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Piratenschiff, Bauarbeiter und Drachenland


Von Michaela Schneider

Nürnberg/Zirndorf Eigentlich sollte Mustermacher Hans Beck im Jahr 1974 ein Spielzeugauto für die Firma geobra Brandstätter in Zirndorf konstruieren. Die Ölkrise hatte die Rohstoffpreise in die Höhe getrieben. Statt auf Blech wollte man in Zukunft auf Kunststoff setzen. Neben dem Auto schuf Beck eine kleine Figur als Beiwerk. 7,5 Zentimeter groß, Hände, Arme, Beine und Kopf ließen sich bewegen. Schnell merkte man in dem mittelfränkischen Unternehmen im Landkreis Fürth: Nicht das Auto, sondern die Figürchen selbst könnten als zentraler Dreh- und Angelpunkt eines neuen Spielsystems dienen. Damit war der Grundstein für eine Erfolgsgeschichte ohne Gleichen gelegt: Weltweit spielen Kinder heute mit Playmobil, 2,7 Milliarden Spielfiguren liefen laut Unternehmensangaben in 40 Jahren vom Band.


Und selbst Erwachsene begeistern sich für die zahlreichen Themenwelten und sammeln Ritter und Bauarbeiter, Indianer oder Piraten. „Die Welt im Spiel. 40 Jahre Playmobil“ ist eine Sonderausstellung im Spielzeugmuseum der Stadt Nürnberg betitelt. Gegenüber gestellt  werden 13 Playmobil-Themenwelten  und ihre historischen Vorläufer aus Holz und Papier, Zinn oder Blech. Dabei kann das Museum auf seinen reichhaltigen Fundus im Depot zurückgreifen. Besucher erhalten Einblicke in die Playmobil-Produktion. Auch geht es um den kreativen Umgang Erwachsener mit dem Kultprodukt.


Ein erster Blick in eine der Vitrinen:  Links ist ein Gemischtwarenladen mit schwenkbaren Schaufenstervitrinen zu sehen. Gefertigt wurde der Spielzeugladen um 1900, ebenso wie das bunte Sortiment aus putzigen Hüten und Hutständern sowie die Blumenverkäuferin an einem Marktstand. Rechts daneben steht eines der neuesten Playmobil-Produkte: das Shoppingcenter aus dem Jahr 2013 mit internationalem Publikum, Läden aller Art und gläsernem Aufzug. Wie nahe sich die neue und die mehr als 100 Jahre alt Themenwelt letztendlich trotzdem stehen, haben die Ausstellungsmacher wunderbar veranschaulicht: Neugierig beäugen zwei Playmobilfigürchen den Blumenverkauf. Ein Dreiergrüppchen deutet auf das Hutsortiment.


Tatsächlich war die Idee zu Themenwelten und Aufstellfiguren seinerzeit nicht neu. Und Nürnberg selbst gilt seit hunderten von Jahren als Stadt des Spielzeugs. Mit 25000 Einwohnern war die Kommune im 16. Jahrhundert zweitgrößte Stadt in Deutschland und innerhalb Europas eine bedeutende Handelsstadt. So genannte „Dockenmacher“ fabrizierten seinerzeit bunt bemalte Puppen aus Holz mit beweglichen Gliedern. Im 17. Jahrhundert kam ein weiterer Exportschlager hinzu: der Zinnsoldat. Bekannt ist zum Beispiel, dass Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. eine Miniatur-Armee für seinen Sohn in Nürnberg bestellte. Dabei wurden nicht alle Produkte in Nürnberg selbst gefertigt. Man weiß laut Urs Latus, Restaurator und Kunsthistoriker im Spielzeugmuseum sowie einer der beiden Ausstellungskuratoren, dass Mitte des 18. Jahrhunderts ein Bauernhof aus dem Erzgebirge von Nürnberg aus in alle Welt verkauft wurde.  Und dieser kann durchaus als sehr früher Vorläufer einer Spielzeug-Themenwelt betrachtet werden.


