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Teufelskreis aus Reizüberflutung und Schlafentzug
Jeder fünfte Säugling gilt als so genanntes Schreibaby – Therapeutin hilft überforderten Eltern


Von Michaela Schneider
Würzburg/Unterfranken  
Die Freude auf das Baby ist riesig. Doch wenn wenige Wochen nach der Geburt Säuglinge unentwegt schreien, verwandelt sich harmonisches Familienglück für Eltern rasch in einen Teufelskreis aus Schlafentzug, Überforderung und  Hilflosigkeit. Inzwischen gehen Experten davon aus, dass jeder fünfte Säugling ein so genanntes Schreibaby ist. Immer mehr Ambulanzen und Beratungsstellen bieten Hilfe an mit dem Ziel, das Schreiproblem in den Griff zu bekommen. Therapeuten arbeiten dabei mit den Eltern daran, die Signale des Kindes besser zu verstehen, suchen Möglichkeiten, um das Kind zu beruhigen und Wege, um Mütter und Väter zu entlasten. So auch die Diplom-Sozialpädagogin, Eltern-Säuglings- und Kleinkindtherapeutin, systemische und Familientherapeutin Ulrike Weber. Sie arbeitet bei der katholischen Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen in Würzburg, Träger ist der Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Würzburg. Die Schreibabyberatung ist für Eltern kostenfrei.  


Dass Babys gelegentlich nörgeln und schreien, ist normal – schließlich ist`s Ihre einzige Möglichkeit, den Eltern Hunger oder Unwohlsein, Übermüdung oder eine volle Windel mitzuteilen. Laut Definition handelt es sich indes um ein Schreibbaby, wenn die Anfälle von Schreien und Nörgeln länger als drei Stunden am Tag an mehr als drei Tagen pro Woche dauern und seit mehr als drei Wochen anhalten. Ulrike Webers Definition fällt pragmatischer aus: Ein Problem bestehe, wenn das Schreien für Eltern zum Problem wird und sie Hilfe suchten. Vor einer Therapie gilt es dann zunächst einmal, medizinische Ursachen auszuschließen – Infekte oder Verletzungen, Mangelernährung oder gastroenterologische Erkrankungen. Früher habe man häufig Dreimonatskoliken vermutet, wenn Kinder exzessiv schrien. Heute ist diese Annahme überholt.


Meist beginnen die Schreianfälle bereits in der zweiten und erreichen ihren Höhepunkt etwa in der sechsten Lebenswoche des Kindes. Neben dem grundlosen Schreien sowie der notorischen Unruhe und Unzufriedenheit beobachtet die Sozialpädagogin häufig weitere Hinweise darauf, dass es sich um ein Schreibaby handeln könnte: Die Kleinen machen sich steif auf dem Arm  und wollen doch ständig herumgetragen werden. Häufig sind sie überängstlich, schreckhaft und geräuschempfindlich. Schreibabys kämpfen gegen das Einschlafen, Schlafphasen am Tag dauern extrem kurz und Übermüdung und Gereiztheit münden in Schreigipfeln am Abend. Die Kinder sind hungrig nach Reizen. Doch Ablenkung und neue Reize bewirken nur eine kurze Pseudostabilität. Ein Teufelskreis, denn gerade diese Überflutung an Eindrücken überfordert die Babys und hindert am Einschlafen.


Eltern kann dies laut Weber an den Rand ihrer Kräfte treiben. Normale Beruhigungshilfen wirken nicht, Ablenkung sorgt nur für eine kurze Unterbrechung der Schreiattacken, das abendliche ins Bett bringen ist mit stundenlangem Herumgehen und etlichen Stillversuchen verbunden. Mütter und Väter sind erschöpft und überfordert, erleben depressive Verstimmungen, Versagensgefühle, Hilflosigkeit und oft auch ohnmächtige Wut. Schuldgefühle plagen, aber auch das Empfinden, vom Kind abgelehnt zu werden. Viele Paare, so Webers Erfahrung, schotten sich in dieser Situation ab, auch Ehen leiden. Im Extremfall droht Gefahr, dass Eltern die Kontrolle verlieren und das Baby schütteln könnten – eine fürs Kind lebensbedrohliche Reaktion. „Fühlen sich Eltern in einer Situation völlig hilflos, ist es daher erst einmal wichtig, Abstand vom Kind zu nehmen und durchzuatmen“, betont die Therapeutin.


