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Von wilden Fräulein und grausamen Werwölfen

Ein Allgäuer hat sagenhafte Orte in seiner Heimat fotografiert und zeigt sie aus einer neuen Perspektive


Versunkene Schätze und wilde Fräulein, grausame Ritter, Schlangenbeschwörer und teuflische Verschwörungen: Nur wenige Regionen können auf einen so gut konservierten Sagenschatz zugreifen, wie das Allgäu. Wenig gemein haben die oft düsteren Erzählungen allerdings mit der bekannten Postkartenidylle aus sattgrünen Weiden, Rindern und Bergen. Der Oberallgäuer Franziskus Reitemann zeigt seine Heimat nun auch in Bildern aus einer anderen Perspektive: Mit einer speziellen Fototechnik hat er alte Sagenorte in Gruselatmosphäre fotografiert und einen Bildband herausgegeben.


„Moorgebiet, Lebensgefahr“, warnt ein verwittertes Schild. Franziskus Reitemann und seine Freunde, hielt das in Kindertagen nicht davon ab, immer wieder zum Kesselsee zurückzukehren. Da half auch das ausdrückliche Verbot der Eltern nicht. Denn, so erzählt man sich, auf dem Grund des Sees soll ein Schatz liegen. Einer Sage nach versuchten die Kemptener in der Zeit des 30-jährigen Krieges, Kirchenschätze vor den plündernden schwedischen und französischen Truppen in Sicherheit zu bringen. Auf dem Weg nach Füssen aber gingen die Pferde durch und der Prunkwagen mit seiner kostbaren Last versank im Kesselsee. Heute ist das einstmals offene Gewässer komplett verlandet, gefährlicher Sumpfboden und dichtes Gehölz prägen die Landschaft. Trotzdem lockt das Gelände manchen Schatzsucher – wie einst den Allgäuer Buben Franziskus Reitemann.


„Die Begeisterung für unsere Sagen wurde mir in die Wiege gelegt“, erzählt er. Und mittlerweile hat der heute 39-Jährige dem Sagenschatz seiner Allgäuer Heimat selbst ein Denkmal gesetzt: In dem Buch „Die dunkelsten Allgäuer Sagenorte“ erzählt er die Geschichten nach, liefert Wandertipps – und zeigt Seen, Moore, Alpen oder Burgen auf eine ganz neue Art, die mit der allbekannten Alpenromantik wenig gemein hat. Dafür hatte sich der Kommunikationsdesigner, der inzwischen in Berlin lebt, eine Auszeit genommen und all jene Orte besucht und fotografiert, an denen sich einst schaurige Begebenheiten abgespielt haben sollen. Dabei arbeitete er  mit einer speziellen Infrarotkamera. Diese macht Infrarotlicht ab zirka 700 Nanometer sichtbar – und damit Dinge, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann. „Das ist mit den Sagen vergleichbar“, sagt er. Laub, das Infrarotlicht reflektiert, sieht auf den Schwarzweiß-Fotografien dann zum Beispiel aus wie Schnee. Der wolkenlose Himmel dagegen wird tagsüber rabenschwarz. Eine Gruselatmosphäre, die mit mancher Schaudergeschichte Hand in Hand geht.


Dafür noch ein Beispiel. Nicht nur, dass Franziskus Reitemann in der Nähe des Kessselsees aufwuchs, auch führte die Kinder seinerzeit der Weg immer wieder zu einem gewaltigen Nagelfluhfelsen in der Umgebung. Der lud zum Klettern ein – und oben prangt umwuchert von Bäumen und Sträuchern bis heute das „Steinerne Kreuz“. Gleich mehrere schauderhafte Begegnungen sollen sich hier ereignet haben: So sollen unter anderem drei Räuber einen Wanderer überfallen haben – und ermordeten ihn, wie sie meinten. Doch als die drei ihre Raubbeute im Wirtshaus zählten, trat plötzlich der blutende Totgeglaubte ein und bat um die Rückgabe seines Eigentums. Aus Dankbarkeit, dass Sie nicht zu Mördern geworden waren, errichteten sie später angeblich das Kreuz.


Als Franziskus Reitemann während seiner Bucharbeiten den Allgäuer Literaturschatz sichtete, hatte er viel zu tun, fast 1000 Sagen las er. Dass sie derart gut erhalten sind, kommt nicht von ungefähr: Ein Mann namens Karl Reiser war seinerzeit fürs Allgäu, was die Gebrüder Grimm mit Blick auf die deutschen Märchen waren. Der Lehrer, Geologe und Heimatforscher reiste durch die Ortschaften. ließ sich von den Menschen die alten Geschichten erzählen und legte Ende des 19. Jahrhunderts eine riesige Sagensammlung an. „Trotzdem sind die Erzählungen, die früher von Generation zu Generation weitergegeben wurden, nicht mehr überall im Bewusstsein. Das merkte ich, als ich mein Buch in den Dörfern recherchierte“, erzählt Reitemann. Langsam scheint sich dies wieder zu ändern: Seit einigen Jahren beginnt man, den Sagenschatz in der Region auch touristisch zu vermarkten – etwa mit einem Sagenweg in dem Bergdorf Obermaiselstein oder auch mit lebensgroßen Schattenfiguren mitten im Wald der Künstlerin Hildegard Simon bei der Grotte im Hintersteiner Tal mit dem ungewöhnlichen Namen „Wildfräuleinstein“. Zwölf „wilde Fräulein“ sollen hier gehaust haben. Freundlich und wunderschön halfen sie Menschen und Tieren, die unverschuldet in Not geraten waren.    


