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Eine Familie, die im Nazi-Regime vergessen werden sollte
Zwei Jahre Forschung gehen der Ausstellung „Seligsberger“ im Johanna-Stahl-Zentrum voraus – Mit
dem Projekt lebt die Erinnerung an die Würzburger Kunsthändler wieder auf, auch für die Nachfahren


Von Michaela Schneider
Würzburg
„Eine ganz einzigartige Sammlung jüdischer Kunstgegenstände, von der ich ganz erschüttert war. Unsere Altvorderen stiegen da wieder auf“, schreibt der Historiker Willy Cohn im Jahr 1935 nach einem Abstecher nach Würzburg in sein Tagebuch. Die begeisterten Worte fußen dabei auf einem Besuch bei der jüdischen Kunst- und Antiquitätenhändler-Familie Seligberger. Kurze Zeit später ist die über Jahrzehnte erfolgreiche Kaufmannsfamilie aus dem Gedächtnis der Stadt so gut wie gelöscht. Weil die Nationalsozialisten die Erinnerung an die Seligsbergers löschen wollen, weil sie sie zur Geschäftsaufgabe und zur Flucht zwingen. Ein Teil der Familie wird in Konzentrationslagern ermordet.   Viele Jahrzehnte später lebt die Erinnerung an ein Stück bis heute nachwirkende Stadt- und Kulturgeschichte wieder auf.


Denn im Johanna-Stahl-Zentrum erzählt nun eine Ausstellung unter dem Titel „Seligsberger. Eine jüdische Familie und ihr Möbel- und Antiquitätenhaus“ von Aufstieg bis zur Vernichtung der Kunsthändler und schlägt gleichzeitig den Bogen zur jüdischen Geschichte Unterfrankens.  Die Vorfahren der Familie stammen aus Fuchsstadt, leben in armen Verhältnissen. Salomon Seligsberger zieht 1864 nach Würzburg und eröffnet einen Altkleiderhandel, der sich nach und nach zum Trödelladen mit Antiquitätenabteilung entwickelt. 1888 nimmt er sich unerwartet das Leben, seine Witwe Bertha und die Tochter Ernestine übernehmen das Geschäft und spezialisieren sich auf Antiquitäten und neue Möbel. 1897 ziehen sie mitten in die Stadt um an den Johanniterplatz und nennen die Firma nun „S. Seligsberger Ww.“  


Mit etlichen Musterzimmern, Teppichen, Dekostoffen und einer Kunst- und Antiquitätenhandlung geht hier das gehobene Publikum ein und aus und kauft Wohnungsausstattung von der alten Statue bis modernen Möbel-Sonderanfertigungen.  Neben dem Kunsthandel sammelt die Familie auch privat Kunst und Antiquitäten – unter anderem aus dem häuslichen jüdischen Gebrauch. Zuletzt übernimmt Ernestines Bruder Sigmund das Geschäft, wird jedoch 1937 von den Nationalsozialisten gezwungen, dieses abzugeben. Sigmund und seine Frau Sara fliehen  in die Niederlande. Wie auch ihr Sohn Ernst werden sie von dort aus deportiert und ermordet. Erhalten bleibt nur die Judaica-Sammlung und liegt heute im Jüdischen historischen Museum Amsterdam.


Parallel zur Ausstellung im Johanna-Stahl-Zentrum führt ein symbolischer Leitfaden durchs Mainfränkische Museum. Denn  wie Recherchen ergaben, wurde ein nicht unerheblicher Teil der Gründungsbestände des Luitpoldmuseums, wie das Haus anfangs hieß, bei Seligsbergers erworben. In Vergessenheit geraten war dies, weil in der Bombennacht im März 1945 auch die Inventarlisten des Museums weitgehend zerstört wurden. Das Mainfränkische Museum hat seine Kurzinventarisierung zwar längst nicht abgeschlossen, doch weiß man laut Museumsleiterin Dr. Claudia Lichte bereits sicher, dass 158 Objekte auf die Seligsbergers zurückgehen – weiter dürften hinzukommen. 40 befinden sich in der Dauerausstellung und können nun via roter Leitfaden-Kordel entdeckt werden.

 

Warum aber begann das Johanna-Stahl-Zentrum überhaupt, die Familiengeschichte der nahezu vergessenen Seligsbergers zu erforschen? Im Jahr 2011 hatte eine  Großnichte  aus den Niederlanden der jüdischen Gemeinde in Würzburg ein Porträt von Ernestine Seligsberger angeboten, nachdem sie erfahren hatte: Erschaffen hatte das Werk der Wertheimer Künstler Willy Exner, der später durch ein Hitlerporträt berühmt wurde.  2013 gelangte das Gemälde ins Johanna-Stahl-Zentrum. Dr. Rotraud Ries begann mit Volontärin Nina Gaiser zu forschen – mit ganz erstaunlichem Erfolg: Die beiden stießen auf Nachfahren der Seligbergers, die sich selbst bis dato nie gesehen hatten,  sie entdeckten in Amsterdam die selbst von der Familie bis dahin verschollen geglaubte Judaica-Sammlung. Es fanden sich Familienfotos, Schriftverkehr, Firmenrechnungen, Möbelskizzen und Kataloge, die nun als Leihgaben die Familiengeschichte nacherzählen. Auch das Mainfränkische Museum erwies sich als wahre Seligsberger-Fundgrube.


