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Wenn der Nachwuchs in Mamas Rolle schlüpft
Kinder mit psychisch erkrankten Eltern übernehmen häufig die Aufgaben von Erwachsenen und
leiden still mit - Das Projekt „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“ hilft ihnen aus der Sprachlosigkeit heraus


Von Michaela Schneider
Würzburg
Auf dem Körper eines Erwachsenen thront ein ernst blickender Kinderkopf. Im Arm hält die Gestalt einen Babykörper mit dem Gesicht einer erwachsenen Frau. „Der Geist der Geometrie“ hat der Maler René Magritte sein befremdlich wirkendes Gemälde von 1936/37 betitelt. Und treffender lässt sich kaum darstellen, wie es Kindern mit psychisch erkrankten Eltern ergeht. Kleine Buben und Mädchen versuchen, die Aufgabe der Mutter zu übernehmen oder in die Rolle des Vaters zu schlüpfen. Ihre eigene Kindheit kommt dabei oft zu kurz.


Der Diplom-Psychologe Andreas Schrappe ist Leiter des Evangelischen Beratungszentrums der Diakonie in Würzburg. Hier arbeiten er und sein Team im Rahmen des Fachberatungsangebots „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“ in Therapiegruppen aber auch individuellen Gesprächen mit Kindern, deren Eltern psychisch belastet sind. Schrappe betrachtet Psychologen dabei vor allem auch als Übersetzer. „Wir sprechen die richtige Sprache, um Krankheitsbilder so zu vermitteln, dass Eltern und Kinder verstehen, was gerade mit ihnen passiert“, sagt er. Kinder könnten das Verhalten der kranken Eltern noch nicht einordnen und nähmen die Welt völlig anders wahr.


Ein Beispiel: Der Vater eines kleinen Mädchens leidet an einer schizophrenen Störung, das heißt an einer paranoid-halluzinatorischen Psychose mit Wahngedanken und Sinnestäuschungen. Eine Diagnose, die das Kind so nicht begreift. Vielmehr leidet es unter den Verhaltensweisen des Vaters. Es erlebt eine ständige Atmosphäre von Angst, Sorge und Lebensbedrohung, weil der Vater beängstigende Zusammenhänge konstruiert. „Wie soll ein Vater, der selbst Angst hat, seinem Kind Signale der Sicherheit aussenden?“, fragt Schrappe. Dabei wäre es eigentlich Aufgabe der Eltern, dem Kind Ängste zu nehmen - ihm zum Beispiel vor dem Schlafen gehen zu erklären, dass es keine Gespenster gibt und unterm Bett weder Krokodile noch Monster wohnen. „Kleine Menschen müssen erst lernen, was Sinnestäuschungen sind. Wie soll das funktionieren, wenn die Mutter auf Stimmen antwortet, die das Kind nicht hört?“, nennt der Psychologe noch ein Beispiel.


Als wesentliche Aufgabe betrachtet er es deshalb, die unzähligen Fragen der Kinder zu beantworten. „Kinder wissen etwa sehr genau, dass bestimmte Dinge vererbt werden und haben Angst, dass sie eines Tages ebenfalls krank werden“, so Schrappes Erfahrung. Die Medizin geht davon aus, dass bei allen psychischen Krankheiten genetisch-körperliche und psychosoziale Faktoren zusammenspielen. Wie aber dies kindgerecht erklären? Der Psychologe greift gerne zu einem Vergleich: Es gebe Kinder mit blonden, roten und schwarzen Haaren. Gehen Rothaarige in die pralle Sonne, bekommen sie einen Sonnenbrand.  Die Schwarzhaarigen bekommen dagegen einen bronzenen Farbton. So reagiere auch die psychische Haut der Menschen unterschiedlich. „Ich sage den Kindern: Die einen sind mehr, die anderen weniger dünnhäutig. Eine  Krankheit wird nicht komplett vererbt, eventuell aber die Dünnhäutigkeit. Also macht Euch stark für den Fall, dass es so ist“, so Schrappe.


Das Risiko der Vererbung besteht, wie Statistiken zeigen: Im Vergleich zu Kindern, die mit psychisch stabilen Eltern aufwachsen, ist bei Kindern mit einem psychisch erkrankten Elternteil die Wahrscheinlichkeit, später im Leben selbst einmal zu erkranken, um das 3-5-fache oder noch mehr erhöht. Es hängt davon ab, welche Erkrankung Vater oder Mutter haben oder ob sogar beide psychisch belastet sind. Die Rede hier ist von Depression und bipolarer Störung, kognitiven Störungen, starken Ängsten und Zwängen, Persönlichkeitsstörungen etwa vom Typ Borderline, aber auch Suchterkrankungen. Die gute Nachricht verrät Schrappe den Kindern natürlich auch: Bei den Meisten von ihnen wird die gleiche Krankheit nicht auftreten. Sein Eindruck: „Manche Kinder scheinen richtig gestärkt aus der ganzen Geschichte herauszukommen.“


Tatsächlich kennen die Kinder Frühwarnsymptome der Krankheiten genau – zum Beispiel Lärmempfindlichkeit und innere Unruhe, Schlaflosigkeit und Interessensverlust, Gereiztheit oder Angst. „Sie beobachten die eigenen Eltern ständig“, sagt Schrappe, spricht von einem regelrechten Monitoring, „um im Notfall die Oma sofort anzurufen“. Geht es ums Thema Vererbung will er deshalb auch deutlich machen, dass es ganz normal ist, wenn es einmal bei ihnen mit dem Einschlafen nicht so gut klappt wie sonst, und kein Hinweis auf eine beginnende Erkrankung.