Spannend ist, wie der 39-Jährige überhaupt auf die Idee zu seinem Buchprojekt kam. Das geschah nämlich keineswegs bei einem Besuch in der alten Heimat, sondern tausende Kilometer entfernt, in Thailands Hauptstadt Bangkok. Dort gibt es mitten in der Stadt so genannte „Geisterhäuser“ – Wolkenkratzer, die nie fertig gebaut, nie bezogen wurden. Mit einem Freund wollte er aufs Dach einer der Ruinen steigen. An sich sei das über die Feuerleiter schon gruselig gewesen, roch überall nach Moder, war finster, die zum Teil schon eingerichteten Räumen lagen unter dicken Staubschichten. Im 13. Stock stieß Reitemann auf Pentagramme und andere unheimliche Zeichen an den Wänden. Den Aufstieg aufs Dach schaffte der Allgäuer erst beim dritten Anlauf, und die Grundlage für ein neues Projekt, die „Lost Places“ (Deutsch: verlorene Orte), war gelegt. Der Allgäuer begann Geisterhäuser zu fotografieren, ihre Geschichte zu recherchieren und veröffentlichte Reportagen auf einem eigenen Blog im Internet. „In Deutschland hätte ich damit gerne weitergemacht, auch hier gibt es jede Menge Bauruinen. Ihre Dokumentation wäre aber rechtlich schwierig geworden.“ Er suchte nach anderen „verlorenen Orten“ – und kam auf die Idee, Sagenorte zu dokumentieren.


Inzwischen hat er sich in der alten Heimat einen Namen gemacht als Experte für Sagen, erzählt in Vorträgen über deren Hintergründe. So geht es in einigen Erzählungen um Zauberbücher, deren Ursprung liegt in der Zeit der Aufklärung. Die Bevölkerung war damals laut Reitemann noch sehr hexengläubig –die Hexenverfolgung durch staatliche Institutionen fand jedoch ein Ende. Gleichzeitig wurde okkultistische Betätigung nicht mehr durch den Staat verfolgt. Entsprechend konnten Verlage nun die bis dahin verbotenen Zauberbücher straffrei drucken und vertreiben. Die noch weitgehend hexengläubige Bevölkerung glaubte in diesen Büchern private Mittel zum Schutz vor den dunklen Mächten zu finden. Das machte sich kurzerhand die aufblühende Druckindustrie zunutze – und so wurden ab der zweiten Hälfte des 18. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert etliche Zauberbücher verkauft. Als Franziskus Reitemann begann, sich mit diesen zu beschäftigen, warnte eine Freundin der Familie, überhaupt nur in den Büchern zu lesen. Dann nämlich, so glaubte sie, werde man sofort verzaubert. „Der alte Aberglaube ist immer noch in Teilen der Bevölkerung verbreitet“, erzählt der 39-Jährige. Er selbst glaubt nicht an unsichtbare Kräfte und Magie, will mit seinen Vorträgen eher entmystifizieren. Dafür blickt er vor allem auch auf die Entstehung der Sagen: „Mit einigen wollte man Unerklärliches wie zum Beispiel ein Wetterleuchten oder den Ausbruch einer Seuche erklären. Andere Sagen drehen sich um Großereignisse, die die Menschen bewegten, wie etwa einen Kirchbau. Und es gibt Warnsagen als Gruselgeschichten über gefährliche Orte. Die Hexensage vom Sibillenmoos bei Marktoberdorf etwa soll vor dem Betreten des Moores warnen.“


Trotz aller Entmystifizierung faszinieren Franziskus Reitemann die alten Erzählungen. Und seine Lieblingssage? „Das ist ‚Der Werwolf von Ried‘, weil es die schaurigste von allen ist“, sagt er. Immer wieder fanden die Menschen hier zerrissenes Vieh, denn ein Einwohner des Ortes verwandelte sich Nacht für Nacht in einen Werwolf. Als er es zu bunt trieb, soll schließlich der Teufel persönlich gekommen sein, um ihn zu holen.  


Reitemann, Franziskus: Die dunkelsten Allgäuer Sagenorte, Verlag Hephaistos, ISBN 978-3931951-78-8

Der Artikel  ist unter anderem  im Magazin „Schönes Schwaben“ erschienen.