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Wo Märchen und Wirklichkeit verschwimmen
Mainfranken Theater Würzburg schlägt im  Handlungsballett „Scheherazade“ den Bogen in die Gegenwart


Von Michaela Schneider
Würzburg  
Scheherazade. Automatisch blitzen Bilder auf vor Augen von sinnlichen Frauen und funkelnder Seide, exotischen Welten, den spannenden Abenteuern des tapferen Seefahrers Sindbad und einer orientalischen Märchenwelt. Und ja, alle diese Bilder bedient Ballettdirektorin Anna Vita jetzt am Mainfranken Theater Würzburg in ihrem neuen Handlungsballett „Scheherazade“ zur Musik von Nikolai Rimski-Korsakow und des zeitgenössischen Komponisten Fazil Say. Doch wäre Anna Vita nicht Anna Vita, wenn sie es bei einer getanzten Nacherzählung beließe. Stattdessen nimmt sie sich im zweiten Akt Edgar Allan Poe zum Vorbild. Der nämlich ließ seinerzeit die schöne Tochter des Wesirs in der tausendundzweiten Nacht in die Zukunft blicken. Und was damals Zukunft, ist heute Gegenwart. Das Premierenpublikum begrüßt Anna Vita am Ende des Abends für ihre fantasie- und ideenreiche Inszenierung mit stehenden Ovationen.


Mindestens ebenso großes Lob für die zauberhafte Produktion verdient das Regieteam um die Ballettdirektorin. Bühnenbildnerin Sandra Dehler hält die Kulisse abstrakt und minimalistisch, für den Palast des Sultans reichen lange, säulenhaft wirkende Tücher. Stattdessen arbeitet sie mit zahlreichen Videoeinspielungen, lässt Film und Realität verschmelzen wie Märchen und Wirklichkeit. Dem Sultan erscheinen geisterhafte, ermordete Frauen, Menschen flüchten vor Feuer und Fliegerangriffen. Scheherazade holt mit ihren Geschichten den Mond bildlich vom Himmel und verwandelt ihn in einen Spielball. Farbe bringen die fantasievollen Kostüme von Stephan Stanisic auf die Bühne. Er arbeitet mit fließenden, wehenden Stoffen, lässt es – frei von jedem Kitsch - glänzen und glitzern. Aus zwei Reifröcken bastelt er riesige lebende Muscheln und lässt im Schwarzlicht leuchtende Fantasiewesen durch den Raum schweben. Das i-Tüpfelchen bilden Roger Vanonis technische Effekte aus Licht, Farbe und Schatten, exemplarisch seien hier tanzende weiße Bräute mit riesigen Schleiern genannt, die plötzlich in blutiges Rot tauchen.  


Zur Geschichte: Die Tochter des Wesirs, Scheherazade, erzählt, um ihr eigenes und das Leben vieler anderer Frauen zu retten. Sie erzählt tausend und eine Nacht lang Geschichten. Denn der Sultan – von der Ehefrau betrogen – hat von nun an geschworen, sich jede Nacht eine andere Frau zu nehmen und sie am nächsten Morgen umzubringen. Die listige Scheherazade unterbricht ihre Geschichten in der Früh an einer besonders spannenden Stelle und bleibt am Leben. Soweit der allbekannte Teil. Bei Anna Vita allerdings ist die Schöne fast noch cleverer als in der historischen Vorlage. Denn sie entführt den Sultan mit ihren Geschichten in die Gegenwart – zum Beispiel in ein Inselparadies, das plötzlich mit Plastik und Müll überschüttet wird. Gemeinsam mit Sindbad begegnen die Beiden in Persien Menschen, die vor Krieg und Bomben flüchten. Schließlich fliegt das Trio im All durch eine Fantasiewelt mit zauberhaften Wesen.


Dann schlagen Raketen und Kometen ein, Sindbad wird tödlich getroffen. Der Sultan erkennt aus der Vogelperspektive, wie klein er selbst im großen Weltgetriebe ist, beginnt um Fantasie, das Schöne und die großen Abenteuer zu fürchten, überwindet den verletzten Stolz und schlüpft selbst in die Rolle des empathischen, handelnden  Sindbads. Ohne erhobenen Zeigefinger wird der Bogen in die Gegenwart geschlagen in eine von Konflikten gebeutelte Zeit. Eine Zeit, in der die Kluft wächst zwischen jenen, die bis zur Selbstaufopferung anpacken, und jenen, die aus eigenen Interessen heraus den Blick aufs Ganze ausblenden.


Und da passt es, dass bei der „Scheherazade“ statt der Solotänzer die Ensembleleistung, das getanzte, große Bild in den Vordergrund rückt. Vita kombiniert in den Choreographien dezent gehaltene orientalische Elemente mit recht modernem Bühnentanz, schafft wunderbare Gesamtbilder und kann dabei auf ein hochmotiviertes Ballettensemble bauen. Trotzdem sei Mihael Belilov als Sultan hervorgehoben, der wunderbar den inneren Wandel des grausamen Herrschers über den begeisterungsfähigen Jungen zum empathischen Mann verkörpert. Ihm zur Seite steht als Scheherazade die bezaubernde Kaori Morito, die sich mit Klugheit, Mut und Charme nicht nur ins Herz des Sultans, sondern auch des Publikums tanzt.  


Die Kombination aus einst und heute setzt sich selbst im Orchestergraben fort mit Nikolai Rimski-Korsakows Sinfonischer Suite nach Tausendundeiner Nacht und Fazil Says modernem  Violinkonzert „1001 Nights in a Harem“. Dirigent Sebastian Beckedorf baut dabei zusammen mit dem Philharmonischen Orchester auf sehr dichte und trotzdem unaufdringliche Klangkörper, erschafft schillernde Farbpaletten, die ihr Übriges tun, um ein farbenfrohes, reiches Bild vom Orient aufleben zu lassen – ganz anders, als es die Weltpolitik heute glauben machen will. Das Publikum ist zu Recht verzaubert.


Dauer: 110 Minuten (mit Pause); 19.30 Uhr: 26.01./ 29.01./ 31.01./ 06.02./ 10.02./ 13.02./ 18.02./ 21.02./ 24.02./ 13.03./ 24.03./ 28.03.; 15.00 Uhr:  28.02.

Der Artikel  ist unter anderem  im Main Echo erschienen.