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Biomasse „aus der Steckdose“

von Michaela Schneider
Eine kleine Kommune im oberfränkischen Landkreis Hof macht den Großen vor, wie’s funktionieren könnte: Bis 2020 will die Bundesregierung 35 Prozent des Stroms mittels erneuerbarer Energien erzeugen – und tut sich dabei nicht leicht. Im knapp 10000 Einwohner starken Rehau indes sollen schon bis 2014 satte 40 Prozent des Energiebedarfs mittels regenerativer Quellen gedeckt werden. Und zwar zu mehr als drei Vierteln aus Biomasse – das macht Rehau zur Modellstadt. Treibende Kraft sind dabei vor allem ortsansässige Unternehmen, diese arbeiten eng zusammen mit Kommune und Landkreis. Nun könnte man meinen, eine 10000-Einwohner-Kommune lässt sich in Sachen Energiebedarf nicht vergleichen mit den Ballungszentren der Republik. Aber: Rehau gilt als eine der industriestärksten Gemeinden Bayerns, entsprechend hoch ist der Strom- und Wärmeverbrauch.

Was aber eigentlich ist Biomasse? Darunter versteht man die organische Substanz von Tieren, Pflanzen und Menschen – zum Beispiel fallen darunter Holzabfälle, Getreide, Stroh, Mais, Raps, Gülle und alle Produkte, die in der braunen Biotonne oder auf dem Kompost landen. In Biomasse ist Energie enthalten. Diese kann zur Energieerzeugung genutzt werden – für Strom und Wärme, aber zum Beispiel auch als Treibstoff.   

„Bioabfall ist ein Entwicklungsproblem. Wir werfen zu viele Lebensmittel weg, es geht uns zu gut“, sagt Eric Priller, Geschäftsführer der Energy Solutions GmbH. Auch wenn der Auslöser in Rehau letztlich ein anderer war: Die ortsansässige Gerberei Südleder produziert alljährlich nicht nur jede Menge Lederprodukte, sondern auch um die 70000 Tonnen organische Abfälle. Und so fiel im Jahr 2007 der Startschuss zum Bau eines Blockheizkraftwerks, in dem Tierfett als Ersatz für fossile Brennstoffe gewonnen wird. Im zweiten Schritt ließ man ein Leitungsnetz von der Prozesswasseraufbereitungsanlage zum Firmensitz legen. Im dritten Schritt beschloss Südleder den Bau einer Bioenergieanlage: Aus den Abfällen, die in der Prozesswasseraufbereitung anfallen, wird Energie zurückgewonnen. Inzwischen ist Südleder komplett energieautark – Produktionsnebenprodukte aus der Gerberei werden verwendet und in Strom und Wärme umgewandelt.

 „Die Initialzündung zur Modellstadt Rehau ging von Südleder aus – daraus entwickelten sich die nächsten Ideen“, sagt Eric Priller. Er ist Geschäftsführer der „REHAU Energy Solutions GmbH“ - einem Unternehmen, das der Polymerspezialist REHAU 2009 gründete mit dem Ziel, den Markt für Biogasanlagen für industrielle wie auch kommunale Kunden zu erschließen. Als eines der ersten Referenzobjekte baute das Unternehmen damals die Biogasanlage in Kühschwitz, einem Ortsteil von Rehau – diese versorgt heute rund 850 Haushalte mit Strom. Die Abwärme wird über ein Nahwärmenetz nach Neukühschwitz geleitet und von Privathaushalten wie auch Gewerbebetrieben genutzt. Schon damals kooperierte REHAU mit der OAG Objekt- und Anlageplanungsgesellschaft mbH in Plauen, diese zeichnete für Planung und Bauleitung der Biogasanlage verantwortlich. Anfang 2012  bündelten die beiden Unternehmen ihre Kompetenzen und gründeten eine gemeinsame Gesellschaft, die weiter unter dem Namen „REHAU Energy Solutions GmbH“ firmiert.

Ebenfalls in Rehau bereits verwirklicht ist ein Biomethan-Blockheizkraftwerk im Verwaltungsgebäude der Firma REHAU. Es stellt mehr als 100 Prozent des in der Verwaltung benötigten Stroms sowie mehr als die Hälfte des Wärmebedarfs bereit.

