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Auf Spurensuche nach NS-Raubkunst
Museum im Kulturspeicher lässt seit einem Jahr den kritischen Teil seiner Bestände von einer
Provenienzforscherin unter die Lupe nehmen – Zentrum für Kulturgüterverluste fördert Projekt


Von Michaela Schneider
Würzburg  
Millionen Menschen verloren ihr gesamtes Hab und Gut unter dem Terror des Nationalsozialismus, inklusive Gemälden, Grafiken. Historiker gehen davon aus, dass zwischen 1933 und 1945 um die 600000 Kunstwerke in Europa gestohlen wurden. Viele der  Objekte wurden nie an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben, rund 10000 Werke werden heute noch in öffentlichen Sammlungen und Privatbesitz vermutet. Spätestens nach dem spektakulären Gurlitt-Skandal ist die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert, manches Museum durchforstet seine Bestände nach NS-Raubkunst. So auch seit einem guten Jahr das Museum im Kulturspeicher in Würzburg.


Bei der Bürgerwerkstatt „Dialog Würzburger Erinnerungskultur“, einer Veranstaltungsreihe die Einblicke in Forschungsthemen zur Stadtgeschichte gibt und die öffentliche Auseinandersetzung anstoßen soll, sprach nun Provenienzforscherin und Historikerin Beatrix Piezonka über ihre Arbeit im Kulturspeicher.  Finanziert wird das auf zwei Jahre angelegte Forschungsprojekt vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste. Piezonkas Aufgabe als Provenienzforscherin: eine möglichst lückenlose Rekonstruktion der Besitzer bedenklicher Kunstwerke, um NS-Raubkunst sowie Zwangsverkäufe aufzuspüren.  


Dass gerade das Museum im Kulturspeicher Wert auf eine historische Aufarbeitung legt, kommt nicht von ungefähr, denn hervor ging das Museum aus der Städtischen Galerie – und die wurde im Jahr 1941 gegründet. „Das Jahr allein ist Anlass genug, die Bestände auf Raubkunst hin zu untersuchen“, sagt Piezonka. Zwischen 1941 und 1945 erwarb Gründungsdirektor Heiner Dikreiter seinerzeit nicht weniger als 5178 Werke. Jedes Werk, dessen Herkunft ungeklärt ist, gilt dabei als bedenklich. Gut 3000 können als unbedenklich eingestuft werden. 1633 Gemälde und Arbeiten auf Papier indes nicht und werden nun auf ihre Herkunft hin untersucht. Das Augenmerk der Recherchen liegt dabei laut der Historikerin zunächst auf den 227 zu recherchierenden Gemälden von 87 Künstlern.


Involviert in die Käufe waren, wie man inzwischen weiß, 29 Kunsthändler und 31 Privatpersonen. Dabei blickt Piezonka vor allem auch auf den Kunsthandel. „Dieser hat in der NS-Zeit profitiert, teilweise haben Kunsthändler direkt mit den Nationalsozialisten gehandelt“, sagt die Historikerin. Bei ihrer Arbeit im Kulturspeicher taucht dabei mancher nicht unbekannte Name auch. Zum Beispiel die Galerie von Wolfgang Gurlitt aus Berlin,  der ein Verwandter des schlagzeilenträchtigen Cornelius Gurlitt war. Um die 80 Werke erwarb die Städtische Galerie seinerzeit von Wolfgang Gurlitt – darunter am 4. Juli 1942 auch eines der beliebtesten Gemälde im Kulturspeicher: die „Dame vor dem Spiegel“ von Ferdinand Freiherr von Lütgendorff-Leinburg.


Welchen genauen Weg das Ölgemälde bis in Wolfgang Gurlitts Besitz zurücklegte, weiß man bis dato nicht, hier beginnt die Arbeit von Provenienzforscherin Piezonka. Sie spricht bei jedem einzelnen Werk von verschiedenen Spuren und vielen kleinen Puzzleteile.  Den ersten Ausgangspunkt bildet in der Regel das Inventarbuch des Museums, allerdings wurde dieses erst in der Nachkriegszeit, wohl im Jahr 1950, von Dikreiters Mitarbeiterin Annemarie Pabst erstellt. Woher sie die Informationen nahm, weiß man heute nicht mehr. Einen nächsten Blick wirft Historikerin Piezonka dann in die Lost-Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. Eine Schrecksekunde habe sie durchlebt, als sie sich mit Max Slevogts Pfälzer Landschaft von 1923 auseinandersetzte, denn tatsächlich tauchte unter den entsprechenden Schlagworten ein Werk des Künstlers auf. Ein wenig aufatmen konnte sie, als sich herausstellte, dass eine Frühlingslandschaft vermisst werde – im Besitz des Museums im Kulturspeicher befindet sich aber eine Pfälzer Herbstlandschaft.