Nicht nur für die Wissenschaftler waren die zwei Forschungsjahre eine bewegende Zeit, sondern vor allem auch für die Nachfahren der einstigen Kunsthändlerfamilie, die ebenfalls bis dahin so gut wie nichts über ihre Würzburger Vorfahren gewusst hatten. Ein Teil kam nun aus den Niederlanden zur Ausstellungseröffnung nach  Unterfranken gereist. Sehr bewegende Worte sprach die Tochter der erwähnten Großnichte, Anna M.C. de Voogt. Als Kind einer Holocaust-Überlebenden habe sie gelernt, um Deutschland herumzufahren, deutsche Waren zu meiden. Ihre Mutter habe selten über die Familiengeschichte gesprochen, weil es sie zu sehr schmerzte – und so blieb der deutsche Familienzweig hinter einer Mauer aus großer Trauer und Tragik verbogen. Die Ausstellung und der Katalog als ein umfangreiches Bild der eigenen Familiengeschichte mache die Verwandten nun wieder zu Menschen. „Das gibt uns die Chance, uns mit ihnen zu verbinden“, sagt de Voogt.


Als Höhepunkt erwies sich für die Familie die Entdeckung der Judaica-Sammlung und habe eine emotionale Schockwelle ausgelöst. Da sei Trauer gewesen beim Erinnern an die Verwandten; Empörung, weil das Museum nie nach lebenden Verwandten gesucht habe; Freude, weil die Familie nun greifbare Erinnerungen zurückbekommt; und Dankbarkeit, dass die Sammlung 1971 ans Museum gegeben worden war. In drei Vitrinen in der Ausstellung „Seligsberger“ sind als Leihgaben Objekte aus der Judaica-Sammlung zu sehen wie zum Beispiel ein Pessachteller oder Kidduschbecher.

Purimteller aus der Judaica-Sammlung von 1753/54 von einem unbekannten Hersteller.


Fotos: Michaela Schneider


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Der Artikel  ist unter anderem  im Main Echo erschienen.

Infokasten: Über die Seligsberger-Ausstellung


Johanna-Stahl-Zentrum: Im Johanna-Stahl-Zentrum in der Valentin-Becker-Straße 11 in Würzburg geht es in der Ausstellung „Seligsberger. Eine jüdische Familie und ihr Möbel- und Antiquitätenhaus“ bis einschließlich 18. März um Firmengeschichte als Familiengeschichte – vom Aufstieg im 19. Jahrhundert bis zur Vernichtung im 20. Jahrhundert. Geöffnet ist Montag bis Mittwoch von 10 bis 17 Uhr, Donnerstag  von 10 bis 18 Uhr, Freitag von 10 bis 15 Uhr und Sonntag von 11 bis 16 Uhr.


Mainfränkisches Museum: Ein Leitfaden führt parallel zur Ausstellung durchs Mainfränkische Museum auf der Festung Marienberg und zeigt, welche Werke einst bei der Firma Seligberger vom Fränkischen Kunst- und Altertumsverein und der Stadt Würzburg fürs damalige Fränkische Luitpold-Museum erworben wurden. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr. Montags ist das Museum geschlossen.


Begleitprogramm: Vier Vorträge umrahmen die Seligsberger-Ausstellung. Sie beginnen jeweils um 19 Uhr im David-Schuster-Saal: Donnerstag, 26. November, „Hitler-Porträt oder Blumenbild? Handlungsspielräume bildender Künstler im Nationalsozialismus“, Bettina Keß; Montag, 11. Januar, „Arisierung in Würzburg. Die Ausplünderung der Würzburger Juden 1933 – 1943“, Hans Steidle; Montag, 15. Februar, „Jüdische Sammler“, Annette Weber; Donnerstag, 3. März, Rettung oder Falle? Die Niederlande als Fluchtziel Würzburger Juden, Rotraud Ries.


Begleitkatalog:  Zur Ausstellung ist ein illustrierter, 182-seitiger Katalog erschienen mit dem gleichnamigen Titel „Seligsberger. Eine jüdische Familie und ihr-Möbel- und Antiquitätenhaus“. Herausgeberin ist Rotraud Ries.