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„Besteht Hoffnung, kann selbst ein Gift zum Heilmittel werden“
Placebo-Effekt: Scheinarzneimittel und selbst Scheinoperationen
können Krankheitsverläufe positiv beeinflussen, wenn der Patient damit Hoffnungen verbindet


Von Michaela Schneider
Würzburg
„Das sieht aber gar nicht gut aus“, murmelt der Arzt, während der Untersuchung. Für den Patienten können so unbedachte Sätze verheerende Wirkung haben. Umgekehrt kann subjektives Empfinden, etwa weil der Arzt Kompetenz und Hoffnung ausstrahlt, manchen Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Über den sogenannten „Placebo-Effekt“, aber auch dem Nocebo-Effekt als negatives Gegenstück, sprach jetzt Prof. Dr. med. Malte Meesmann, Chefarzt der Abteilung Kardiologie/Internistische Intensivmedizin am Krankenhaus Juliusspital in Würzburg. In der Reihe Juliusspitälische Abende informieren Experten die Öffentlichkeit regelmäßig über aktuelle medizinische Themen.


Und tatsächlich liegt für den unterfränkischen Kardiologen ein aktueller Ansatz vor, sich mit dem „Placebo“-Effekt zu beschäftigen. In einer Studie hatten Wissenschaftler vor rund fünf Jahren ein seinerzeit erfolgsversprechendes Verfahren vorgestellt zur Behandlung von nicht einstellbarem Blutdruck. Vereinfacht gesagt wurden dabei die Stressnerven an den Nierenarterien verödet. Kliniken setzten laut Meesmann große Hoffnungen in die Behandlung und schafften die entsprechenden Geräte an. Eine noch größer angelegte Studie folgte – und nun zeigte sich, dass der Blutdruck nicht nur bei jenen Patienten gesunken war, die einen Eingriff mit Verödung hinter sich hatten, sondern auch bei der Vergleichsgruppe, bei der der Eingriff jedoch ohne Verödung der Stressnerven durchgeführt worden war. Im Studienergebnis war unter anderem nachzulesen: „Unsere Analyse zeigte, dass ein wichtiger Placebo-Effekt vorhanden war.“


Denn unter einem „Placebo“ versteht man nicht allein Scheinarzneimittel ohne Arzneistoff, sondern im erweiterten Sinn auch andere medizinische Scheininterventionen wie den  beschriebenen Scheineingriff. Bei Placebo-Effekten handelt es sich laut Meesmann letztlich um positive Veränderungen des subjektiven Befindens und objektiv messbarer körperlicher Funktionen. Wichtig sind Placebos in klinischen Studien, können aber gleichzeitig Genesungsprozesse beeinflussen. „Der Patient misst dem Medikament oder Eingriff symbolische Wirkung zu. Wenn ich hoffe, dass es mir danach besser geht, klappt das auch. Wenn ich von vornherein nichts von einem Arzneimittel halte, wirkt es schlechter“, veranschaulicht der Kardiologe das Prinzip, und weiter: „Besteht ausreichend Hoffnung, kann selbst ein Gift zum Heilmittel werden.“


In dem Zusammenhang beschreibt Meesmann ein erstaunliches Studienergebnis: Patienten mit Übelkeit wurde ein Brechmittel verabreicht, allerdings glaubten sie, es handle sich – genau umgekehrt – um ein Medikament gegen Brechreiz. Und tatsächlich ließen die Beschwerden bei einigen Patienten nach, die Wirkung des Arzneimittels hatte sich komplett umgekehrt. Andere Studien zeigen: Bei Alzheimer-Patienten funktionieren Placebos nicht. „Das belegt, dass sich bei Patienten etwas im Kopf tun muss“, so der Mediziner. Sehr gut nachvollziehen lässt sich dies gerade auch am Beispiel der Schmerzwahrnehmung. Bekommen Probanden in Versuchen einen kleinen Schmerzreiz angekündigt, nehmen sie ihn auch so wahr – selbst wenn der Schmerzreiz größer ist als kurz zuvor.


