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Die Entdeckung der „schizophrenen Meister“


von Michaela Schneider

„Bitte um ein Stück Kuchen“ steht handgeschrieben unter einer Blume in dunklem Violett. Helene Maisch erhofft sich womöglich ein Tauschgeschäft – ihr Kunstwerk gegen eine süße Leckerei. Das sehnsüchtige Flehen auf Zeichenpapier stammt aus dem Jahr 1919. Verwehrt bleibt Helene Maisch, was für andere normal ist, weil sie seinerzeit in einer psychiatrischen Anstalt lebt. Das Kunstwerk in Aquarell ist Teil der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg – ein in seiner Form einzigartiges Museum für historische Werke aus psychiatrischen Anstalten, aber auch von Psychiatrieerfahrenen heute.  Der historische Bestand stammt aus der Zeit zwischen 1850 und 1930, die Hauptsammelzeit beschränkt sich aber auf die Jahre 1919 bis 1921.


Untergebracht ist das Museum auf dem Gelände des Heidelberger Universitätsklinikums im ehemaligen Hörsaal der Neurologischen Klinik. Eine Dauerausstellung im herkömmlichen Sinne gibt es laut Dr. Ingrid von Beyme, Ausstellungskuratorin der Sammlung Prinzhorn, nicht – zum einen aus Platzgründen, zum anderen, weil viele der Werke viel zu fragil und empfindlich für ein dauerhaftes Präsentieren wären. Pro Jahr zeigt das Haus deshalb drei bis vier Sonderausstellungen. Ende April eröffnete die Sonderausstellung „Das Wunder in der Schuheinlegesohle“. Sie wurde von Kyllikki Zaccharias, Kuratorin der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg, mit Blick auf den Surrealismus zusammengestellt.  Er steht im Zentrum der Berliner Sammlung. Die Surrealisten rezipierten als erste Künstlergruppe mit großer Bewunderung die Kunst der „Wahnsinnigen“ und versuchten ihre künstlerischen Verfahrensweisen zu imitieren.  


Ein Blick in die Geschichte: Die historische Sammlung ist unweigerlich mit ihrem Namensgeber Hans Prinzhorn (1886 – 1933) verknüpft. Die Psychiatrische Klinik Heidelberg besitzt bereits eine kleine Lehrsammlung mit „Irrenkunst“, wie diese seinerzeit bezeichnet wird. Nach dem ersten Weltkrieg erhält Prinzhorn als junger Assistenzarzt und Kunsthistoriker den Auftrag,  den bestehenden Fundus zu erweitern und wissenschaftlich aufzuarbeiten. Er schreibt Anstalten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und darüber hinaus an und bittet um Werke, die „Ausdruck vom eigenen Erleben“ in der Krankheit sein sollen. Die sehr offene Formulierung bewirkt, dass Prinzhorn ein buntes Sammelsurium an Gemälden, Zeichnungen, Collagen, Skulpturen, aber zum Beispiel auch Texten von Psychiatrie-Patienten oder Fantasie-Kompositionen erreicht. Museumsleiter Thomas Röske spricht deshalb lieber von einer Ansammlung, denn von einer Sammlung. Zwischen 1919 und 1921 wächst der Fundus auf 5000 Arbeiten von rund 435 Insassen.


Prinzhorns besondere Leistung zu jener Zeit: Er beurteilt die Arbeiten vor allem auch nach ihrem künstlerischen Wert. Er spricht von „schizophrenen Meistern“, seinen Lieblingskünstler Franz Karl Bühler vergleicht er mit Vincent van Gogh. Seinerzeit ein völlig neuer Ansatz, Psychiater ziehen „Irrenkunst“ bis dato allenfalls heran, um Diagnosen abzuleiten. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Sammlung schlägt sich dann in Prinzhorns reich illustriertem Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ (Berlin 1922) nieder. Hierin spricht der Psychiater zur Empörung mancher Kollegen den Werken aus der Anstalt eine diagnostische Beweiskraft ab. Heute ist sich das Gros der Experten übrigens einig, dass sich weder Diagnosen noch Krankheitsbilder von künstlerischen Werken ableiten lassen.


