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Im Kampf gegen den Müllberg

Hobbytüftler und Profihandwerker kümmern sich im Repair Café ehrenamtlich
um kaputte Staubsauger, demolierte Fahrräder oder auch mottenzerfressene Kleidungsstücke


Von Michaela Schneider
Ein Vierteljahrhundert leistet Bettina Kretschmers Nähmaschine gute Dienste. Vor einigen Tagen gibt plötzlich die Spule den Geist auf. An der Zeit also, um nach 25 Jahren ein neues Gerät zu kaufen? Bettine Kretschmer denkt nicht daran. Stattdessen findet sie sich mit dem treuen Stück an einem Samstagnachmittag in der Veitshöchheimer Grundschule ein. Heute bevölkern hier nicht Lehrer und Schüler die Klassenzimmer, sondern Elektriker, Hobbyhandwerker, eine Näherin. Der Grund: Jochen Spieß, Klimaschutzmanager der Gemeinde, sowie sein reparaturbegabter Bekannter Daniel Schiel laden zum inzwischen dritten Repair Café nach Veitshöchheim ein. Die Idee dahinter: Der Konsum- und Wegwerfgesellschaft soll Einhalt geboten werden.


„Es stört uns beide grundsätzlich und aus Gründen der Nachhaltigkeit, dass sofort alles im Abfall landet und der Müllberg immer weiter wächst“, sagt Jochen Spieß. Anlass genug, sich zusammenzutun und 2014 zum ersten Repair Café nach Veitshöchheim einzuladen. Inzwischen geht die Veranstaltung in die dritte Runde. Die Räume stellt seit Beginn die Gemeinde zur Verfügung, ein Team aus bis zu 15 ehrenamtlichen Helfern unterstützt. Das Werkzeug bringen die Hobby- und zum Teil auch Profihandwerker selbst mit, alle Arbeiten werden kostenlos erledigt. Wer will, kann spenden.


Für viele Reparaturen braucht es tatsächlich nur wenig Werkzeug und ein paar Handgriffe – zumindest wenn man weiß, wie`s geht. Und genau hier setzt der Gedanke der Reparatur-Initiativen an: Die Bevölkerung soll das Reparieren wieder lernen. Und so lehnt sich nicht entspannt zurück, wer mit einem kaputten Staubsauger, einem demolierten Fahrrad oder einem Pullover mit Mottenlöchern ins Repair Café kommt. Vielmehr schauen die Besucher den Profi- und Hobby-Handwerkern bei der Arbeit über die Schulter, fachsimpeln und legen, wenn möglich, selbst Hand an.  


Im Repair-Café in Veitshöchheim sind laut Spieß an einem Nachmittag zwischen 50 und 70 Reparaturen möglich. Maximales Zeitlimit pro Reparatur: 30 Minuten – schließlich geht`s nicht um eine Generalüberholung kaputter Gegenstände, sondern um jene kleinen Handgriffe, die der Hobbyhandwerker eigentlich selbst erledigen kann. Handys, Laptops und Staubsauger, Lampen, Toaster und Bohrmaschinen, aber auch schon Stühle, Jeans oder auch jede Menge Fahrräder wurden wieder funktionstauglich gemacht. Die Reparatur-Erfolgsquote schätzt Jochen Spieß auf 60 Prozent.


Ein Reparatur-Versuch lohnt daher allemal. „Kaputt ist meine Kaffeemaschine sowieso schon. Noch kaputter gehen, kann sie nicht“, bringt`s Repair-Café-Besucher Ralf Fernsemer auf den Punkt.  Er ist ein gutes Beispiel für einen leidenschaftlichen Tüftler. Den Computer, den Kinderrekorder und den Wäscherekorder habe er daheim wieder in Gang gebracht, erzählt seine Frau. Bei der Kaffeemaschine allerdings hofft er jetzt im Repair Café auf Expertentipps. Gleich zwei ehrenamtliche Helfer greifen ihm hier unter die Arme: Elektroinstallateur Stefan-Michael Kroll sowie der Informatiker Christoph Schmidl. Letzterer ist das erste Mal beim Repair Café als Helfer dabei – ganz einfach, weil`s eine gute Sache sei, nicht alles gleich wegzuschmeißen, sagt er. Seine Kritik: Viele Dinge seien heute bewusst mit Sollbruchstelle gebaut, um die Verbraucher zum ständigen Neukauf zu bewegen.


Andere Helfer treibt vor allem die Lust am Tüfteln an, zum Beispiel Robert Heiligenthal. „Ich schraube gern an Fahrrädern, ganz egal ob daheim oder andernorts. Wenn ich damit Leuten helfen kann, umso besser“, sagt der 48-Jährige. Für ihn der schönste Lohn: das Erfolgserlebnis, wenn ein Rad nach der Reparatur wieder funktioniert. Inzwischen trifft sich das Veitshöchheimer Repair-Café-Team übrigens auch zu regelmäßigen Helferstammtischen. „Wir basteln alle gern privat. Beim Stammtisch tauschen wir uns aus, geben uns gegenseitig Tipps, profitieren voneinander“, erzählt Spieß.


