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Antibiotika verlieren ihre Wirkung
Multiresistente Erreger werden zunehmend zur Gefahr für Menschen mit schwachem
Immunsystem – Mediziner mahnt verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika sowie sorgfältige Hygiene an

 

Von Michaela Schneider

Würzburg Alexander Flemming arbeitete im September 1928 im Labor mit einer Bakterienkultur, als er darin Schimmelpilze entdeckte. Das Besondere des Zufallsfunds: die keimtötende Wirkung dieser Fremdkörper der Gattung „Penicillium“. Mit der anschließenden Entwicklung des Antibiotikums Penicillin verloren bis dato lebensgefährliche bakterielle Krankheiten wie Scharlach, Lungenentzündung oder Syphilis ihren Schrecken.  Bis heute. Doch droht nun mit einer rasanten Zunahme von Antibiotikaresistenzen ein Rückschritt. Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie in Würzburg beschäftigten sich mehr als 400 Experten aus In- und Ausland - neben weiteren Fachthemen - mit der gefährlichen Entwicklung.

 

Einer von Ihnen ist Professor Dr. Arne Simon, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Pädiatrische Hämatologie und Onkologie sowie klinischer Infektiologe am Universitätsklinikum des Saarlandes. Er erklärt, wie Bakterien und Antibiotika funktionieren, warum sich Resistenzen entwickeln, blickt auf den aktuellen Forschungsstand und in die medizinische Zukunft.  Seine klare Prognose: Einige Infektionserreger werden bald nicht mehr mit Antibiotika zu behandeln sein.

 

Viele Millionen Jahre älter als der Mensch

Doch ganz von vorne: Was genau sind eigentlich Bakterien? Letztlich handelt es sich dabei um sehr kleine, einzellige Lebewesen, die viele Millionen Jahre länger als die Menschheit leben und selbst Permafrost überstehen können.  Sie vermehren sich ungeschlechtlich durch Zellteilung – und zwar ziemlich schnell: Bestimmte Erreger verdoppeln sich in geeigneter Umgebung innerhalb von Minuten.  Manche Bakterien benötigt der menschliche Körper, zum Beispiel für eine gute Darmflora. Andere dagegen können schwere Krankheiten auslösen. Und auch, wenn sehr viele dieser Erreger für Gesunde keine größere Gefahr bedeuten:  Bedroht sind Menschen mit schwächerem Abwehrsystem, zum Beispiel Frühgeborene und alte oder kranke Menschen. Letztlich siedeln sich Bakterien auf der Haut des Patienten, im Darm oder auch im Umfeld an und können – je nach Bakterium – über verschiedene Kontaktformen übertragen werden.

Antibiotikum indes heißt wörtlich übersetzt „gegen das Leben“. Es handelt sich dabei um Naturprodukte oder chemisch hergestellte Mittel, die Bakterien abtöten. Rund 80 Antibiotika gibt es heute.  Bakterien sind jedoch anpassungsfähig und diese Wandlungsfähigkeit ist schon genetisch angelegt. Heißt:  Erreger verändern sich seit Jahrmillionen, um auch unter widrigen Umweltbedingungen zu überleben.  Viele Resistenzen gegen Antibiotika sind bei bestimmten Bakterien bereits genetisch angelegt, andere entwickeln sich durch genetische Anpassung, sprich Mutationen, wenn die Bakterien in Kontakt mit Antibiotika kommen.