Gleichzeitig erkennt Prinzhorn vielen Werken künstlerische Qualität zu.  Die Resonanz in Künstlerkreisen auf das Buch lässt nicht lange auf sich warten. Ernst Ludwig Kirchner, Alfred Kubin und Paul Klee lassen sich von Anstaltskunst inspirieren. Max Ernst etwa greift auf Motive von August Natterer oder Karl Genzel zurück.


Wer aber sind jene Menschen, die seinerzeit in staatlichen Heil- und Pflegeanstalten zu Stift und Pinsel greifen? Dr. Ingrid von Beyme betont: Kunsttherapie gibt es noch lange nicht, sämtliche Werke entstehen in Eigeninitiative. Die Insassen entstammen allen sozialen Schichten und bringen ganz unterschiedliche Bildung mit – von der professionellen künstlerischen Ausbildung bis zum einfachen Arbeiter. Die Diagnose lautet in unzähligen Fällen Schizophrenie – und diese gilt in jenen Tagen als unheilbar. Viele Patienten leben Jahrzehnte, oft bis zum Tod, in der Anstalt. Das ermöglicht in einigen Fällen erst, dass ein so großes künstlerisches Werk entstehen kann.


Von Beyme spricht zu jener Zeit im psychiatrischen Bereich von einer Drei-Klassen-Medizin. Patienten aus wohlhabenden Familien leben oft in Privatsanatorien, teils mit eigenem Pfleger. Wer sich hier künstlerisch betätigt, dem stehen in der Regel hochwertige Materialien zur Verfügung. Else Blankenhorn etwa beginnt während ihres Aufenthalts im Kreuzlinger Sanatorium Bellevue zu malen. Spannend mit Blick auf die Künstlerin: Manche ihrer Gemälde muten bereits abstrakt an. Sie arbeitet gern in Öl auf Leinwand.  Menschen aus armen Verhältnissen indes sind einem streng geregelten Anstaltsalltag unterworfen in aus heutiger Sicht nicht tragbaren Verhältnissen. Ab 1880 unterstützt der Staat die Heimunterbringung, viele Häuser sind dadurch brechend voll. Bei vielen Einrichtungen handelt es sich um reine Verwahrungsanstalten. Schlaf- und Beruhigungsmittel, Dauerbäder, eine Fixierung ans Bett oder die Zwangsjacke sind oft letzte Mittel aus einer Hilflosigkeit heraus, weil man noch keine anderen Behandlungsarten kennt. Erst seit 1952 ermöglichen Psychopharmaka übrigens Patienten eine schnelle Rückkehr in die Normalität. Eine kreative Tätigkeit wird laut von Beyme in einigen Anstalten gedudelt, merkt man, dass sich Patienten dadurch ruhiger verhalten.


Ein gutes Beispiel dafür ist einer der bekanntesten Vertreter der Sammlung, der Maurer Karl Genzel. Er gilt als schwieriger Patient. Nur die Kunst verhilft ihm zu innerer Ruhe. Dabei formt er anfangs aus gekautem Brot Plastiken. Später erhält er, obwohl er zur Gewalt neigt, Schnitzwerkzeuge und Messer, um bemerkenswerte Holzskulpturen zu schaffen. In Prinzhorns Buch „Bildnerei der Geisteskranken“, widmet der Psychiater dem Bildhauer unter den „zehn schizophrenen Meistern“ eine ausführliche Beschreibung. Vielen anderen Patienten steht kein hochwertiges Handwerkszeug zur Verfügung – und so finden sich in der Sammlung Prinzhorn unzählige Werke auf Toiletten- und Krankenaktenpapier, auf Kalenderblättern oder Speisezetteln.