Neben der Erwartungshaltung des Patienten kann übrigens auch durch Konditionierung ein Placebo-Effekt ausgelöst werden. Das fand der Medizinpsychologe und Verhaltensimmunbiologe Manfred Schedlowski im Tierversuch heraus. Herztransplantierte Ratten bekamen eine Süßstofflösung zusammen mit Immunsupressiva – Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken, um eine Abstoßungsreaktion des transplantierten Organs zu verhindern. Drei Tage nach der Operation gab es für die Ratten nur noch Zuckerwasser ohne Arznei – die immunsupressive Wirkung hielt trotzdem weiter an.  „Der Körper lernt zu reagieren“, sagt Meesmann.


Und selbst Studienteilnahmen können sich positiv auswirken. Experten sprechen in dem Fall vom Hawthorne-Effekt und gehen  davon aus, dass die Teilnehmer einer Studie ihr natürliches Verhalten ändern, allein weil sie wissen, dass sie unter Beobachtung stehen. In klinischen Studien spielt dies durchaus eine Rolle, da der Hawthorne-Effekt Ergebnisse mit Blick auf die Wirksamkeit von Präparaten verfälschen kann.


Das Gegenstück zum Placebo-Effekt ist der Nocebo-Effekt, wenn unerwünschte Nebenwirkungen auftreten – und sei es durch die ungeschickte Äußerung eines Arztes. „Diese kann Angst auslösen, Botenstoffe frei setzen, nachts nicht schlafen lassen und den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen“, sagt Meesmann. Dass sich fehlende Hoffnung dramatisch auf dem Körper auswirken kann, zeigt ein drastisches Beispiel  aus Indien in den 1930er Jahren. Damals banden Ärzte einen zum Tode verurteilten Mann mit verbundenen Augen auf einen Tisch. Seine Venen wurden nur angeritzt, er blutete nur wenig. Gleichzeitig aber ließ man Wasser tropfen, der Verurteilte hörte das Geräusch und dachte, es handle sich um sein Blut. Nach zwei Stunden war er tot.


Doch zurück zum Placebo-Effekt. Stellt sich die Frage: Funktioniert er bei jedem Patienten? Meesmann winkt ab. Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Prinzip bei bis zu 35 Prozent der Patienten funktioniert. „Wer psychisch robust ist und mit positiver Einstellung durchs Leben geht, reagiert am besten auf den Placebo-Effekt. Bei ängstlichen Patienten und Menschen, die sich von Vornherein verschließen, wirkt er schlechter“, so die Beobachtung des Kardiologen.

Was aber bedeutet dies nun ganz konkret für Ärzte? Sie sollten laut Meesmann alles daran setzen, das Hoffnungsverhalten der Patienten positiv zu beeinflussen – durch eine empathische Ausstrahlung, Gespräche, eine sorgfältige Wortwahl, Nähe, Zeit und Kompetenz. „Es kann helfen, einen  Patienten abzuhören, selbst wenn längst klar ist, welcher Lungenbefund vorliegt. Damit der Patient Zuwendung und Nähe empfindet, damit er sich dem Arzt und der Behandlung öffnet“, sagt der Kardiologe.

Der Artikel  ist unter anderem  in dem Magazin „Gesundheit!“ erschienen.

Infokasten: Wo der Begriff „Placebo“ ursprünglich herkommt


Der Begriff „Placebo“ stammt ursprünglich aus der christlichen Liturgie. Der lateinische Vers „Placebo domino in regione vivorum“ – zu Deutsch: „Ich werde dem Herrn gefallen im Lande der Lebenden“ – stand im Hochmittelalter als Synonym für die Totenmesse. Im 14. Jahrhundert wandelte sich die Bedeutung, jetzt bezeichnete man mit „Placebo“ bezahlte, musikalische Einlagen eines Chores bei Begräbnissen – und verstand darunter gleichzeitig etwas „Scheinheiliges“.  Im medizinischen Wortschatz taucht „Placebo“ erstmals im 18.Jahrhundert auf.