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Von Michaela Schneider

 

Würzburg Es war während seines ersten Gymnasialjahres im Jahr 1958. Stefan Kummer lief Schultag für Schultag an der Würzburger Residenz vorbei. Einem fürstbischöflichen Haus, das in seinen Ausmaßen in Quantität wie Qualität einem König zu Ehre gereicht hätte. Und schon damals stellte sich für den Buben die Frage: Warum ist die Residenz eigentlich so groß? Diese Frage stellte er jetzt, Jahrzehnte später, erneut im Rahmen seiner Abschiedsvorlesung. Der Würzburger Kunsthistorik-Professor geht am 1. April in den Ruhestand. Im Zuge des DFG-Projekts „Die Genese der Würzburger Residenz und ihrer Ausstattung 1719 – 1779“ hat sich Kummer über Jahre mit der Entstehung des Prunkbaus beschäftigt. Der Andrang bei der Vorlesung war immens – die Neubaukirche war nicht nur bis zum letzten Platz besetzt, auch auf der Empore standen die Zuhörer.

 

Zwei Antworten bekam Stefan Kummer auf seine Frage als Schüler: Im Zeitalter des Barock wollten es die Herrscher dem Sonnenkönig Ludwig XIV. gleichtun – Prunk, Pracht und Verschwendungssucht prägten das Zeitalter des Barock. Hinzu kam: Etliche Menschen waren am Hof des Fürstbischofs beschäftigt – und teilweise beherbergte das Schloss zahlreiche Gäste. Damit seien seine Kinderfragen zunächst beantwortet gewesen, erinnert sich Kummer.

 

Später, als Professor für Kunstgeschichte, sollten sich seine Forschungen erneut um die Würzburger Residenz drehen, die bis heute als das einheitlichste und außergewöhnlichste aller Barockschlösser betrachtet wird. 1981 wurde die Residenz von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt. Und auch seinerzeit eilte der Residenz noch vor ihrer Vollendung der Ruhm voraus. Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth etwa hielt laut Kummer in ihren Memoiren fest, dass das Schloss wohl das schönste in Deutschland sei. Doch auch kritische Stimmen blieben nicht aus, die es für zu hoch, zu groß und zu prunkvoll hielten.

 

Doch was geschah einst zu Beginn des 18. Jahrhunderts? Die Fürstbischöfe lebten damals im Schloss auf „unserer lieben frauen berg“. 1700 fiel unter Fürstbischof Johann Philipp von Greiffenclau der Beschluss, ein Stadtschloss am Rennweg zu errichten. Bis 1704 wurde ein Schlösslein gebaut, die Hofhaltung allerdings wurde von der Festung Marienberg nicht in die Stadt verlegt. Die neue Residenz in der Stadt war kaum größer als das benachbarte Palais und damit nicht mehr als ein etwas größerer Adelshof – trotzdem kostete der ungenutzte Bau mehr als 38000  Gulden.

 

Intensiv recherchiert hat Stefan Kummer in Sachen Hofhaltung auf dem Marienberg. Sein Fazit: Die Wohnverhältnisse für die Herrscherschaft, aber auch für Diener waren schon dort sehr komfortabel, zudem gab es im Schloss üppige Repräsentationsräume und die Schottenflanke maß immerhin 150 Meter. „Die Fürstbischöfe waren verpflichtet zu einer entsprechenden Hofhaltung“, betont Kummer – und dafür waren passende Räume nötig. Heißt: Das neue Schlösslein in der Stadt war keine Alternative zum Wohnsitz auf dem Marienberg, zumal die Ansprüche im Barockzeitalter weiter gestiegen waren. Greiffenclau sei wohl nicht der rechte Mann gewesen, um gegen das sparsame Domkapitel den Bau einer zeitgemäßen Residenz zu erkämpfen, folgert der Kunsthistorik-Professor.

 

Ganz anders indes ging dessen Nachnachfolger vor, Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn. Er setzte sich von Beginn an das Ziel, den Marienberg zu verlassen und in die Stadt zu ziehen, ist Kummer überzeugt. Als Ausgangspunkt sollte zunächst das bestehende Schlösslein dienen, doch war es inzwischen baufällig. So verzichtete man ganz darauf und war nun völlig frei in der Gestaltung. Unter dem ersten Bauherrn Philipp Franz von Schönborn und seinem Architekten Balthasar Neumann wuchsen die Residenzpläne aufs heutige Ausmaß an: 166 Meter lang - und damit 16 Meter größer als die Schottenflanke auf den Marienberg - sowie 94 Meter tief sollte das Schloss schließlich werden, davor ein großer Paradeplatz.

