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Rokoko-Schlachtfeld der Liebe
Mit dem Zwei-Personenstück „Quartett“ erlebt das Publikum am Mainfranken Theater in

Würzburg ein sprachfulminantes Gemälde aus Erotik, Obszönität, Galgenhumor und morbider Endzeitstimmung


Von Michaela Schneider
Würzburg
Macht und Unterwerfung, Jäger und Beute, Eroberung und schüchternes sich Zieren: Das Spiel zwischen Mann und Frau, Frau und Mann ist so alt wie die Menschheit selbst. In seinem sprachfulminanten Zwei-Personenstück „Quartett“ situierte Autor Heiner Müller den Geschlechterkampf in die Zeit des Rokoko, zog als Vorlage den Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Lacos von 1782 heran. Er stellte dem Werk jedoch die Anweisung voraus: „Zeitraum: Salon vor der Französischen Revolution/Bunker nach dem dritten Weltkrieg“. Jetzt holt Regisseur und Schauspieldirektor Stephan Suschke das Stück auch ans Mainfranken Theater nach Würzburg. Das Publikum erlebt ein sprachfulminantes Gemälde aus Erotik, Obszönität, Galgenhumor, Groteske und morbider Endzeitstimmung.  Die beiden Schauspieler Maria Brendel und Uwe Fischer  meistern bei der Premiere das anspruchsvolle Wortduell hervorragend.


Regisseur Stephan Suschke platziert den geschliffenen, intelligenten „Diry Talk“ nicht auf die Bühne, sondern ins Atrium des Theatergebäudes. Das Publikum blickt durch eine – ziemlich schmutzige – Scheibe in den halb überdachten Garten des Foyers. Die Schauspieler spielen auf einem schmalen Steg, direkt am Glas. Dadurch gewinnt das Schauspiel voyeuristischen Charakter – auch wenn es dabei weniger um körperliche Intimitäten als um die Intimität zwischenmenschlicher Beziehungen an sich geht. Erneut arbeitet Suschke mit dem Berliner Bühnenbildner Momme Röhrbein zusammen. Dieser lässt zunächst einmal den Garten selbst wirken. Kalt-dunkles Licht versetzt die an sich natürliche Szenerie in unnatürliches Leuchten, macht die nackte Gefühlskälte der Protagonisten sichtbar: „Gefühle sind nicht zu erwarten. (…) Reiben wir unsere Felle aneinander“, fordert die Marquise de Merteuil den Vicomte de Valmont auf.


Das natürliche Szenario auf der einen Seite, die erotischen Liebesrollenspiele auf der anderen. Und so platziert Bühnenbildner Röhrbein linker Hand im Atrium ein Gemälde mit schwerem, rotem Bühnenvorhang. Was echt und was Schein ist, vermischt sich, kehrt sich immer wieder um. Auch innerhalb der Handlung – und hier liegt der vielleicht größte Reiz fürs Publikum. „Quartett“ verwirrt, überrascht und unterhält hervorragend. Anders als in der Briefromanvorlage des 18. Jahrhunderts reduziert Heiner Müller sein Schauspiel mit Valmont und der Marquise auf nur zwei Personen und lässt sie in erotischen Eroberungszügen in verschiedene Rollen schlüpfen. Da wird Maria Brendel selbst zu Valmont  und zur Klosterschülerin die Volanges. Valmont indes  spielt die zu erobernde, brave Gattin Madame de Tourvel, dann verwandelt er  sich wieder  in den Jäger, um die jungfräuliche Volanges zu verführen und zu vernichten.


Alles ist nur ein großes Spiel – darauf laufen auch die Kostüme von Angelika Rieck hinaus. Maria Brendel zeigt sich mit hoch aufgetürmter Frisur und im langen, grünen Abendkleid, ist maskenhaft geschminkt. Uwe Fischer kleiden ein schwarzer Gehrock aus Samt und das lange, strähnige Haar eines alternden Lebemanns. Kombiniert mit bewusst gekünstelten Gesten lehnt sich das Bühnenspiel im Atrium an die Commedia dell`arte an, denn auch ohne sichtbare Maske wird auf dem Schlachtfeld der Eroberung und Verführung nur selten das wahre Gesicht gezeigt.


Maria Brendel und Uwe Fischer bewegen sich unglaublich sicher durch das anspruchsvolle Sprachlabyrinth des Quartetts und spielen gut akzentuiert. Brendel glänzt vor allem mit der bissigen Boshaftigkeit und reifen Erotik der alternden Marquise. Trotzdem glaubt man ihr – den Mund und die Augen weit aufgerissen – ebenso die kichernde, erregte Volanges  wie auch den verführenden Valmont. Die männliche, coole Körperhaltung und das schillernde Abendkleid  verkehren das Bühnenspiel in eine skurrile Groteske – erst recht, weil Uwe Fischer als Madame de Tourvel das Spiel der Körpersprache par excellence beherrscht. Das Knie leicht angewinkelt, den Körper weggedreht, die Arme schützend über die Brust verschränkt gibt er die keusche Gattin. Dann wieder streicht er sich verführerisch übers Haar, schwingt mädchenhaft die Hüften, kennt – als Mann - jene kleinen Gesten sehr genau, die Männer  schwach werden lassen.


Zwar bleibt die Zuschauerzahl bei der Premiere übersichtlich, doch das anwesende Publikum applaudiert lang, ihm gefällt Stephan Suschkes Rokoko-Schlachtfeld der Liebe. Ein Besuch des Zwei-Personenstücks „Quartett“ am Mainfranken Theater lohnt, so man überraschende Wendungen, gutes Schauspiel und Sprachraffinesse liebt, selbst oder gerade wenn sie auch einmal unter die Gürtellinie geht.


Dauer: 65 Minuten; nächste Vorstellungen 20Uhr:  18.10./ 26.10./ 02.11./ 15.11./ 22.11.; 21.00 Uhr:  28.09./ 04.10.


Der Artikel  ist unter anderem  im Main-Echo erschienen.