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Von der grauen Arbeiterstadt zum Touristenziel

von Michaela Schneider


Einstmals graue Arbeiterstadt; heute aufstrebende Wirtschaftsregion sowie begehrter Lebensraum; in Zukunft Studentenstadt und Touristenziel: Das Gesicht des 53000 Einwohner starken Schweinfurts in Unterfranken wandelt sich. Im Interview erzählt Oberbürgermeister Sebastian Remelé über das städtische Image einst sowie heute und skizzierte neue Ideen, Chancen und Herausforderungen. Der 43-Jährige ist verheiratet und hat vier Kinder. Ehe er 2010 ins Oberbürgermeisteramt gewählt wurde, arbeitete er als Anwalt.

 

Welches Image hatte Schweinfurt vor zwanzig Jahren - und wie hat sich dieses verändert?

 

Sebastian Remelé: Anfang der 90er Jahre herrschten in Schweinfurt fast 20 Prozent Arbeitslosigkeit. Damals war die Stadt im Rest des Landes bekannt als graue Arbeiterstadt zwischen den zwei Kulturstädten Würzburg und Bamberg. Unter diesem Image litten wir und leiden wir teilweise immer noch – heute allerdings zu Unrecht. Die Schweinfurter haben selbst längst erkannt, wie lebenswert ihre Stadt ist. Jetzt geht es darum, davon auch die Auswärtigen zu überzeugen. Ich erlebe immer wieder Gäste, die bass erstaunt sind über Schweinfurts Wandel. Beispiel Arbeitslosigkeit: Inzwischen haben wir etwa so viele Arbeitsplätze wie Einwohner.

 

Schweinfurt liegt zwischen den beiden Metropolen Nürnberg und Frankfurt. Denken Sie an einen Schulterschluss mit einer der beiden Regionen?

 

Remelé: Tatsächlich haben wir überlegt, uns der Metropolregion Nürnberg anzuschließen, haben uns aber dagegen entschieden. Geschichtlich, wirtschaftlich und geografisch liegt Nürnberg eigentlich zu weit von uns weg. Wir sehen uns stattdessen in Sachen Arbeitsplätze als das Zentrum der so genannten Region 3, das heißt dem Main-Rhön-Gebiet. Und: 2010 wurde die Mainfranken GmbH geschaffen. Mainfranken sehen und vermarkten wir hier als einen eigenständigen Wirtschafts- und Kulturraum zwischen den Metropolen Frankfurt und Nürnberg.

 

Wie attraktiv  ist Schweinfurt als Stadt zum Leben?

 

Remelé: Vor einigen Jahren zogen die Menschen von den Städten aufs Land – inzwischen ist nahezu global ein umgekehrter Trend zu beobachten. Städte werden als Wohn- und Lebensraum immer attraktiver. In den 70er bis 90er Jahren wurden auch wir Opfer der Stadtflucht. Heute stellt man fest, dass Schweinfurt die Stadt der kurzen Wege mit hervorragender Infrastruktur ist, eine Mittelstadt mit großstädtischem Angebot. Viele Pendler überlegen inzwischen, ob es nicht sinnvoller wäre, nach Schweinfurt zu ziehen.

 

Gäbe es denn entsprechenden Wohnraum?

 

Remelé: Vor allem mit Blick auf die demografische Entwicklung wollen wir derzeit Wohnen in der Innenstadt ermöglichen. Die Wohnungen im Zentrum gehen weg wie warme Semmeln. Wir überlegen zudem, die US-Kasernen künftig teilweise als Wohnraum zu nutzen, auch entwickeln wir 2013 ein weiteres Baugebiet.

 

Und was soll mit dem übrigen Gelände geschehen, wenn die Amerikaner 2014 abziehen?

 

Remelé: Wir wollen den Bildungsstandort Schweinfurt stärken. Das Gelände wird 2015 an die Bundesrepublik übergeben. Ein Ziel wäre es, der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Raum für Forschung zu schaffen, hier ist die FH an ihre räumlichen Grenzen gelangt. Meine Idee wäre es zudem, einen echten Campus zu entwickeln, auf dem Wohnen und Studium zusammenfallen. Bisher sind 90 Prozent der rund 3000 Studenten Heimschläfer, teils kommen sie täglich aus Hessen oder Baden-Württemberg angefahren. Dadurch fehlt es Schweinfurt an Studentenflair.

 

Schöne Pläne, die viel kosten. Traditionell ist Schweinfurt wie kaum eine andere Stadt von der Gewerbesteuer abhängig. Wie attraktiv ist es als Wirtschaftsstandort?