Zudem ein Blick aufs Thema Depression. Für die Krankheit typisch: Der Betroffene verliert das Interesse und die Freude an fast allen Aktivitäten. Das Kind indes erlebt: Papa lacht nicht mehr und interessiert sich nicht für mich. Ein Thema ist in dem Zusammenhang auch die postpartale Depression, die nach der Entbindung bei Müttern auftreten kann. Die Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder können drastisch sein, denn eigentlich beantworten psychisch stabile Eltern die Gefühle des Kindes. Das heißt in der Praxis: Strahlt ein Baby sie an, strahlen die Eltern noch mehr zurück. Dadurch lernt der Nachwuchs die eigenen Gefühle kennen und es entwickelt sich eine tiefe Bindung zwischen Eltern und Baby. Mütter mit Depressionen versorgen die Kinder laut Schrappe auf den ersten Blick ebenfalls gut. Auf der Strecke bleibt jedoch oft die Interaktion, die Babys blicken in ein bewegungsloses Gesicht, egal ob sie lachen oder weinen. Und selbst, wenn die Mutter therapiert ist und die Depression überwunden hat, dauert es, bis ein Zwiespiel mit dem Baby zustande kommt. Häufig ist eine therapeutische Begleitung nötig, so die Erfahrung des Psychologen.


Manische Episoden belasten gerade auch ältere Kinder und Jugendliche. „Anfangs mag das ganz lustig erscheinen. Aber nur, bis die Kinder merken, dass Mama oder Papa von dem ‚Trip‘ nicht mehr runterkommt“, sagt Schrappe. Ganz zu schweigen von den peinlichen Momenten, wenn der betroffene Elternteil sich zum Beispiel sexuell aufdringlich gegenüber dem Nachbarn verhalten hat. Schrappe kennt Fälle, bei denen Kinder versuchten, eine gesetzliche Betreuung der Eltern zu erwirken, um die Familie vor dem finanziellen Ruin zu schützen.


Vielleicht am nachhaltigsten kann die Borderline-Persönlichkeitsstörung die Eltern-Kind-Beziehung beeinflussen. Denn während die Tochter im einen Moment noch das Prinzesschen ist, wird sie im nächsten Augenblick angeschrien, verbal schlecht gemacht, weggeschubst. „Die Kinder erfahren wenig Verlässlichkeit. Sie wissen oft nicht, woran sie gerade sind“, sagt der Würzburger Psychologe. Hinzu kommt: Der für Borderline typische Mangel an Impulskontrolle gefährdet die Kinder zudem mit Blick auf Misshandlung – psychisch wie körperlich.  


Therapieangebote für betroffene Eltern, aber auch für ihre Kinder gibt es reichlich. Die Schwierigkeit ist jedoch, die Familien zu erreichen. „Psychische Krankheiten sind immer noch ein Tabuthema“, so die Erfahrung des Psychologen. Die Betroffenen schweigen, lassen Hilfsangebote ungenutzt – und sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf die Nöte der Kinder einzugehen. Die Erkrankung lässt dies nicht zu, obwohl die Eltern in aller Regel des Beste für ihre Kinder wollen.

Doch selbst wenn Eltern nicht mitspielen, kann sich der Nachwuchs helfen lassen. Rechtlicher Hintergrund: das Bundeskinderschutzgesetz. Seit der jüngsten Reform im Jahr 2012 haben Kinder und Jugendliche demnach einen eigenen Rechtsanspruch auf Beratung – bei Bedarf auch ohne Kenntnis der Erziehungsberechtigten. Beratung bedeutet für Schrappe zunächst, die vielen unbeantworteten Frage der Kinder zu beantworten – zum Beispiel auch mit entsprechender Fachliteratur wie dem Bilderbuch „Sonnige Traurigtage“. Er möchte ihnen die Erlaubnis zu ihren eigenen Gefühlen wie Wut oder Scham zurückgeben und die aufgezwungene Sprachlosigkeit beenden.


Und: Der Experte nennt eine ganze Liste an Möglichkeiten, um die Kleinen zu entlasten und ihnen ein Stück ihrer Kindheit zurückzugeben. Das beginnt bei Notfallplänen für Krisensituationen. Wissen die Nachbarn oder Freunde erst einmal Bescheid, können Jungen und Mädchen im Ernstfall dorthin ausweichen oder Unterstützung holen. In einigen Städten gibt es bereits Patenfamilienprojekte – so dass die Kinder zeitweise bei den Patenfamilien Ruhe finden und die Eltern in Behandlung gehen können. Zudem können Erwachsene aus dem Umfeld oder Fachkräfte in den Familienalltag eingebunden werden, um die Kinder ein Stück weit wieder aus unangemessenen Erwachsenenrollen zu entlassen.   


Der Blick auf die Lebenssituation vieler Kinder – ja, der belaste, sagt Andreas Schrappe. Trotzdem mag er seine Arbeit: „Man kann mit relativ wenig Einsatz viel erreichen. Man sieht und erlebt, wie Mädchen und Jungen aufblühen. Das ist das Erfüllende – für mich wie für die Eltern.“


Informationen über Beratungsangebote in Unterfranken: www.verbund-gzsz.de

Der Artikel  ist unter anderem  im  Magazin „Gesundheit!“ erschienen.

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