitkultur; Zeit füreinander, Seifert spricht von „Paaroasen“ ohne Kinder, Freunde und Fernseher; offene Gespräche; und schließlich ein Loslösen von gesellschaftlichen und medialen Vorstellungen.  

 

Barbara Röser arbeitet seit 20 Jahren mit Paaren. Sie ist Diplom-Sozialpädagogin, Heilpraktikerin, Gestaltpsychotherapeutin wie auch Lehrtherapeutin für Paarsynthese. Heute ist sie selbstständige Paartherapeutin in Wiesbaden. Als ein Problem betrachtet sie, dass Kassen zwar in der Regel Therapiekosten bei sexuellen Störungen zahlen, nicht aber die Kosten für Paartherapien übernehmen. „Sexuelle Störungen sind immer auch Beziehungsstörungen“, sagt die 54-Jährige. In Anspruch nehmen Partner Paartherapien ihrer Erfahrung nach nicht nur in Krisen, sondern auch prophylaktisch. „Letztlich werden wir auf alles vorbereitet im Leben – auf Beruf, Kindererziehung und Co. – nur in die Liebe werden wir hineingeworfen“, sagt Röser.

 

Ein großes Problem heute: Partner seien extrem gestresst und unglaublich vielen Ablenkungen und Reizen ausgesetzt. Hinzu kommt, dass es Männern wie Frauen oft schwer falle, Autonomie aufzugeben und Nähe zuzulassen. Folge: Das Sexualleben schläft ein. Ebenfalls ein Problem der jetzigen Generation: Scheidung ist heute nichts Ungewöhnliches mehr,  gerade Trennungskinder haben oft das Vertrauen in dauerhafte Beziehungen verloren. Zudem spiegelt sich auch in Beziehungen die Konsumgesellschaft wieder. Gelebt wird laut Röser nach dem Motto: „Dann hole ich mir halt den nächsten im Internet“ statt Krisen gemeinsam durchzustehen. Und: Jeder dritte Orgasmus geschehe heute vor dem Computer – ohne realen Partner, versteht sich.

 

Rösers Paartherapie baut auf drei Ebenen auf: auf einem tiefenpsychologischen Teil, der sich mit der Biografie der Partner auseinandersetzt; auf der dialogischen Ebene, die die Partner motivieren soll „von Seele zu Seele“ miteinander zu reden; und auf einem spirituellen Part und der Frage nach dem Sinn. Gerade die tiefenpsychologische Arbeit hält Röser für entscheidend. Hier wird über Erlebnisse in der Vergangenheit gesprochen, dabei sind Mann und Frau im Raum. Letztlich geht es darum herauszufinden, warum der Partner ist wie er ist. „Vielleicht hat eine Frau als Kind keine Geborgenheit erfahren, und zieht sich zurück, wenn der Mann sie auf eine bestimmt Art berührt“, nennt Röser als Beispiel. Er kann damit nicht umgehen, fühlt sich unsicher und verletzt. Umso wichtiger ist nun das Gespräch. Im nächsten Schritt geht es darum, dass die Partner miteinander über Gefühle und Wünsche sprechen und mit der Therapeutin dem Sinn der Beziehung auf den Grund gehen. Röser fasst zusammen: „Nach der Therapie kennen sich die Partner besser. Sie wissen, was sie wollen und was ihnen miteinander wichtig ist.“

 

Was aber wollen nun eigentlich Männer – und was wollen Frauen? Tatsächlich ist es laut Röser kein Klischee, dass Männer vielfach zu wenig Sex beklagen. „Und das ist doch eigentlich etwas Schönes. Es zeigt, dass dem Partner Nähe auch in einer langen Beziehung noch wichtig ist“, betont die Paartherapeutin. Allerdings ergänzt sie auch: Oft werde Häufigkeit eingefordert, weil Qualität fehlt. „Ist der Sex gut, hält die Zufriedenheit viel länger an – auch beim Mann“, so die 54-Jährige. Auch, dass Männer eher auf den Orgasmus fixiert seien, während  Frauen das Vorspiel, mehr Berührung und Ansprache wichtig sind, bestätigt Röser. Allerdings erlebe sie häufig: Auf die Frage, wie sie gern berührt würden, wüssten Frauen häufig keine Antwort, vor allem in der älteren Generation. „Diese Frauen haben schlichtweg ein Leben lang gelernt, sich anzupassen“, so die Therapeutin. Viel Streit beruhe zudem darauf, dass sich Frauen beklagen, die Männer würden’s nicht richtig machen, die Männer wiederum seien dann nazistisch gekränkt und verunsichert  „Partner sollten lernen, in ihren Bedürfnissen aufeinander zu zugehen“, sagt sie, ergänzt: „Es geht um die Frage: Wie kann ich dem anderen helfen?“