Beim weiteren Versuch, die lückenlose Herkunft der Kunstwerke zu rekonstruieren, recherchiert die Historikerin dann Werk für Werk zum Künstler und Kunsthändler, sie durchforstet Kataloge und Datenbanken, korrespondiert mit Archiven, Kollegen und Kunstexperten. Auch nimmt sie eine Objektautopsie vor, das heißt, eine Analyse der Rückansicht des Gemäldes, denn Aufkleber, Etiketten, Aufdrucke oder handschriftliche Anmerkungen können wichtige Hinweise auf Auktionen, Verkäufe und Besitzer liefern.  Bei der „Dame vor dem Spiegel“ etwa eröffnete sich bei der Objektautopsie eine Spur nach Wien und zur Versteigerungs-Anstalt Dorotheum. Und die war, wie man inzwischen weiß, tatsächlich am Kulturgüterraub in Österreich beteiligt. Wie jedoch die „Dame vor dem Spiegel“ in ihren Besitz gelangt war, konnte Beatrix Piezonka bis dato noch nicht herausfinden, das Gemälde sei noch nicht ausgeforscht, sagt sie. Sie will nun versuchen, über Familienforschung zum Künstler zu recherchieren, wann und wohin seine Familie das Werk veräußerte.


Bei einigen Werken im Kulturspeicher konnte Piezonka inzwischen Entwarnung geben, so etwa bei Grafiken von Emy Roeder, hier fand die Historikerin im hauseigenen Nachlass der Künstlerin Briefverkehr, der eine Rekonstruktion ermöglichte. Nicht selten passiert es jedoch, dass die Herkunft eines Gemäldes nicht lückenlos geklärt werden kann. Dann werden Werke laut der Provenienzforscherin mit der Anmerkung versehen „ein NS-verfolgungsbedingter Entzug kann nicht ausgeschlossen werden“.  Das Museum muss in solchen Fällen selbst entscheiden, ob das Werk in die Lost-Art-Datenbank eingetragen wird oder nicht. Sollte ein Objekt im Museum im Kulturspeicher tatsächlich unter NS-Raubkunst fallen, muss eine Einstellung erfolgen. Zudem wäre das Museum angehalten, nach Erben zu forschen und gegebenenfalls Kontakt aufzunehmen.

Der Artikel  ist unter anderem  in den Nürnberger Nachrichten erschienen.

Häufig liefert die Rückansicht eines Gemäldes Provenienzforscherin Beatrix Piezonka wichtige Hinweise.

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Fotos: Michaela Schneider


Infokasten: Washingtoner Erklärung und Deutsches Zentrum Kulturgutverluste


Der Bund, alle Länder und die drei kommunalen Spitzenverbände gründeten das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste zum 1. Januar 2015 als Stiftung mit Sitz in Magdeburg. Es ist nationaler und internationaler Ansprechpartner zu Fragen unrechtmäßiger Entziehungen von Kulturgut in Deutschland im 20. Jahrhundert. Das Hauptaugenmerk liegt dabei aktuell auf der so genannten NS-Raubkunst, das heißt, jenen Kulturgütern, die im Nationalsozialismus verfolgungsbedingt entzogenen wurden, vor allem aus jüdischem Besitz. Grundlage der Stiftungsarbeit sind die 1998 verabschiedeten Washingtoner Prinzipien. Unterzeichnende verpflichten sich, Kunstwerke, die im Nationalsozialismus beschlagnahmt wurden, ausfindig zu machen, die rechtmäßigen Eigentümer oder Erben und faire und gerechte Lösungen zu finden. Deutschland verabschiedete eine gemeinsame Erklärung zur Selbstverpflichtung im Jahr 1999. Das Zentrum unterstützt Projekte der Provenienzforschung finanziell, zentrales Arbeitsmittel ist zudem die weltweit frei zugängliche Lost-Art-Datenbank für Such- und Fundmeldungen.