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Ein Name, der zieht

Frauenrechte Deutschlands bekannteste Feministin Alice Schwarzer
spricht vor rund 600 Würzburger Studenten und Gästen über „Grenzen der Toleranz“

 

Von Michaela Schneider

 

Würzburg Die Sitzplätze im Audimax am Sanderring sind allesamt belegt, auch auf der Balustrade und in den Gängen sitzen und stehen die Zuhörer dicht auf dicht. Als Alice Schwarzer dann über die „Grenzen der Toleranz“ zu sprechen beginnt, ist es erst mucksmäuschenstill - ihre Worte interessieren und bewegen. Und manchmal polarisieren und provozieren sie auch. Immer wieder unterbrechen später Zwischenapplaus und Jubel ihren Vortrag – und ebenso bleibt in der Fragerunde mancher Standardvorwurf von zu viel Polemik, zu viel Pauschalisierung nicht aus. Fest steht nach gut 90 Minuten: Alice Schwarzer hat den Menschen auch nach mehr als 40 Jahren noch etwas zu sagen – jung wie alt, Frauen wie Männern.

 

Deutschlands wohl bekannteste Vertreterin der deutschen Frauenbewegung zum Gastvortrag nach Würzburg geholt hatte die juristische Fakultät der Julius-Maximilians-Universität im Rahmen des fächerübergreifenden Projekts „Globale Systeme und interkulturelle Kompetenz“. Und auch, wenn ihre Thesen zum politisierten Islam der eigentliche Grund für die Einladung nach Würzburg sind, lässt es sich Schwarzer nicht nehmen, einen Sprint durch etliche ihrer Herzensanliegen zu unternehmen und ihre Thesen erholsam differenziert zu begründen. „Die Islamisten haben die Entrechtung der Frau ja nicht erfunden“, so die engagierte Feministin. Frauen hätten früh gelernt, dass Recht und Gerechtigkeit nicht dasselbe sind. Da geht es also um die Geschichte des Feminismus; um den Abtreibungsparagraphen 218 und die Debatte um Prädiagnostik;  um Männerjustiz und eine vorbelastete mediale Berichterstattung; um Vergewaltigung und den Fall Kachelmann; um Zwangsprostitution und Katalogehen; um den politisierten Islamismus; um Ehrenmorde, vor allem aber auch um richterliche Urteile bei Familiendramen.

 

Für Aufsehen sorgt Schwarzer heute immer wieder mit ihren Aussagen zur politischen Islamisierung und ihrem Kampf pro Kopftuchverbot in Schulen, auch in Würzburg wirft ihr eine einzelne Studentin Rassismus vor. 2010 veröffentlichte Schwarzer als Herausgeberin das Werk „Die große Verschleierung: Für Integration, gegen Islamismus“. Sie stellt aber klar: „Wenn ich von Islamismus spreche, spreche ich nicht vom Islam, es geht nicht um die Religion.“ Der Glaube sei nur Vorwand und Machtstrategie – und das Kopftuch sei zum Symbol der Sache geworden.

 

In der juristischen Fakultät in Würzburg schlägt sie schnell den Bogen zum Zivil- und Familienrecht in Deutschland, spricht von einer Privatrechtsenklave, denn: Für Ausländer, die hier leben, gilt im deutschen Zivil- und Familienrecht das Recht des Herkunftslandes, solange Grund- und Menschenrechte nicht verletzt werden. Das Problem laut Schwarzer: Der Ermessenspielraum für die Richter sei ungeheuer. Mehrere Beispiele für entsprechende Urteile führt die Feministin an – etwa den Fall einer Marokkanerin, die, in Deutschland geboren, einen Marokkaner heiratete. Mehrfach vergewaltigt und misshandelt, will sie sich scheiden lassen. Eine deutsche Richterin lehnt laut Schwarzer das Scheidungsbegehren der Frau ab mit Verweis auf das Züchtigungsrecht im Herkunftsland.

 

Und auch im Strafrecht, so die Feministin, verwiesen Richter bei milden Urteilen immer wieder auf  „andere Sitten“ im Herkunftsland, führt als Beispiel den Fall eines Marokkaners an, der seine eigene Tochter nach einem Discobesuch mit drei Stichen tötete. Er wurde zu drei Jahren Haft verurteilt und davon ein Jahr vorzeitig begnadet. Inzwischen empöre sich die Gesellschaft über Ehrenmorde, so Schwarzer – anders sei dies aber bei Familiendramen. Diese bildeten häufig nur eine Randnotiz in den Medien. Kritik übt die Feministin auch hier an zu milden Urteilen, führt unter anderem den prominenten Fall des Boxers Bubi Scholz an: Dieser erschoss 1984 seine Frau Helga, das Gericht verurteilte ihn wegen fahrlässiger Tötung zu drei Jahren Haft. Er wurde vorzeitig begnadet. Und kassierte die 650000 Mark schwere Lebensversicherung seiner Frau, ergänzt die Rednerin.

 

In der Fragerunde schlägt Schwarzer noch einmal den Brückenschlag zum Reizthema politische Islamisierung. Ihr Plädoyer: „Wir sollten Bedingungen schaffen, die eine echte Integration möglich machen, statt von einer falschen Toleranz zu sprechen.“ Langer Applaus im Audimax.

 

Der Artikel wurde unter anderem im Main-Echo veröffentlicht.

Setzt sich seit Jahrzehnten intensiv für die Rechte der Frauen ein: Alice Schwarzer.

Fotos: Michaela Schneider

„Globale Systeme und interkulturelle Kompetenz“

 

„Globale Systeme und interkulturelle Kompetenz" (GSiK) ist ein deutschlandweit einmaliges Gemeinschaftsprojekt von zehn Institutionen aus sechs Fakultäten der Universität Würzburg. Ins Leben gerufen wurde es im Wintersemester 2008/09. Ziel ist es, den Studenten in Zeiten der Globalisierung und Internationalisierung interkulturelle Kompetenz zu vermitteln. Das breit gefächerte Lehrangebot umfasst nicht nur Vorträge und theoretische Kurse, sondern auch ganz praktische Ansätze wie Workshops und Rollenspiele.

„Ich lag in allen Ehebetten auf der Ritze. Wie Sie sich vorstellen können, ist das eine sehr unbequeme Lage.“

 

(Alice Schwarzer
über ihre Anfangsjahre als Frauenrechtlerin)

 

„Ich würde Richtern und Richterinnen mehr Mut zum Urteil wünschen, statt sich hinter Gutachtern zu verstecken.“

(Alice Schwarzer vor Würzburger Jurastudenten)

Autogrammstunde nach Alice Schwarzers Vortrag in Würzburg.

 

Foto Michaela Schneider