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Von Michaela Schneider

 

Rothenburg ob der Tauber Denkt man sich die Autos am Straßenrand weg, fühlt man sich um Jahrhunderte zurückversetzt: Rothenburgs Judengasse gilt zu Recht als eine der letzten, gut erhaltenen mittelalterlichen Judengassen im deutschsprachigen Raum. Viele Wohngebäude stammen hier noch aus der Zeit um 1400. Geschichte wird lebendig, das Städtchen hat mit Blick auf seine jüdische Vergangenheit weit mehr zu bieten als Rekonstruktionen, Erinnerungstafeln und bloße Namensschilder. So setzt sich Rothenburg mit sich selbst, als einem Ort jüdischer Kultur, auch touristisch auseinander: Gästepfarrer Dr. Oliver Gußmann hat nicht nur ein Büchlein zu einem Rundgang durchs jüdische Rothenburg herausgegeben, auch präsentiert er bei Themenführungen selbst historisch relevante Orte.

 

Jüdisches Leben in Rothenburg ist bereits seit dem 12. Jahrhundert nachweisbar. 1180 wird in Würzburger Quellen der Rothenburger Jude Samuel Biscoph erwähnt. Die jüdische Geschichte war dabei über die Jahrhunderte sehr wechselvoll: Sie erlebte mit dem berühmten Rabbiner und Talmud-Gelehrten Rabbi Meir ben Baruch Mitte des 13. Jahrhunderts eine Hochblüte jüdischer Kultur. An seine Wirkungszeit erinnern in Rothenburg heute noch das Rabbi-Meir-ben-Baruch-Gärtchen beim Judentanzhaus und eine Gedenktafel. Und die Geschichte erfuhr neben Phasen relativer Duldung Zeiten, in denen jüdische Stadtbewohner brutal verfolgt und ermordet wurden. Nach der völligen Vertreibung im Jahr 1520 war es Juden verboten, sich hier wieder anzusiedeln. Erst ab 1870 konnte eine neue jüdische Gemeinde entstehen, die jedoch 1938 unter dem Regime des Nationalsozialismus erneut vertrieben wurde.

 

Interessierte Besucher können sich auf die Spuren des jüdischen Rothenburgs begeben – entweder auf Wunsch im Rahmen einer Themenführung (Details unter http://www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus) oder aber auf eigene Faust. Hierfür hat Gästepfarrer Dr. Oliver Gussmann die Broschüre „Einladung zum Rundgang. Jüdisches Rothenburg ob der Tauber“ zusammengestellt. Sie ist am Kircheneingang von St. Jakob und in der Franziskanerkirche erhältlich oder kann in jeder Buchhandlung bestellt werden über ISBN: 3-933231-22-1.

 

Die Tour führt vorbei an elf wichtigen Stationen und sechs Gedenktafeln im Ort. Startpunkt ist der Kapellenplatz – jener Ort, an dem sich im 13. Jahrhundert das erste jüdische Viertel der Stadt in zentraler Lange entwickelte mit einer Synagoge, einer Talmudschule, einem Lehrsaal, einem Judentanzhaus und einer Mikwe, sprich einem jüdischen Ritualbad. Übrigens musste bereits die erste jüdische Gemeinde mehrere Verfolgungswellen überstehen – das Rintfleisch-Pogrom 1298, Ausschreitungen zwischen 1336 und 1342 und die Pestverfolgungen 1348 und 1349. Originalgebäude finden sich heute am Kapellenplatz nicht mehr – er wurde beim Bombenangriff am 31. März 1945 komplett zerstört. An einem der Häuser findet sich jedoch eine Bronzetafel, die an Rothenburgs berühmtesten Lehrer Rabbi Meir ben Baruch erinnert. Erst im Jahr 2010 neu gestaltet wurde zudem das Rabbi Meir-Gärtchen, in seine Mauer sind zehn jüdische Grabsteine aus dem 14. Jahrhundert eingelassen.

 

Während der bekannte Bürgermeister Heinrich Toppler Rothenburg regierte (gest. 1408) gehörten Juden zu den wohlhabenden, hohe Steuern zahlenden Bürgern. Jetzt siedelten sie im Norden der Stadt – die eindrucksvollen steinernen Zeugen aus jener Zeit stehen in der „Judengasse“. In Fachkreisen gilt diese als die „einzige noch erhaltene spätmittelalterliche Judengasse im deutschsprachigen Raum“. Juden und Christen lebten hier friedlich nebeneinander. Tatsächlich sind zahlreiche der Gebäude aus dem Mittelalter bis heute erhalten. Besondere Beachtung verdienen zwei runde Türbogen am Haus Nr. 15/17, die wie Gebotstafeln aussehen. Im Keller des Hauses Nr. 10 befindet sich eine kleine Mikwe – ein Modell des Ritualbads findet man im Reichsstadtmuseum. Tatsächlich ist der Weg dorthin so oder so Pflichtprogramm, während des Rundgangs durchs jüdische Rothenburg: In der Judaica-Abteilung befinden sich 30 mittelalterliche jüdische Grabsteine, das Siegeltypar der jüdischen Gemeinde von 1410, eine Backofenkrücke und ein achtflammiger Chanukkaleuchter.

