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„Seuchen gab es, gibt es und wird es immer geben“
Mitte des 20. Jahrhunderts glaubte man, Infektionskrankheiten könnten bald ausgerottet
sein - Dies erwies sich als Irrtum – Lepoldina-Präsident blickt auf Herausforderungen heute und morgen


Von Michaela Schneider

Würzburg Infektionskrankheiten verursachen bis heute ein Drittel aller menschlichen Todesfälle. Atemwegserreger wie die Grippe, Aids und Durchfallerkrankungen rangieren hier an erster Stelle, doch auch Tuberkulose, Malaria, Papillomaviren, Masern, Syphilis, Keuchhusten oder Hepatitis fordern immer noch ihre Opfer. Und das, obwohl Mitte des 20. Jahrhunderts mancher Wissenschaftler euphorisch davon ausging, dass Infektionskrankheiten in naher Zukunft komplett besiegt sein könnten. „Sind Seuchen Vergangenheit?“, hinterfragte Professor Dr. Jörg Hacker, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Lepoldina, in einem  Vortrag an der Würzburger Universität. Mit der Antwort ließ der prominente Mikrobiologe nicht lange auf sich warten. „Man braucht kein Prophet sein, um zu sagen: Wir werden Infektionskrankheiten von unserem Planeten nicht in toto eliminieren können.“


Dass der Leopoldina-Präsident den Weg in Würzburgs Hörsaal fand, ist dabei kein Zufall: Ab 1980 hatte er hier als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet, habilitiert, die Professur für Mikrobiologie übernommen und bis 2008 als Vorstand des Instituts für Molekulare Infektionsbiologie gelehrt und geforscht.  Anschließend wurde er zum Präsidenten des Robert-Koch-Instituts in Berlin ernannt, seit 2010 hat der 62-Jährige das Amt des Präsidenten der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle an der Saale inne. Hacker trägt zahlreiche Ehrentitel und ist vielfacher Preisträger, zuletzt wurde er mit dem Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet.


„Seuchen wurden bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als große Bedrohung gesehen“, sagt er, fügt an: „Vor allem, weil man die Gründe nicht kannte.“ Ändern sollte sich dies erst, als deren Untersuchung auf wissenschaftlicher Grundlage erfolgte. Einen entscheidenden Beitrag in Sachen Diagnostik leistete zunächst der deutsche Mediziner, Mikrobiologe und Nobelpreisträger Robert Koch (1843 – 1910), denn: Er konnte als erster aufzeigen, dass Seuchen durch pathogene, sprich Krankheiten verursachende Erreger, ausgelöst und verbreitet werden. 1876 gelang es ihm, den Erreger des Milzbrands außerhalb des Organismus zu kultivieren und er entdeckte unter anderem den Erreger der Tuberkulose.

Erste Medikamente gegen die Krankheitserreger entwickelte in Folge der Arzt und Forscher Paul Ehrlich (1854 – 1915). Experimentiert hatte er zuvor mit Mäusen. Er gewöhnte die Tiere an verschiedene Gifte und beobachtete nach einem gewissen Zeitraum eine Immunisierung. Ehrlich sollte es gelingen, eine medikamentöse Behandlung der Syphilis zu entwickeln, zudem war er an der Entdeckung eines Heilserums gegen Diphtherie beteiligt.  


Als den „vielleicht Modernsten in der Riege der Väter der Mikrobiologie und Bakteriologie“ bezeichnet Professor Hacker schließlich den Chemiker und Mikrobiologen Lous Pasteur. Er ging bei der Entwicklung von Impfstoffen sehr systematisch vor und konnte aufzeigen, dass abgeschwächte Krankheitserreger verwendet werden können, um Impfstoffe herzustellen. Zudem erkannte er als erster die extreme Wandelbarkeit von Erregern.


Diese drei großen medizinischen Entdeckungen – Diagnose, Medikamente und Impfungen - führten in Folge dazu, dass Infektionskrankheiten abnahmen, manche Wissenschaftler gingen davon aus, dass Seuchen bald schon endgültig besiegt sein könnten. „Wir wissen heute, dass diese Einschätzung falsch war“, sagt Hacker.


Das Problem ist dabei nicht allein, dass „alte“ Seuchen nicht ausgerottet wurden, sondern: Seit 1976 kamen laut Weltgesundheitsorganisation mehr als 30 neue Infektionskrankheiten hinzu. Zum Teil waren dies neue, zum Teil Varianten bestehender Erreger – angefangen beim Ebola Virus im Jahr 1977 über Krankenhausinfektionen, AIDS, BSE, das SARS-Virus, die Schweingerippe, EHEC bis hin zum neuen Vogelgrippevirus H7N9 im vergangenen Jahr. Erreger sind extrem wandelbar, das  zeigt das Beispiel Poliovirus. Dieses schafft es, sich in fünf Tagen um etwa zwei Prozent zu verändern. Das menschliche Erbmaterial indes brauchte dafür mehrere Millionen Jahre.