 

Ursachen für die steigende Anzahl an Antibiotika-Resistenzen gibt es dabei laut Professor Simon viele – aber so gut wie alle sind letztlich menschengemacht. Denn je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto schneller verändern sich die Bakterien und bilden Multiresistenzen. Zwei Drittel der produzierten Antibiotika werden dabei nicht benötigt, um Menschenleben zu retten, sondern in der Veterinärmedizin und Tiermast eingesetzt. Dies fördert die Entstehung von Multiresistenzen ganz drastisch. Zwar sind verschiedene Antibiotikaanwendungen inzwischen innerhalb der Europäischen Union verboten – jedoch nicht alle. Das Dramatische: In der industriellen Tiermast sind bis zu 70 Prozent der Schweine und Rinder oder auch des Geflügels mit Bakterien besiedelt, die gegen viele Standardantibiotika resistent sind. Diese Resistenz kann zum Beispiel auf der Produktion von ESBL durch die Bakterien beruhen. ESBL  sind Enzyme, die sogar bestimmte Reserveantibiotika inaktivieren. Die große Gefahr dabei: Siedeln sich multiresistente Bakterien im Tier an, können diese häufig nicht nur im direkten Kontakt mit lebenden Tieren übertragen werden, sondern zum Beispiel auch im alltäglichen Umgang mit rohem Fleisch in der Küche.

 

Auch kritisiert Professor Simon, dass viele Ärzte – in Krankenhäusern, aber vor allem auch in Arztpraxen - zu leichtfertig Antibiotika verschreiben. Viel zu schnell wird auch bei einer viralen Infektion zur Pille gegriffen, obwohl die Genesung dadurch kein bisschen schneller voranschreitet. Simon geht davon aus, dass jede zweite Antibiotika-Einnahme unnötig ist. Er fordert deshalb: In Zukunft muss bei jeder Verabreichung viel genauer diagnostiziert werden, ob überhaupt eine schwere bakterielle Infektion vorliegt, die tatsächlich die Behandlung mit einem Antibiotikum  erforderlich macht. Doch appelliert er nicht nur an seine Kollegen, sondern auch an die Bevölkerung. Oft komme es vor, dass Eltern schon bei einer milden Mittelohrentzündung oder Halsentzündung ein Rezept einfordern, obwohl das Kind auch ohne dieses Medikament rasch wieder gesund würde.

 

„Wird ein Antibiotikum eingesetzt, ist es wichtig, denn Patienten exakt so lang zu behandeln, wie er’s benötigt“, ergänzt Simon. Heißt: Nicht zu kurz, damit Krankheitssymptome nicht zurückkehren, aber auch nicht zu lang, um die Entwicklung von Resistenzen nicht unnötig zu fördern. Patienten sollten Empfehlungen des Arztes auf jeden Fall befolgen – auch, wenn sie sich vielleicht schon besser fühlten. Insgesamt, so das Fazit des Infektiologen, ist in nächster Zukunft sehr viel Aufklärungsarbeit erforderlich – sowohl bei Experten als auch bei Patienten.

 

60 Grad statt Biowaschgang

Tatsächlich kann jeder Einzelne durch eine gute Basishygiene wie regelmäßiges, gründliches Händewaschen mithelfen, die Ausbreitung von Bakterien und damit auch die Bildung von Antibiotika-Resistenzen einzudämmen. Aufklärung setzt dabei für Professor Simon schon in Kindergärten und Schulen an, unter anderem verweist er auf das Projekt „Hygiene-Tipps für Kids“ (www.hygiene-tipps-fuer-kids.de). Denn dass die Zahl der multiresistenten Bakterien in den letzten Jahren  drastisch gestiegen ist, führt der Infektiologe auch auf eine veränderte Basishygiene zurück. Er empfiehlt zum Beispiel, Leibwäsche, Waschlappen und Co. unbedingt regelmäßig bei 60 Grad Celsius zu reinigen und keinesfalls nur im 30-Grad-Biowaschgang. Fakt ist leider: In den USA sind etliche Waschmaschinen erst gar nicht mehr mit einem 60-Grad-Programm ausgestattet. Und tatsächlich schreitet hier die Ausbreitung mancher multiresistenter Erreger besonders drastisch voran.