1921 verlässt Hans Prinzhorn die Heidelberger Klinik, damit endet seine Sammeltätigkeit. Zur gleichen Zeit bahnen sich andere, unheilvolle Entwicklungen den Weg. Wissenschaftler debattieren seit geraumer Zeit über „erbhygienische Maßnahmen“ und „Euthanasie“. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung übernimmt Carl Schneider im Oktober den Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität in Heidelberg. In der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ 1938 befinden sich auch Leihgaben aus der Sammlung Prinzhorn, u.a. auch Skulpturen von Genzel. Die Nationalsozialisten instrumentalisieren die Anstaltskunst und ziehen sie als Beweisstücke heran, um den angeblichen Wahnsinn expressionistischer, dadaistischer und ungegenständlicher Kunst zu belegen.


Und es kommt viel schlimmer: Als Obergutachter der so genannten T4-Aktion plant Schneider systematisch die Tötung von Anstaltsinsassen.   Hintergrund: Im Oktober 1939 verfügt Hitler, „unheilbar Kranken (solle) der Gnadentod gewährt werden“. Bis in den August 1941 bringen Ärzte im Zuge der T4-Aktionen mehr als 70000 Menschen durch Injektionen oder Gas um. Darunter finden sich auch Vertreter der Sammlung Prinzhorn. Paul Goesch (1885 – 1940) etwa ist seinerzeit bekannt für seine expressionistische Architektur. Nach mehreren Nervenzusammenbrüchen lebt der Architekt Jahrzehnte in Sanatorien. Goesch gerät früh in die Mühlen der „rassenhygienischen Studien“ und wird zum entarteten Künstler erklärt. Im August 1940 wird er ermordet.


Nach 1945 gerät die Sammlung Prinzhorn zunächst in Vergessenheit. Erst in den 60er Jahren wird die „Kunst von Geisteskranken“ langsam wiederentdeckt, Kurator Harald Szeemann holt 1963 250 Werke in die Kunsthalle Bern. Ab den 70er Jahren ermöglichen es Gelder der Stiftung Volkswagen, die zerfallende Sammlung zu restaurieren und museumswissenschaftlich zu erfassen. 2001 eröffnet das Museum Sammlung Prinzhorn. Zu den historischen Beständen sind inzwischen auch mancher Psychiater-Nachlass und viele Schenkungen Psychiatrieerfahrener gekommen.

  

Gerade weil die Arbeiten in der Sammlung Prinzhorn von ihrer Unterschiedlichkeit leben, ermöglichen sie unglaublich interessante Einblicke in Gedankenwelten: Die Künstler setzen sich mit der eigenen Person auseinander, mit Ängsten und Nöten, aber zum Beispiel auch mit dem Alltag in Heil- und Pflegeanstalten. Da erstaunt es nicht, dass das internationale Interesse an „Outsider-Kunst“ wächst, regelmäßig fragen Museen aus aller Welt Leihgaben in Heidelberg an.

Helene Maisch, Bitte um ein Stück Kuchen, 1919


Reproduktion: © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


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Der Artikel  ist unter anderem  im Fachmagazin „Behinderte Menschen“ erschienen.

Infokasten:  Besucherinformationen zur Sammlung Prinzhorn


Öffnungszeiten: Das Museum Sammlung Prinzhorn ist Dienstag sowie Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr und Mittwoch  von 11 bis 20 Uhr (an Feiertagen bis 17 Uhr) geöffnet. Montags ist das Museum geschlossen.


Führungen: Öffentliche Führungen finden zu den Ausstellungszeiten sonntags um 14 Uhr und mittwochs um 18 Uhr statt. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Sonderführungen auf Deutsch, Englisch und Französisch sind möglich nach telefonischer Vereinbarung unter +49 (0)6221/56-44 92.


Ausstellungen 2015: 30. April bis 16. August 2015 „Das Wunder in der Schuheinlegesohle“ – eine Auswahl aus der Sammlung Prinzhorn; 18. September bis 15. November 2015 „6. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg“; 17. Dezember 2015 bis 3. April 2016 „Dubuffets Liste“. Zwischen den einzelnen Ausstellungen bleibt das Museum jeweils wegen Umbaus geschlossen.