Um 1850 ließ sich der erste Metalldrücker in Nürnberg nieder, jetzt begann die Ära des Blechspielzeugs. Ein Vierteljahrhundert später, 1876 gründete Andreas Brandstätter im nahen Fürth die gleichnamige Firma. Anfangs produzierte sie Schatullenbeschläge und –Schlösser, bald schon folgten Metall- und Spielwaren. 1921 zog das Unternehmen ins mittelfränkische Zirndorf nahe Nürnberg um – bis heute  Standort der Firmenzentrale. Ende der 50er Jahre verzeichnete geobra Brandstätter mit dem Hula-Hoop-Reif in Deutschland große Erfolge. Anfang der 70er Jahre indes sah es nicht gut aus für das Unternehmen: Die Kunststoffkrise trieb die Rohstoffkosten in die Höhe, zudem drängten Niedrigpreisländer auf den Markt. Eine neue Idee musste her. „In jeder Krise steckt ein Anfang“, betont Urs Latus, denn: Ab 1971/72 begann der Leiter der Entwicklungsabteilung, Hans Beck, an dem System-Spielzeug Playmobil zu arbeiten. Bald schon standen für ihn nicht mehr, wie anfangs gedacht, Miniatur-Autos aus Plastik im Vordergrund, sondern kleine Spielfigürchen.  1972 wurden sie in Deutschland patentiert. Fotografien zeigen: Die ersten Prototypen waren zwar aus Holz - Arme, Beine, Hände und Kopf konnten aber bereits bewegt werden.


Das an sich war zwar nicht neu, ebenso wenig wie die Greifhand und die Themenwelten. Neu aber war die Kombination aus Beweglichkeit, Greifhand, Themenwelt und Systemgedanke. Und so liefen als erste drei Figuren überhaupt ein Bauarbeiter, ein Ritter und ein Indianer vom Band, wie im Eingangsbereich der Sonderausstellung zu sehen ist. Grundthemen, die bis heute Bestand haben. Weitere Welten kamen rasch hinzu – der Wilde Westen zum Beispiel oder ein Bauernhof. Andere Themen indes konnten sich als Dauerschlager nicht durchsetzen und verschwanden wieder vom Mart wie etwa eine antik-ägyptische Pyramide.


Spannend ist: In vielen Fällen griffen die Playmobilmacher bei der Entwicklung neuer Ideen Kindervorschläge auf, davon zeugt ein dicker Ordner in der Ausstellung mit Briefkopien.  Da tummelt sich zum Beispiel die griechische Götterwelt auf einer Zeichnung oder wilde Drachen speien Feuer.  Und ein Mädchen bittet, noch ehe das Märchenschloss in den Verkauf gelangt: „Könnt Ihr mir vielleicht schon eines schicken, weil es meine Idee war? Das wäre total nett von Euch. Ich würde Sie auch bezahlen.“


Heute werden die inzwischen mehr als 30 Spielthemen in mehr als 100 Ländern der Erde vertrieben. Die größte Produktionsstätte befindet sich auf Malta, 100 Millionen Figuren können hier pro Jahr vom Band laufen. Wie dies aussieht, erfahren Ausstellungsbesucher im Spielzeugmuseum unter anderem in Filmsequenzen. Der Konzern beschäftigt insgesamt rund 4000 Mitarbeiter. Zur Unternehmensgruppe gehören neben der Hauptproduktionsstätte im mittelfränkischen Dietenhofen Werke in Selb, auf Malta, in Tschechien und in Spanien. 2013 erreicht das Unternehmen eigenen Angaben zufolge mit Playmobil-Erlösen in Höhe von 552 Millionen Euro einen neuen Rekord.  