 

In den Residenzräumen waren die kirchliche und die weltliche Regierung unterzubringen, beide pflegten zudem eine umfangreiche Registratur, Vorläufer des heutigen Staatsarchivs. Es wurde Raum für einen Hofstaat benötigt, der an vielen Höfen gewaltig gewachsen war. Auch lebten etliche Angestellte direkt am Hof – vom Bäcker bis zum Verwalter des Tafelsilbers. Reichlich Platz nahm der hauswirtschaftliche Bereich mit großen  Küchen, Backstuben oder Wäscherei ein. Ein ganzes Hoforchester war in der Residenz unterzubringen. Und es gab neben Repräsentationsräumen, Parade- und Gästezimmern  gleich zwei Bischofswohnungen. Diese „völlig unnütze Verdoppelung“ ist laut Kummer schlichtweg aufs Streben jener Zeit nach absoluter Symmetrie zurückzuführen.

 

Stellt sich die Frage, ob ein Bau im Ausmaß der Residenz tatsächlich nötig gewesen wäre, um den Ansprüchen eines fürstbischöflichen Hofstaats im Barockzeitalter gerecht zu werden. „Der Bau ging über den gewohnten Maßstab und die tatsächlichen Bedürfnisse weit hinaus“, sagt Kummer. Verantwortlich für die Ausmaße der Residenz seien letztlich die hohen Ansprüche des ersten Bauherrn und die Baulust seines Architekten Balthasar Neumann gewesen. Von Schönborn sollte den fertigen Residenzbau übrigens nie sehen: Er starb 1724. Vollendet wurde das Gebäude erst 1744.

„Wohl das schönste Schloss in Deutschland“

Kunstgeschichte Der Würzburger Professor Dr. Stefan Kummer stellt in seiner
Abschiedsvorlesung in der voll besetzten Neubaukirche die Frage „Warum ist die Residenz so groß?“

 


Forschungsverbund setzt sich mit den Ursachen und Folgen für Mensch und Natur auseinander

          

Schon auf der Festung Marienberg waren die fürstbischöflichen Wohnverhältnissen ansehnlich. Kleiner hätte ein ständiger Wohnsitz im Stadtzentrum nicht ausfallen dürfen.

 Archiv-Foto: Michaela Schneider

 

 

 

Zur Person:

Professor Dr. Stefan Kummer

 

Mehr als ein Viertel Jahrhundert hatte Professor Dr. Stefan Kummer den Lehrstuhl für mittlere und neuere Kunstgeschichte an der Universität Würzburg inne, war Vorstand des Instituts für Kunstgeschichte und in Personalunion Leiter der Neueren Abteilung des Martin-von-Wagner-Museums der Universität Würzburg. Am 1. April geht er in Ruhestand. Der Würzburger, Jahrgang 1947, studierte in seiner Heimatstadt Kunstgeschichte, klassische Archäologie, mittelalterliche Geschichte und Archäologie sowie Vor- und Frühgeschichte. Studienaufenthalte führten ihn nach Mailand. Beruflichen Stationen: Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Amt für Vor- und Frühgeschichte der Hansestadt Lübeck, Gebietsreferent für Bau- und Kunstdenkmalpflege am Landesdenkmalamt Baden-Württemberg in Tübingen, wissenschaftliche Assistenz  am kunsthistorischen Institut der Universität Tübingen und Professor an der Universität Freiburg. 1987 übernahm er den Lehrstuhl für mittlere und neuere Kunstgeschichte in Würzburg. Hier war er zeitweise Dekan der Philosophischen Fakultät II und Mitglied des Senats. Seit 1995 ist Kummer Mitglied des Bayerischen Landesdenkmalrates, seit 2006 Leiter des Instituts für Hochschulkunde.

Stehende Ovation für den Kunsthistoriker Professor Dr. Stefan Kummer nach seiner Abschiedsvorlesung in der Neubaukirche.

 

Foto: Michaela Schneider

Der Artikel ist unter anderem in Main-Echo erschienen.