Die Darminfektion EHEC zum Beispiel wurde durch das Stäbchenbakterium E. coli ausgelöst. Diese Bakterien sind zunächst einmal Bestandteil der normalen Darmflora des Menschen. Daraus aber entwickelten sich neue, krankheitserregende Stämme. „Die klare Zukunftsentwicklung: Wir werden solche Varianten zur Kenntnis nehmen und lernen müssen, damit umzugehen“, sagt Hacker.


Mit der Wandelbarkeit einher geht – wie auch bei EHEC -die große Herausforderung der Antibiotika-Resistenzen. „In den 40er und 50er Jahren haben Antibiotika sehr gut gewirkt“, sagt Hacker. Dann allerdings bildeten sich sehr schnell Resistenzen durch Mutationen – das Antibiotikum wirkt nicht mehr, weil es abgebaut, zerstört oder aus dem Mechanismus herausgebildet wird.  „Im Grund werden immer weniger durchschlagende Erfolge durch neue Substanzen erzielt“, sagt Hacker. Resistenzen bilden sich mittlerweile vielfach schon ein, zwei Jahre nachdem die neuen Präparate eingeführt wurden – und zwar nicht nur bei pflanzlichen, sondern auch bei rein im Labor hergestellten, synthetischen Substanzen.


Doch nicht allein die Bakterien an sich, sondern auch der Mensch selbst trägt seinen Teil dazu bei, dass bestimmte Seuchen nicht gänzlich vom Planeten verschwunden sind. Bei den Pocken gelang die Ausrottung mittels radikaler Impfaktion, lediglich in zwei Laboren in Moskau und Atlanta werden heute noch Viren aufgehoben. Anders sieht dies aber zum Beispiel mit Blick auf Kinderlähmung aus. Tatsächlich  ist auch hier der Mensch der einzig mögliche Wirt des Poliovirus‘. Das Virus ist durch konsequentes Impfen heute fast ausgerottet – aber eben nur fast. 1988 registrierte die WHO weltweit 350000 Poliofälle, 2011 waren es nur noch 650 in den drei Ländern Afghanistan, Pakistan und Nigeria. „Hier spielt die Politik mit hinein. Der Impfstoff funktioniert, die Verteilung aber nicht“, sagt Hacker. Radikalislamische Gruppen sehen hinter den Vorsorgemaßnahmen eine westliche Verschwörung, um bei Muslimen unter anderem die Fruchtbarkeit zu reduzieren. Erst im Dezember 2013 erschossen bewaffnete Extremisten im Nordwesten Pakistans Mitarbeiter eines Impfteams.


Immerhin spielen die großen medizinischen Fragen auch international heute eine zentrale Rolle: Zu den Millenium-Zielen 2000 der Vereinten Nationen zählen unter anderem die Senkung der Kindersterblichkeit, die Stärkung der Müttergesundheit und die Bekämpfung von Infektionskrankheiten.  „Infektionen haben mit Politik und mit der Gesellschaft zu tun“, betont Hacker – entsprechend fordere die Leopoldina Gespräche am runden Tisch mit Vertretern aus Pharmaindustrie, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft.


Hierzulande blickt Hacker indes mit Sorge vor allem auf die „Impfgleichgültigen“. „Die erste Masernimpfung wird noch gemacht, die zweite dann aber vergessen“, veranschaulicht er.  Die Einführung einer Impfpflicht allerdings sei kaum durchsetzbar.

Und auch globale Herausforderungen wie Bevölkerungswachstum, Reistätigkeit und Migration oder der Klimawandel werden in der Seuchenbekämpfung laut Hacker in Zukunft eine Rolle spielen. „Infektionserreger reagieren sehr sensitiv, schon ein leichter Temperaturanstieg kann eine räumliche Verschiebung bewirken“, erklärt der Mikrobiologe mit Blick auf den Klimawandel. Als Beispiel zieht er die durch Zecken übertragene Viruserkrankung FSME heran mit tendenzieller Ausbreitung Richtung Norden -  in dem Fall wohl schlichtweg weil das Klima hier milder wird und Zecken, aber auch Mäuse als deren Hauptwirte ideale Überlebens- und Nahrungsverhältnisse vorfinden.  


Positiv blickt Hacker auf neue diagnostische Verfahren, betrachtet aber Impfen im Prinzip weiter als die effektivste Methode – insofern es entsprechende Impfstoffe gibt. Bei einer Reihe von Erregern ist dies bislang nicht der Fall, zum Beispiel bei Malaria, Aids, Tuberkulose, der Schlafkrankheit, vielen darmpathogenen Erregern sowie einer Reihe von Krankenhauserregern. „Es gibt noch viel zu tun in der Impfstoffforschung“, betont der Mikrobiologe.


Der Artikel  ist unter anderem  im Magazin „Gesundheit!“erschienen.

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