 

Nach dem Besuch der Judengasse ist es nicht mehr weit bis zum Schrannenplatz, wo ab 1407 die neue Synagoge des zweiten jüdischen Viertels stand. Zudem befand sich hier einst der jüdische Friedhof – darauf verweist auch die Inschrift „Judenkirchhof“, wie der Platz einst hieß. Die Synagoge wurde am 8. Januar 1520 geplündert, die letzten jüdischen Familien mussten aus Rothenburg fliehen.

 

Als nächstes lohnt ein Abstecher in den Ostchor der St.-Jakobs-Kirche: Im südlichen Glasfenster, gefertigt um 1390/1400, erzählt der dritte Bildabschnitt von der Speisung des Volks Israel mit Manna vom Himmel. Tatsächlich werfen hier fünf Engel fränkische Spitzwecken und Laugenbrezeln zu den Israeliten hinunter, die wie die Juden im Mittelalter Judenhüte tragen und zudem mit Hakennasen typisiert werden. Den folgenden Burggarten bezeichnet Dr. Gußmann in seiner Broschüre dann als „Ort der bitteren Klage“: Ein Denkmal an der Außenwand der Blasiuskapelle erinnert an das Pogrom, das 1298 ein  Adeliger namens Rintfleisch aus dem nahen Röttingen unter dem Vorwand einer angeblichen Hostienschändung angezettelt hatte. Auch 178 Kinder und der Bruder des Rabbi Meir und seine Familie wurden in Rothenburg ermordet. Im Fränkischen fielen dem grausamen Pogrom zu jener Zeit fast 5000 Juden zum Opfer.

 

Schließlich noch ein Blick in die Herrengasse. 1861 hatten alle Juden in Bayern die Erlaubnis erhalten, den Wohnort frei zu wählen und so entstand ab 1870 auch in Rothenburg eine neue jüdische Gemeinde. Bis 1919 wuchs die Zahl der jüdischen Bürger auf etwa 100 an. Die neue Synagoge stand an der heutigen Ecke Herrngasse 21/Heringsbronnengässchen. Doch auch diese neue, kleine Blüte sollte bald enden, zu ersten gewalttätigen Übergriffen der Nationalsozialisten kam es in Rothenburg im Jahr 1933. Die letzten 17 Juden wurden vom NSDAP-Kreisleiter am 22. Oktober 1938 aus der Stadt gewiesen.

 

1947 wurde die Stadt Rothenburg übrigens verpflichtet, den jüdischen Friedhof an der Wiesenstraße wiederherzurichten. Dieser war während des Nationalsozialismus geschändet, Grabsteine waren umgeworfen worden. Über die letzte jüdische Gemeinde ist heute nur noch wenig bekannt, sie müsse dringend geschrieben werden, fordert Dr. Oliver Gussmann eine weitere Aufarbeitung der jüdischen Vergangenheit Rothenburgs.   

Rundgang durch das jüdische Rothenburg

1947 wurde Rothenburg verpflichtet, den im Nationalsozialismus geschändeten Friedhof wieder herzurichten.

Foto: Michaela Schneider

Der Artikel wurde verfasst für die „Saremba Presse und Kommunikation GmbH“

In Fachkreisen gilt die Judengasse als einzige noch erhaltene spätmittelalterliche Judengasse im deutschsprachigen Raum. Bemerkenswert: die beiden runden Bogentüren am Haus Nr. 15/17 in der Judengasse, die wie Gebotstafeln aussehen.

 

Foto: Michaela Schneider

Foto: Michaela Schneider

 

Foto: Michaela Schneider

Das Rabbi Meir-Gärtchen wurde im Jahr 2010 neu gestaltet. In seine Mauer eingelassen: zehn jüdische Grabsteine aus dem 14. Jahrhundert

 

Foto: Michaela Schneider

Ort der bitteren Klage: Im Burggarten erinnert ein Denkmal an der Außenwand der Blasiuskapelle an das so genannte Rintfleisch-Pogrom, das 1298 nahezu die gesamte jüdische Gemeinde Rothenburgs auslöschte.

 

Foto: Michaela Schneider