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Vom Schicksal des ptolemäischen Weltbilds

Forschung Fast elf Millionen Euro fließen in ein auf 25 Jahre angelegtes Projekt, das sich um die arabischen und lateinischen Übersetzungen der Hauptwerke des griechischen Astronomen dreht

 

Von Michaela Schneider

 

Würzburg Fast 1500 Jahre lang gingen die Menschen in der westlichen und arabischen Welt davon aus: Die Erde befindet sich fest im Mittelpunkt des Weltalls. Grundlage dieser Vorstellung waren die astronomischen und astrologischen Werke des griechischen Gelehrten Claudius Ptolemäus (2. Jh. n.Chr.). Und dann scheint sich dieses Weltbild mit einem Astronom namens Nikolaus Kopernikus Anfang des 16. Jahrhunderts plötzlich zu ändern, die Neuzeit ist eingeläutet. Kopernikus nämlich beschrieb nun das so genannte heliozentrische Weltbild, nach dem sich die Erde – wie die übrigen Planeten auch – um die Sonne bewegt.  Doch so plötzlich, wie’s in mancher Astronomiegeschichte scheinen mag, vollzog sich dieser Weltbild-Wandel nicht. „Ptolemäus stand am Anfang und Kopernikus an Ende einer langen Kette von Reformversuchen. Das Mittelalter war nicht so unmodern, wie manch einer meint, sondern intellektuell sehr beweglich“, sagt Dr. Dag Nikolaus Hasse, Professor für Geschichte der Philosophie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

 

Doch ist dies nur ein Aspekt, den er mit dem so genannten Ptolemäus-Projekt untermauern möchte. In den nächsten 25 Jahren wird sich der 43-Jährige mit einem Team aus insgesamt sechs Wissenschaftlern mit der Edition der arabischen und lateinischen Übersetzungen der ptolemäischen Hauptwerke „Almagest“ und „Tetrabiblos“ wie auch den zugehörigen Kommentaren und Randanmerkungen mittelalterlicher Wissenschaftler beschäftigen. Angesiedelt ist das Projekt bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, über die gesamte Laufzeit werden sage und schreibe 10,8 Millionen Euro in die Erforschung der rund 100 Texte fließen.

 

Dabei weichen laut Hasse einzelne Übersetzungen ein und desselben Traktats durchaus voneinander ab, denn in verschiedenen Epochen waren unterschiedliche Wissenschaftssprachen en vogue, Übersetzungen wurden an neue kulturelle Kontexte angepasst. Zudem werden für die Forscher gerade auch die Kommentare und Anmerkungen spannend sein. „Es gibt eine ganze Textgattung, die sich mit Zweifeln am ptolemäischen Weltbild und kritischen  Betrachtungen beschäftigt“, sagt Hasse.

 

Und so handelt es sich beim Ptolemäusprojekt um echte Grundlagenforschung – es geht um nichts Geringeres, als einen entscheidenden Teil des eigenen kulturellen Erbes besser zu erschließen. Über 1500 Jahre war das ptolemäische Weltbild Unterrichtsstoff und prägte das Denken im lateinisch-christlichen, jüdischen, byzantinischen und arabischen Kulturraum. Und während die griechischen Originale gut erforscht sind, sind die lateinischen und arabischen Übersetzungen der ptolemäischen Hauptwerke kaum erschlossen. Verteilt liegen sie über viele verschiedene Bibliotheken Europas und des Orient. „Viele Texte kennt kein Mensch“, freut sich Hasse auf die Herausforderung – auch wenn dem 43-Jährigen ein bisschen mulmig ist beim Gedanken daran, dass er sich nun sein Arbeitsleben lang mit Ptolemäus beschäftigen wird. Doch betont der Professor auch: Er habe gerade jene Wissenschaftler des 19. Jahrhundert wie den Historiker Theodor Mommsen immer bewundert, die ihr Leben der Erschließung von Quellen und echter Kärrnerarbeit widmeten und damit erst die Grundlage für weitere wissenschaftliche Arbeit legten.

 

Hasses erstes Projektziel ist es deshalb auch, möglichst viele Handschriften der Forschergemeinde so schnell wie möglich übers Internet zugänglich zu machen, denn diese arbeitet verteilt in aller Welt von England und Frankreich bis nach Amerika und den nahen Osten. Heißt in der Praxis: Das Forscherteam um Hasse wird im ersten Schritt Manuskripte bestellen, sichten und entziffern. Im Internet sollen dann Originalhandschriften und Transkriptionen direkt vergleichbar sein. Im nächsten Schritt wird es an die Feinarbeit gehen, denn von einzelnen Übersetzungen und Texten gibt es häufig mehrere Abschriften – diese sind dann zu vergleichen, um Fehler und Abweichungen zu entdecken. Die kritischen Editionen oder „sauberen Texte“, wie sie Hasse nennt, sollen dann später als Druckausgabe erscheinen. Auch denkt der Professor an ein Lexikon mit Fachausdrücken aus der ptolemäischen Sprachwelt als Hilfsmittel für weitere Forschung.

 

Welche neuen Erkenntnisse aber erhofft sich der Philosophiehistoriker nun von dem groß angelegten Forschungsprojekt? „Es geht darum, dass wir ein besseres Verständnis dafür gewinnen, was mit dem Ptolemäischen Weltbild im Mittelalter, in Orient und Okzident, passiert ist“, sagt Hasse. Dass es in den 1500 Jahren bis Kopernikus Reformanstrengungen gab, weiß man, dies hofft der 43-Jährige in Zukunft mit konkreten Quellen belegen zu können. Indem Hasse sowohl lateinische als auch arabische Handschriften heranzieht, will er zudem untermauern, wie nah sich die Kulturen in ihrem Weltverständnis eigentlich standen. „Wissenschaftler kannten trotz der Kreuzzüge keinerlei Berührungsängste. Man schätzte sich und stand im regen Wissensaustausch“, beschreibt der Professor die Forscherwelt des Hochmittelalters, fügt an: „Der große Mittelmeerraum war von einem Weltbild getragen. Das heißt nicht, dass es Differenzen gab.“ Und so könnte das Ptolemäusprojekt auch dazu beitragen, die Spezifika der arabischen und europäischen Astronomiegeschichte herauszuarbeiten.  

 

Nicht so bekannt wie sein astronomisches Weltbild ist, dass Ptolemäus zudem eine große Autorität der Astrologie war – eine Wissenschaft, die immer schon als umstritten galt und heute als Parawissenschaft eingestuft wird. Hasse erhofft sich, dass seine Grundlagenforschung auch dazu beitragen kann, die Rationalität hinter der historischen Astrologie besser zu begreifen.

Der Artikel ist unter anderem im Main-Echo erschienen.

Wie nah sich das arabische und christlich-lateinische Weltverständnis standen, zeigt ein Blick auf den Sternenglobus: Viele Sternbilder tragen arabische Namen.   

Foto: Michaela Schneider