 

Sie erlebe durchaus Paare, die auch nach Jahren regelmäßig Sex haben, sagt Röser. „Allerdings wird er zur Routine - wie einmal Sport in der Woche“, so die Therapeutin. Drastisch ausgedrückt spricht sie von „Onanie zu zweit“. Diese Paare müssten das Miteinander erst wieder lernen. Wichtiger Bestandteil der Therapie: Der Mann lerne, seinen Orgasmus zu kontrollieren mittels Beckenboden- oder Atemübungen. Das Ergebnis, betont Röser, sei nicht nur für die Frau wesentlich befriedigender. Trotzdem habe auch der gelegentlich „Quicky“ seine Berechtigung, es brauche männliche wie weibliche Elemente im erfüllten, beiderseits selbstbestimmten, gemeinsamen Sexualleben.

 

„Nicht nur Pornographie hat Einfluss auf die Entwicklung Jugendlicher“

 

Mit ganz anderen Fragen befasst sich indes die Sexualpädagogin Uta Baldauf. Die 49-Jährige arbeitete viele Jahre bei Profamilia in Mainz, inzwischen ist sie freiberuflich tätig. Als „Generation Porno“ würden die Jungen und Mädchen heute in den Medien oft betitelt – davon in Masse zu sprechen, hält sie jedoch für verkehrt. Der Unterschied zu früher: Einst war Pornographie für Jugendliche schlichtweg verboten, heute ist sie durch den Zugang im Internet auf Pausenhöfen & Co. alltäglich geworden. Wichtig sei, Jugendliche medienkompetent zu machen, hier gebe es inzwischen tolle Möglichkeiten, unter anderem nennt Baldauf die EU-Initiative www.klicksafe.de „Das interessante ist: Jugendliche haben sich in der Regel längst positioniert, bevor dies die Therapeuten tun“, sagt sie. Unter anderem erwähnt sie eine Fachstudie, in der 16- bis 19-Jährige zum Thema interviewt wurden. Resultat: Sie gehen wesentlich entspannter mit Pornographie um als Erwachsene. „Die jungen Menschen schauen sich das zwar an, können aber in der Regel sehr gut zwischen Realität und Fake unterschieden“, sagt die 49-Jährige. Ekelpornos etwa auf dem Pausenhof hätten weniger mit Sexualität als mit typischen Jungenmutproben zu tun. „Nicht nur Pornographie hat Einfluss auf die Entwicklung der Jugendlichen. Auch die Erziehung oder zum Beispiel das familiäre Mutter-Frauenbild prägen“, ergänzt die Sexualpädagogin.

 

Die Angst der Eltern, was da passiert: laut Baldauf völlig normal. Aber wie innerhalb der Familie mit dem Thema Aufklärung umgehen? Ein Vater-Sohn-Gespräch“ wie im Film „American Pie“ bezeichnet die Expertin als Unsinn. Sexuelle Bildung sei nie eine einmalige Sache. „Das geht mit der Frage los: Darf Klein-Lisa mit der Mama auf die Toilette oder herrschen viktorianische-prüde Familienverhältnisse“, veranschaulicht sie. Aus dem Kinder-Argument „Ich weiß schon alles“ könnten Eltern zum Beispiel ruhig einmal ein Quiz machen. Und trotzdem kann es laut Baldauf auch richtig sein, wenn ein junger Mensch alles selbst herausfindet. Kurzum: Ein Aufklärungs-Patentrezept für Eltern gebe es nicht. Für wichtiger hält die Pädagogin die schulische Aufklärung, weiß aus guter Erfahrung heraus: „Auch die Tochter einer Sexualpädagogin sagt manchmal: Mama darüber rede ich doch nicht mit Dir!“ In der praktischen Arbeit kommuniziert sie selbst vor allem: „Ihr müsst nichts, egal was Medien zeigen; und nicht alles, was Medien zeigen, gefällt einem Partner; tut das, was euch gut tut; und lernt, Nein zu sagen.“

 

 

 

Der Artikel ist in „Gesundheit - Das Magazin“ erschienen

Sexualpädagogin Uta Baldauf (links) arbeitet mit Jugendlichen. Ilse Seifert ist Paar- und Sexualtherapeutin.

 

Foto: Michaela Schneider