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Eine Welt – morsch und kurz vor dem Zusammenbruch
Mainfranken Theater zeigt Gerhart Hauptmanns spätnaturalistische Tragikomödie „Die Ratten“


Von Michaela Schneider

Würzburg Ja, es ist eine Welt, mit der man selbst nichts zu tun haben will. Da tummeln sich Gauner, Prostituierte, verarmte Bürger und verkrachte Existenzen. Eine Welt, die sinnbildlich von Ratten und Mäusen zerfressen ist - morsch und kurz vor dem Zusammenbruch. Und gerade deshalb ist`s eine Welt, die auf abstoßende Art fasziniert. In seiner Tragikomödie „Die Ratten“ zeichnet Gerhart Hauptmann ein Gesellschaftspanorama des Gründerzeit-Berlins in den 1880er Jahren. Schauplatz: eine ehemalige Kaserne, die seinerzeit von rund 60 Familien bewohnt und im Volksmund „Wanzenburg“ genannt wurde. Zu sehen ist der Fünfakter aus der Epoche des Naturalismus jetzt im Mainfranken Theater in Würzburg. Regisseur Sascha Bunge stellt dabei die ungebrochene Aktualität des Hauptmann-Werks in den Vordergrund.


Dass die Ratten an Modernität in 100 Jahren nichts eingebüßt haben, vermitteln Bühnenbild und Kostüme von der Berlinerin Constanze Fischbeck. Das Theaterpublikum erlebt Schauspieler in 50er-Jahre-Kleid, 70er-Jahre-Anzug, billigem 80er-Jahre Glitzer-Leder-Look, Hawaiihemd, weißem Rippshirt oder auch Kniestrümpfen in Highheels. Völlig zeitungebunden bewegen sich die Akteure. Das Bühnenbild hält Fischbeck sehr flexibel, nutzt die natürliche Theaterbühnenoptik als Rahmen. Die Wohnung der Frau John mit 60er-Jahre Tapete, Blümchenvorhang, Bierkasten und Gurkenglas könnte sich so oder ähnlich in jedem deutschen Problemviertel finden.


Regisseur Bunge reichert das Hauptmann-Werk um ein paar zeitgemäße Ergänzungen an – etwa, wenn`s um Bierpfand geht oder Frau John ins Telefon schreit, sie sei kein Mörder. Warum sie sich danach ganze Eier in den Mund steckt und sie dann wieder ausspuckt, bleibt wohl für manchen Theaterbesucher unbeantwortet. Lichteffekte und Musikeinspielungen setzt Bunge angenehm rar ein, legt den klaren Fokus auf die starken Charaktere aus Proletariat sowie zerbröckelndem Bürgertum  und erschafft gerade dadurch ein beklemmendes, dichtes Stimmungsgeflecht.  


Die Anregung zu dem Stück fand Hauptmann seinerzeit im Berliner Lokalanzeiger von 1907 zum Thema Kindesraub in Berlin-Rummelsburg. Zudem fließen Hauptmanns persönliche Erfahrung in das Stück ein: Als sein Sohn stirbt, hält er die Klagen der Mutter im Tagebuch fest – und übernimmt diese teils wörtlich in das Bühnenwerk. Zum Inhalt: Henriette John (Petra Hartung) überredet die hochschwangere polnische Arbeitsmigrantin Pauline (Marianne Kittel), ihr das Baby  nach der Geburt zu überlassen. Frau Johns Söhnchen Albert ist gestorben, sie gibt den Säugling nun als ihren eigenen aus. Dann aber erwachen in Pauline Muttergefühle. Frau Johns Bruder (Uwe Fischer) soll  Pauline einschüchtern, doch die Situation eskaliert, Bruno tötet die Frau – und auch Henriette John steuert direkt ihrem Untergang entgegen.


Petra Hartung glänzt dabei in ihrer Rolle als Frau John – sie taktiert und kämpft, schmeichelt, flucht und schreit im tiefsten Berliner Dialekt. Sie wirkt zerbrechlich, gleich darauf wieder unheimlich, den Wahnsinn im Blick. Tatsächlich sind`s neben Petra Hartung an diesem Abend vor allem die Frauen, die sich hervorspielen – Marianne Kittel als die innerlich längst zerbrochene Pauline, Claudia Kraus in der Rolle der kindlichen, aber vom Leben gezeichneten Selma, Maria Brendel als völlig kaputte Prostituierte. In weiteren Rollen: Christina Theresa Motsch, Theresa Palfi, Stefan Faupel, Alexander Hetterle und Uwe Fischer.


Ungewöhnlich an „Die Ratten“ ist, dass Hauptmann der Tragödie einen grotesken, komödienhaften Handlungsstrang hinzufügt: Auf dem Dachboden des Mietshauses hält sich der ehemalige Theaterdirektor Harro Hassenreuther (Georg Zeies) mit Schauspielunterricht über Wasser. Zwischen ihm und dem einstigen Theologiestudent Erich Spitta (Timo Ben Schöfer) entbrennt ein Streitgespräch: Hassenreuter hält an der herkömmlichen klassizistischen Vorstellung vom Theater fest, während Spitta für den Realismus des neuen naturalistischen Dramas plädiert. Herrlich überzogen in der Würzburger Inszenierung: Die überdrehten Proben zu Schillers „Braut von Messina“ mit Georg Zeies als herrlich gestelztem, exzentrischem Theaterdirektor.  Auch sehr witzig: Das Sprechtraining mit dem Publikum – erst mit dem ganzen Saal, dann mit Einzelpersonen.


Trotzdem rückt der groteske Anteil der Tragikomödie bald in den Hintergrund.  „Die Ratten“ sind alles andere  als leichte Kost – auch, weil Regisseur Bunge  am recht eigentümlichen Berlinerisch festhält, das Gerhart Hauptmann die Akteure seinerzeit sprechen ließ.  Bei der Premiere gibt`s dennoch viel Applaus, allerdings bleiben an dem Abend zahlreiche Sitzplätze im Großen Haus leer.


Dauer: 180 Minuten (mit Pause); nächste Vorstellungen: 23.10./ 30.10./ 12.11./ 15.11./ 19.11./ 22.11./ 05.12./ 10.12./ 14.12./ 27.12./ 11.01./ 17.01./ 23.01.


Der Artikel  ist unter anderem  im Main-Echo erschienen.

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