Wo aber liegen die Ursachen für das exzessive Schreien? „Der Organismus des Neugeborenen muss sich erst einmal an die Umwelt anpassen“, erklärt Weber. Manchen Kindern gelängen diese Reifungsprozesse besser, andere täten sich damit sehr schwer. Hinzukommen können unter Umständen psychosoziale Belastungsfaktoren innerhalb der Familie wie Stress, Ängste  oder Beziehungsprobleme. Das Hauptproblem in den meisten Fällen aber seien schlichtweg zu viele Eindrücke, die aufs Baby einprasselten. Die Sozialpädagogin beschreibt „Schreibabys“ dabei als besondere Kinder, die wacher und neugieriger als viele Gleichaltrige wirkten. Allerdings schafften sie es gleichzeitig nur schwer, abzuschalten. Eigentlich, so Weber, verfügen Eltern über intuitive Kompetenz, um aufs Baby einzugehen – ruhig zu reden, zu beruhigen, zu trösten. Würden diese Fähigkeiten aber durch Faktoren wie Stress, Erschöpfung  oder Beziehungsprobleme beeinträchtigt, können Eltern nur noch gestörte Regulationshilfen geben. Das wiederum wirkt sich erst recht dramatisch aufs Kind aus. Die Familie rutscht in einen Teufelskreis aus Schreien, Stress und noch mehr Schreien.


In der Schreibaby-Beratung  führt Ulrike Weber viele Gespräche, um auf die Enttäuschung, Wut und Trauer der Eltern einzugehen. Sie sucht mit Müttern und Vätern nach Möglichkeiten der körperlichen Entlastung, gerade auch in Krisensituationen – ob durch eine Oma, einen Babysitter oder auch eine ärztlich verordnete Erziehungshilfe. Gleichzeitig will sie vermitteln: Es sei in Ordnung, Hilfe anzunehmen. „Nicht umsonst besagt ein afrikanisches Sprichwort: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen“, betont die Sozialpädagogin. Im nächsten Schritt arbeitet sie mit den Eltern daran, das Schreien des Babys zu verstehen „Schreien und Quengeln sind Botschaften des Kindes an seine Umgebung“, sagt sie. Ganz oft laute das Signal dabei: Langsam und weniger sei besser als viel und schnell. Ganz praktisch erarbeitet Weber mit den Eltern schließlich Schritt für Schritt Einschlafhilfen – und zwar weder an der Brust der Mutter, noch während heftiger Schaukelbewegungen. Ziel dabei ist es, dass das Baby im eigenen Bettchen beruhigt einschläft.

Der Artikel  ist unter anderem  im Magazin „Gesundheit!“ erschienen.

Infokasten: Leitfaden für Eltern mit Schreibabys


Wachphasen sollten Eltern ausnutzen für entspannte Zwiegespräche, Spielchen und Anregungen, dabei aber auf Ermüdungs- und Überforderungssignale achten. Eine Reizreduktion erreichen Eltern, indem sie intensive, wechselnde Stimulationen bewusst vermeiden, Ruheinseln fürs Kind schaffen und das  Baby von zu vielen äußeren Einflüssen abschirmen.  Eine Übermüdung des Kindes können Eltern verhindern, indem sie das Kind regelmäßig nach 60 bis 90 Minuten Wachzeit allmählich zur Ruhe und zum Schlafen bringen. Zielsetzung: ein geregelter Schlaf-Wach-Rhythmus. Kritische Schreistunden überbrücken Eltern zum Beispiel bei Spaziergängen mit Kinderwagen oder Tragetuch. Ein maximal 30-minütiges Einschlafritual bei viel Körperkontakt, und zwar außerhalb des Bettes, vermittelt dem Baby Geborgenheit.  In Krisensituationen sollten Eltern auf jeden Fall eine Auszeit nehmen, um das Kind keiner  Gefahr auszusetzen.