Und in diesem Jahr, zum 40-jährigen Bestehen von Playmobil, konnte Firmenchef Horst Brandstätter bekannt geben: In vier Jahrzehnten wurden 2,7 Milliarden Playmobilfiguren gefertigt. Aneinandergereiht könnten sie 3,4 Mal die Erde umrunden. Wie international die Playmobil-Welt heute aussieht ist, ist auch in der Sonderausstellung im Spielzeugmuseum veranschaulicht: Auf einer schwebenden Weltkugel tummeln sich kleine Gestalten aller Hautfarben und Nationalitäten.


Und nicht nur in den Kinderzimmern der Welt stapeln sich die bunten, beweglichen Plastikgestalten, längst hat sich eine riesige Sammlergemeinde um Playmobil gebildet. Es gibt Fans, die Animationsfilme drehen und Künstler, die mit Playmobil-Männchen arbeiten. So zum Beispiel  der Fürther Ingo Klöcker. Sein Materialbild „Gedränge“ aus dem Jahr 1989 beschäftigt sich mit dem Hamburger Kessel. 13 Stunden lang waren damals 800 demonstrierende Atomkraftgegner von Polizisten eingekesselt worden. Diese Szene hat Klöcker in seinem Werk umgekehrt: Das Playmobil-Volk kreist nun die Obrigkeit ein. Zwar nicht in der Sonderausstellung, aber in den Räumen des Spielzeugmuseums zudem zu sehen: Klöckers „Lebenssäule“. Unzählige Playmobilmännchen winden sich daran in die Höhe, symbolhaft für den Lebensweg des Menschen. Und selbst Fernsehgröße Harald Schmitt nutzte die kleinen Männchen mit den starren Stachelfrisuren schon, um die Welt zu erklären.

Warum aber üben Spielfigürchen in bunten Spielwelten nicht nur auf Kinder, sondern auch auf Erwachsene eine derartige Faszination aus? Ausstellungskurator Urs Latus versucht sich an einer Erklärung. „Man kann ein bisschen Gott spielen und sich seine eigene Welt gestalten“, sagt er, fügt hinzu: „Andere verkleiden sich für Rollenspiele oder erschaffen ein digitales zweites Ich. Playmobil eröffnet einen sehr analogen Weg in eine Parallelwelt.“


Und ja, streift man durch die Sonderausstellung und lässt sich auf die fremden Welten ein, erlebt man diese Faszination selbst:  Man träumt sich ins antike Rom, zu Kleopatra nach Ägypten oder ins Gründerzeitalter. Man entdeckt ein Drachenland und zauberhafte Feenszenerien. Man wird zum Bauarbeiter, Bergretter oder Feuerwehrmann. Und man erklimmt die Alpen, erobert den Nordpol und bricht als mutiger Pirat auf zu neuen Abenteuern.

Der Artikel  ist im Frankenmagazin erschienen.

Die Ausstellung „Die Welt im Spiel. 40 Jahre Playmobil“ ist bis einschließlich 19. Oktober 2014 im Spielzeugmuseum der Stadt Nürnberg zu sehen.

Fotos: Michaela Schneider


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Infokasten: „Die Welt im Spiel. 40 Jahre Playmobil“


Die Ausstellung „Die Welt im Spiel. 40 Jahre Playmobil“ ist bis einschließlich 19. Oktober 2014 im Spielzeugmuseum der Stadt Nürnberg zu sehen. Einander gegenübergestellt werden 13 Playmobil-. Themenwelten und ihre historischen Entsprechungen. Geöffnet ist das Museum Dienstag bis Freitag zwischen 10 und 17 Uhr sowie samstags und sonntags zwischen 10 und 18 Uhr. Parallel zur Ausstellung werden zahlreiche Aktionen für Kinder angeboten – unter anderem können Mädchen und Jungen ab sechs Jahren Indianerzelte, Flöße und Playmobil-Schmuck bauen oder auch eine persönliche Playmobil-Figur gestalten. An zahlreichen Sonntagen bietet das Museum Familienführungen durch die Ausstellung an. Details unter  http://www.museen.nuernberg.de/spielzeugmuseum/