Ein Blick auf die Historie der Repair Cafés: Der Gedanke, Gegenstände zu reparieren statt wegzuwerfen, ist nicht neu. Zu einer Renaissance verhalf ihm aber die Journalistin und Bloggerin Martine Postma. Seit 2007 engagierte sich die Holländerin für Nachhaltigkeit auf lokaler Ebene, das erste Repair Café organisierte sie unter diesem Namen im Oktober 2009 in Amsterdam. Das war der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Medien berichteten,  zahlreiche freiwillige Helfer meldeten sich. 2010 gründete Martine Postma „Stickting Repair Café“ – eine Stiftung, die unter anderem vom niederländischen Umweltministerium gefördert wird. Sie unterstützt lokale Gruppen im In- und Ausland professionell, die ein eigenes Repair Café eröffnen wollen. Dabei handelt es sich um eine Art Franchise-System, die Repair-Café-Betreiber sind an den Markennamen und recht enge Vorgaben in Sachen Material und Organisation gebunden.  Neben den Niederlanden wird auch in Belgien, Frankreich, Kanada und den Vereinigten Staaten in Repair Cafés ehrenamtlich gewerkelt und repariert.


Ebenso wächst in Deutschland die Zahl der Reparatur-Initiativen.  Etliche arbeiten unter dem Markendach der Repair Cafés, andere indes unter anderen Namen. Die „Stiftungsgemeinschaft Anstiftung & Ertomis“ mit Hauptsitz in München hat es sich zum Ziel gesetzt, Reparatur-Projekte im Allgemeinen mit Geld und Beratung auszustatten – ganz egal, wie sie sich nennen. Wer auf der Suche nach einem Termin in der Region ist, ist daher gut beraten, zunächst einmal auf der Internetseite www.reparatur-initiativen.de zu suchen.  Im Herbst 2014 hatte die Stiftung zum ersten Netzwerktreffen eingeladen, mehr als 100 Repair-Café-Macher kamen ins Deutsche Museum nach München. Daniel Überall ist bei „Anstiftung“ für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, er schätzt die Zahl der Initiativen deutschlandweit auf 200 bis 250. In Franken wurde oder wird neben Veitshöchheim unter anderem in Nürnberg, Erlangen, Forchheim, Bamberg und Obernburg ehrenamtlich repariert.  

Und jede Menge neue Initiativen stecken bereits in den Kinderschuhen. Wichtig ist  laut Überall, dass sich Organisatoren vorab schlau machen in Sachen Versicherung, Haftung und rechtliche Grundlagen. Die Stiftung stellt deshalb eine entsprechende Vorlage für eine Haftungsausschlusserklärung zur Verfügung. In Veitshöchheim muss jeder Repair-Café-Besucher selbige unterschreiben, ehe sich die Hobby-Tüftler ans Werk machen. Neben dem Haftungsausschluss ist hierin auch klar gestellt, dass das Repair Café nicht gleich zu setzen ist mit einer Reparaturwerkstatt. Unter anderem heißt es hier: „Dennoch sind wir kein kostenloser Reparaturdienstleister, sondern es geht um die in Ihrem Interesse liegende Hilfe zur Selbsthilfe“. Eine Grauzone trotz Haftungsausschlusserklärung ist laut Überall der Bereich Elektrogeräte. Seine Empfehlung: Ein professioneller Elektriker sollte vor Ort sein, dann greift im Ernstfall dessen berufliche Haftpflichtversicherung.


Übers Rechtliche hinaus empfiehlt Überall: Der erste Schritt fällt oft am schwersten, wer eine Reparatur-Initiative starten will, sollte sich deshalb einfach trauen. „Die Leute wollen sich vorab zu 100 Prozent absichern – auch mit Blick auf möglichst viele Helfer, entsprechendes Marketing und eine perfekte Organisation. Unsere Erfahrung aber ist: Die Initiativen werden überrannt. Wichtig ist, dass das Team Spaß hat, das sollte bei ehrenamtlicher Arbeit immer im Zentrum stehen. Der Rest ergibt sich dann von selbst.“


Abschließend noch einmal zurück nach Veitshöchheim. Eine Helferin, die in der Tat jede Menge Spaß hat, ist Hobbynäherin Erika Weinhold-Duwe.  Im Vorfeld des dritten Repair Cafés lernte sie eigens, Mottenlöcher zu stopfen. Nun ist sie ganz begeistert, als eine Besucherin tatsächlich einen durchlöcherten Pullover vorlegt. Bei der ersten Veranstaltung indes seien vor allem Männer mit kaputten Jeans aufgetaucht. „Die Herren waren ganz scharf darauf zu lernen, wie man Jeans selbst zusammenflickt“, erzählt sie mit einem Schmunzeln.

Reparieren statt Wegwerfen lautet das Motto im Repair Café Veitshöchheim.


Alle Fotos: Michaela Schneider


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Der Artikel  ist unter anderem  in „Franken. Magazin für Land und Leute“ erschienen.