Bioenergieanlage, Biogasanlage und das Blockheizkraftwerk allerdings hätten noch lange nicht ausgereicht, um in Rehau 40 Prozent des Energiebedarfs mittels regenerativer Quellen zu decken. Den entscheidenden Schritt soll nun bis 2014 gegangen werden,  im Januar hat der Stadtrat grünes Licht für ein hochinnovatives Projekt gegeben: Die Energy Solutions GmbH plant eine große Bioabfallvergärungsanlage als Herzstück in der Modellstadt Rehau. Betrieben werden soll diese privatrechtlich, kooperieren werden dabei wohl verschiedene örtliche Unternehmen als Teilhaber unter einem neuen Firmendach, hier laufen derzeit noch die Verhandlungen. Voraussichtliche Kosten der neuen Anlage: satte 8,7 Millionen Euro. Fünf neue Arbeitsplätze werden wohl geschaffen. Entstehen soll die Vergärungsanlage direkt neben der Bio-Energie-Anlage der Firma Südleder. Bis zu 28000 Tonnen Bioabfall sollen dort in Zukunft vergoren werden. Die Rohstoff-Lieferanten: vor allem Kommunen und Landkreise aus der Umgebung, mit ihnen werden laut Priller langfristige Verträge abgeschlossen, so die Idee. Heißt: Was rund um Rehau künftig in der Biotonne landet, wird in Zukunft auf nahezu direktem Weg in Energie umgewandelt.

Bioenergieanlage, Biogasanlage, Bioabfallvergärung und Nahwärmenetz werden dann unter dem Titel „Bioenergiezentrum Hochfranken“ laufen. Nach dem Endausbau sollen hier pro Jahr 76000 Megawattstunden Strom und Wärme erzeugt werden. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei 1852 Kilowattstunden. Das heißt: Mit der in Rehau erzeugten regenerativen Energie könnten mehr als 40000 Privathaushalte versorgt werden – das entspricht in etwa der Einwohnerschaft Coburgs. Die Besonderheit in Rehau allerdings ist: Die Kommune ist – gemessen an der Einwohnerzahl von nicht einmal 10000 Bürgern - eine der industriestärksten Städte Bayerns. Allein die Rehau AG beschäftigt 2300 Mitarbeiter, weitere große Firmen wie Lamilux, Hersteller von Kunststoffen und Tageslichtelementen,  oder Südleder produzieren ebenfalls vor Ort. Deshalb wird hier um ein vielfaches mehr Strom benötigt im Vergleich zu anderen Städten dieser Größenordnung. Und so werden die 76000 Megawattstunden unterm Strich ausreichen, um 40 Prozent des örtlichen Bedarfs an Strom und Wärme in Privathaushalten und Industrie zu decken.

Eine Besonderheit in der Modellstadt Rehau ist dabei auch: 90 Prozent der Energie werden direkt in die örtlichen Netze eingespeist. Vorgelagerte Stromnetze werden durch das Bioenergiezentrum damit erst gar nicht belastet. Über das bereits vorhandene Mikrogasnetz soll dann ein noch zu planendes Nahwärmenetz gespeist werden. Der Aufbau des Nahwärmenetzes wird, so Prillers Schätzung, mit einer weiteren Million Euro zu Buche schlagen. Daran könnten in Zukunft kommunale Einrichtungen wie Schwimmbäder oder Schule aber auch Häuser der Wohnungsgenossenschaft angeschlossen sein.  Damit wird Rehau unabhängiger vom freien Energiemarkt und Änderungen durch den Gesetzgeber. Finanzieller Vorteil für die Bürger laut Geschäftsführer Priller: eine zukunftssichere Preisstabilität, da die Biomüll-Entsorgungskosten  langfristig abgesichert sind.

Mit dem „Bioenergiezentrum Hochfranken“ will Rehau übrigens noch lange keinen Schlusspunkt unter den Ausbau der Modellstadt setzen. Ende Januar wurde in der Kommune nun der Energienutzungsplan der Energie-Agentur Nordbayern für Rehau vorgestellt als ein weiterer Leitfaden für die Gestaltung der örtlichen Energiewende. Fazit: Wenn Rehau neben der Biomasse auch Fotovoltaik, Wind und Wasser konsequent für die Energieerzeugung nutzen wird, ließe sich der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch noch merklich. Parallel, so die weitere Zielvorgabe im Energienutzungsplan, sollte der Stromverbrauch bis dahin gegenüber 2010 um 10 Prozent und der Wärmeverbrauch um 15 Prozent gesenkt werden.

Ob dies nun gelingt oder nicht: Schon mit seiner innovativen Biomasse-Nutzung dürfte das Städtchen im Oberfränkischen in den kommenden Monaten bundesweit von sich reden machen.

Der Artikel ist erschienen in „Franken. Magazin für Land und Leute“