 

Remelé: Zunächst einmal haben wir das Glück, geografisch sehr zentral zu liegen mit drei Autobahnen in unmittelbarer Nähe und einem Fluss mit großem Hafen. Zudem profitiert die Stadt von einer sehr gut qualifizierten Facharbeitnehmerschaft – nicht zuletzt durch eine breit angelegte Schullandschaft. Im Maintal stehen gut 800 000 Quadratmeter exzellent erschlossene Fläche für Neuansiedlungen zur Verfügung. Und – wie erwähnt – haben wir mit die höchste Arbeitsplatzdichte überhaupt in Deutschland. Die Voraussetzungen sind also sehr gut.

 

Aber?

 

Remelé: Wir sind immer noch abhängig von drei Großunternehmen, 22000 unserer Arbeitnehmer arbeiten dort. Doch Schweinfurt befindet sich auf einem guten Weg. Es ist in den letzten Jahren gelungen, fast ein Dutzend neue, kleinere Unternehmen anzusiedeln.  Wir brauchen die Großindustrie und leben von ihr. Doch wird die Stärke zur Schwäche, wenn es der Weltwirtschaft schlecht geht. Unser Ziel ist deshalb eine noch breitere Palette mit Dienstleistern, Handwerk und dem für uns neuen Standbein Tourismus.

 

Tourismus setzt ein attraktives Stadtzentrum voraus. Wie beurteilen Sie dieses – und was ist in den nächsten Jahren noch zu tun?

 

Remelé: Wir haben in den letzten Jahren schlichtweg das, was wir immer schon haben, ins rechte Licht gerückt. Zum Beispiel unsere mittelalterliche Stadtmauer. Sie wurde in den letzten zwei Jahrzehnten frei gelegt von Schrebergärten, Tankstellen und Co. Heute ist sie eingebettet in hübsche Parkanlagen. Auch haben wir den Main „wiederentdeckt“. Er war durch die Bahnlinie abgeschnitten, jetzt haben wir Durchgänge geschaffen. Die Bauarbeiten an der Mainlende werden im kommenden Jahr abgeschlossen. Gleiches gilt für unsere neue Tiefgarage im Zentrum. Hierein haben wir zehn Millionen Euro investiert.

 

Parkplätze im Zentrum vor allem auch für Tagesgäste. Wie steht es um Schweinfurt als Einkaufsstadt?

 

Als Einkaufsstadt werden wir tatsächlich erst seit kurzem wahrgenommen – nicht zuletzt durch unsere Stadtgalerie, noch dazu in Laufnähe zum Rathaus. Aufpassen müssen wir allerdings wie alle Städte, dass Handyläden,  Backshops und Co. nicht überhand nehmen und wir einen guten Branchenmix erhalten. Weiterentwickeln müssen wir uns noch im gastronomischen Bereich, gerade am Mainufer.  

 

Mit der Landesausstellung „Main und Meer“ wird 2013 Schweinfurt zudem in Bayerns kulturellen Blickpunkt rücken. Wie steht es im Allgemeinen um die Kultur?

 

Remelé: Hier ist Schweinfurt von Null auf 100 gefahren. Anstoß war vor etwa einem Jahrzehnt die Eröffnung des Georg-Schäfer-Museums. Es beherbergt die Privatsammlung des Industriellen Georg Schäfer als größte private Gemäldesammlung des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Seit Mai 2009 wird zudem das einstige Hallenbad als Kunsthalle der Museen und Galerien der Stadt Schweinfurt genutzt mit der Dauerausstellung Joseph Hierling und mehreren Sonderausstellungen pro Jahr. 2013 stehen bei uns übrigens gleich zwei kulturelle Höhepunkte an: Von Mai bis Oktober die erwähnte Landesausstellung und im Herbst dann eine große Gunter-Sachs-Ausstellung. Bei der Landesausstellung rechnen wir mit 150000 bis 200000 Besuchern. Und die werden, so hoffen wir, nicht nur die Ausstellung besuchen, sondern auch Schweinfurt kennenlernen, zum Beispiel unser Theater.

 

Abschließend eine persönliche Frage: In Oberbürgermeisterin Gudrun Gieser hatten sie eine starke Vorgängerin. Wie kann es da einem recht jungen Oberbürgermeister gelingen, eigenes Profil zu entwickeln?

 

Remelé: Man sollte auf keinen Fall krampfhaft versuchen, seine Vorgängerin zu imitieren. Gudrun Gieser hat mir ein gutes Erbe, aber auch viele Hausaufgaben hinterlassen. Viele dieser Dinge sind noch weiterzuentwickeln. Und vor allem mit dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte aus Schweinfurt ergeben sich ganz, ganz neue Herausforderungen. Das Leben und seine Anforderungen werden mein Profil schärfen.

 

 

Das Interview ist in „Franken. Magazin für Land und Leute“ erschienen.