 

Hygiene hilft, die Ausbreitung multiresistenter Erreger im eigenen Umfeld zu bremsen – stoppen wird sie diese nicht. Was aber tut sich in der Pharmaindustrie? Tatsächlich stagniert hier die Entwicklung neuer Antibiotika. Denn: Reserve-Antibiotika sollen nur im Notfall eingesetzt werden – damit bringen sie auch nur begrenzten Gewinn. Zumal die Entwicklung eines neuen Antibiotikums lange  dauert und ins Geld schlägt – von bis 1,6 Milliarden Euro für ein einziges neues Produkt ist die Rede. Und während ein Unternehmen mehrere Jahre daran arbeitet, besteht laut Simon nicht nur jederzeit die Gefahr, dass unerwartete Nebenwirkungen auftreten, sondern auch, dass die Konkurrenz ein vergleichbares Antibiotikum schlichtweg schneller auf den Markt bringt. Öffentliche Unterstützung in der Antibiotika-Forschung hält der Infektiologe deshalb für zwingend nötig.

 

Allerdings betont er auch: Allein durch neue Antibiotika wird sich das Problem der Multiresistenzen nicht lösen lassen. „Bakterien sind viele Millionen Jahre älter und viel widerstandsfähiger als wir“, sagt er. Deshalb sind Forscher inzwischen auf der Suche nach neuen Methoden im Kampf gegen Bakterien. Ein Ansatz: Patienten werden Probiotika verabreicht. Dabei handelt es sich um nicht krank machende Erreger, die Krankheit auslösenden Bakterien verdrängen sollen. Kurz: Die Guten verjagen die Bösen. „Wichtig ist dabei, dass wir die Besiedlung gesunder und kranker Menschen noch besser verstehen“, betont Simon. Eine interessante Frage für Wissenschaftler lautet zum Beispiel: Was genau tut der Darm, damit nur die „guten Bakterien“ überleben?

 

Die Gefahr der Krankenhauskeime

Gerade auch in Krankenhäusern brechen immer wieder Infektionen aus und fordern ihre Opfer – vom Killerkeim ist in der Presse die Rede, wenn es etwa um den gefährlichen Eitererreger MRSA geht. Simon kritisiert, dass dann meist in den Kreisen der Behandelnden nach Schuldigen gesucht wird: „Die Diskussion wird fokussiert auf Schwestern und Pfleger – das aber ist eine viel zu verkürzte Darstellung.“  Der Infektiologe sieht bei solchen Vorfällen die Hauptursache im zunehmenden Druck, dem Pflegekräfte auf den Stationen ausgesetzt sind, betreut wird hier im Minutentakt. Daneben gibt es laut Simon viel zu wenig Hygienefachpersonal und klinische Inektiologen in den Krankenhäusern. „Man kann viel theoretisieren. Das hilft aber nicht, wenn Zeit und Praktiker fehlen“, so der Professor. Hinzu kommt noch, dass gerade in älteren Kliniken auch die baulichen Voraussetzungen vielfach erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Die Zahl der für eine Einzelzimmerisolierung geeigneten Krankenzimmer ist viel zu klein.

 

Immerhin sind Experten inzwischen für das Thema Antibiotikaresistenzen sensibilisiert. 2007 wurde das Projekt „Antibiotika-Resistenz-Surveillance, kurz ARS, am Robert-Koch-Institut ins Leben gerufen. Ziel ist es, eine repräsentative Datenbasis zur Antibiotikaresistenz in Deutschland zu erarbeiten. Sie soll als Grundlage dienen für Strategien zur Prävention und Kontrolle. Beim Robert Koch-Institut in Berlin wurde eine neue Expertenkommission ‚Antibiotikaresistenz und Therapie’ eingerichtet. Hier ist auch die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention angesiedelt, die Empfehlungen zu betrieblich-organisatorischen und baulich-funktionellen Maßnahmen der Hygiene, entwickelt. Solche Empfehlungen gibt es seit 2007 auch für intensivmedizinisch behandelte Frühgeborene.

Der Artikel ist im Magazin „Gesundheit!“ erschienen.

Sehr wichtig im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen: die entsprechende Hygiene. Dazu gehört auch das richtige und regelmäßige Händewaschen.

Foto: Michaela Schneider