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Ein Schneemann im Outback

 

von Michaela Schneider

 

Flirrende Hitze lag wie ein wabernder Vorhang über den Dächerchen von Alice Springs. Sofie wischte sich die Schweißtropfen aus dem Gesicht, zwei Tränen hatten sich fast unbemerkt darunter geschmuggelt. Eigentlich genoss die junge Frau ihre Zeit im australischen Outback. Nach der Ausbildung hatte sie weg gewollt – weg von daheim aus ihrem alten Kinderzimmer, weg aus der bieder-deutschen Dorfidylle, mitten hinein ins große Abenteuer der weiten Welt. Das Jobangebot im Outback-Hotel  kam da wie gerufen.

 

Die Weihnachtstage waren aufregend und anstrengend gewesen, inzwischen war Arbeitsroutine eingekehrt. Ein, zwei Tage blieben die meisten Touristen in der Wüstenstadt – ein kurzer Zwischenstopp im Nirgendwo, um anschließend das wichtigste Heiligtum der Aborigines zu bestaunen, den roten Monolithen Uluru.

 

Sofies Zwischenstopp würde ein volles Jahr dauern. Während sie sich erneut den Schweiß von der Stirn wischte, schloss die junge Frau die Augen. Der wabernde Hitzevorhang verwandelte sich einen Augenblick lang in einen sanften Schneeteppich. Für Sekunden träumte Sofie von einem Wintermärchen in Weiß, blinkenden Eiskristallen, angenehmer Kühle und frischem Tannenduft. Als sie die Augen wieder öffnete, fühlte sich die junge Frau unendlich müde, eine Mischung aus Sehnsucht und Melancholie schien ihr die Kraft aus dem zarten Körper zu rauben.     

 

Sofie hatte George nicht kommen hören. Als er ihr sanft die Hand auf die Schulter legte, zuckte sie zusammen. George hatte seine neue Kollegin vom anderen Ende der Welt auf Anhieb ins Herz geschlossen. Und er hatte gespürt, dass die junge, sensible Frau weit weg von ihrer Familie seit ein paar Tagen mit Heimwehattacken kämpfte. Für George brauchte es dafür keine Worte. Seine Mutter, eine Aborigine, hatte ihn von Kindertagen an gelehrt, auf das Unausgesprochene zu hören.

 

„Sofie, komm, ich habe eine Überraschung für Dich“, sagte er, nahm die junge Frau an die Hand und zog sie in Richtung Küche. Zwischen Herd und Spülbecken forderte er sie auf: „Mach die Augen einen Moment lang zu.“ Sofie hörte es klappern, fühlte einen angenehmen Schwall Kühle, dann legte Goerge ihr etwas Flauschig-Weiches um die Schultern und führte sie ein paar Schritte durch den Raum. Hinter ihr schloss sich eine schwere Türe.

 

Als Sofie die Augen öffnete, wollte sie diesen kaum trauen. Die junge Deutsche stand, in eine warme Decke gepackt, im Kühlraum der australischen Hotelküche und blickte auf ein putziges Schneemännchen unter einem Eukalyptuszweig. „Tannen gibt es hier nicht“, sagte George und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Neben einem Teller mit Lebkuchen dufteten und dampften zwei heiße Tassen Punsch.

 

Sofie schossen die Tränen in die Augen. „Danke, George“, flüsterte sie gerührt. Die Tränen - das wussten Sofie und George ohne Worte - waren kein Tränen des Heimwehs mehr, sondern Tränen freudiger Geborgenheit.

 

Die Kurzgeschichte ist im Liboriusblatt erschienen