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Gebetskärtchen und ein Kasten Wasser hinterm Altar

Pfarrer Dr. Oliver Gußmann aus Rothenburg berät seit 1. November als
Pilgerbeauftragter der evangelischen Landeskirche 335 bayerische Gemeinden an neun Jakobswegen

 

Bayern/Rothenburg "Pilgern ist ein junges Phänomen, das mit dem früheren Ablassdenken der Pilger nichts zu tun hat", sagt einer, der es wissen muss: Der Rothenburger Gästepfarrer Oliver Gußmann ist seit November 2012 Pilgerbeauftragter der evangelischen Landeskirche in Bayern. Das Amt wurde neu geschaffen, auf Projektbasis ist der 49-Jährige nun zunächst einmal auf drei Jahre für die Betreuung von bayernweit 335 Gemeinden an neun Haupt-Pilgerwegen zuständig.

 

Dass die Wahl bei der Amtsbesetzung gerade auf den Familienvater aus Rothenburg fernab der Landeshauptstadt fiel, hat drei Gründe: Zum einen kümmert sich Gußmann als Gästepfarrer bereits seit dem Jahr 2000 auch um Pilger, die durch das Städtchen in Mittelfranken ziehen. Zum zweiten ist Rothenburg ob der Tauber selbst zentraler Knotenpunkt für Jakobspilger aus Nord- und Osteuropa. Hier kreuzen sich die Jakobswege Nürnberg - Rothenburg, Rothenburg - Rottenburg, Rothenburg - Speyer, der Fränkisch-Schwäbische Jakobsweg Würzburg - Ulm sowie der Taubertal-Jakobsweg Aschaffenburg - Rothenburg. Ausführlich beschrieben sind sie in einer Wanderbroschüre des Rothenburg Tourismus Service. Und zum dritten beherbergt Rothenburg mit dem "Wildbad" eine bestens geeignete, evangelische Tagungsstätte vor Ort.

 

"Pilgern ist in", sagt Gußmann. Zahlreiche Organisationen engagierten sich deshalb am Rande der wiederbelebten und neu geschaffenen Jakobswege. Was bislang jedoch fehlte, war die Koordination der einzelnen Aktivitäten in der evangelischen Kirche. Grund genug für die evangelische Landeskirche in Bayern, die neue Teilzeitstelle des Pilgerbeauftragten zu schaffen. Gußmanns Aufgaben sind vielfältiger Natur: Zunächst einmal geht es dem Seelsorger um eine Vernetzung der einzelnen Pilgervereine, vornehmlich über eine Internetplattform. Diese soll zugleich als Informationsportal für Pilger dienen. "Bislang fehlen vielfach noch elementare Informationen zu den einzelnen Wegen: Diese wollen wir künftig über eine Homepage kommunizieren", sagt Gußmann. Ebenfalls zu seinen Aufgaben zählt die Beratung der Gemeinden an den Pilgerwegen. "Viele Kirchengemeinden wissen gar nicht, dass ein Pilgerweg durch den Ort führt", so seine bisherige Erfahrung. Hier bespricht er nun, wie die Orte Pilgern begegnen können. Das beginnt damit, dass  örtliche Kirchen auch außerhalb der Gottesdienstzeiten geöffnet sind. Doch auch ganz praktische Dienstleistungen gehören zum pilgerfreundlichen Angebot, etwa eine Toilette, ein Kasten Wasser hinterm Altar und geeignete Übernachtungsmöglichkeiten. Entworfen haben die Pfarrer am mittelfränkischen Jakobsweg kleine Gebetskärtchen als "spirituellen Proviant", die in den Kirchen ausliegen. Darauf jeweils abgedruckt: ein besinnlicher Text oder ein Gebet sowie eine Zeichnung des jeweiligen Gotteshauses.

 

Dr. Oliver Gußmanns Aufträge als Rothenburger Gästepfarrer und bayernweiter Pilgerbeauftragter gehen dabei Hand in Hand: So möchte der Seelsorger ab dem Frühjahr regelmäßiges "Schnupperpilgern" anbieten. Interessierte Einheimische, aber auch Urlauber können dann einen Tag lang mit dem engagierten Gottesmann rund um Rothenburg auf Pilgerspuren wandeln. Auch ansonsten nimmt sich der Seelsorger Zeit für sinnsuchende Wanderer: Melden sich Pilgergruppen an, empfängt er sie in Rothenburg persönlich. Ist er selbst nicht vor Ort, sind Pilger trotzdem in seiner Pfarrgemeinde jederzeit willkommen und haben - anders als übrigen Rothenburg-Touristen - freien Eintritt in die evangelische St. Jakobskirche.

 

Seit kurzem gibt es eine neue Pilgerunterkunft in Rothenburg: In der zur Tagungsstätte Wildbad gehörenden Gipsmühle können Pilger übernachten.  Und auch das Düllhaus neben der Jakobskirche soll in naher Zukunft Pilger beherbergen. Eine langfristige Idee: In Zusammenarbeit mit dem Tourismusmanager von Rothenburg, Jörg Christöphler, und der Rothenburger Hotellerie will Gußmann ein bayernweites Zertifizierungssystem für Pilgerunterkünfte schaffen, um Orientierung an die Hand zu geben bei der Quartierssuche. Denn ein grundlegendes Problem laut Gußmann ist: Pilger bleiben in der Regel nur für eine Nacht in jeder Unterkunft - Hotels und Pensionen aber bevorzugen Gäste mit längerer Verweildauer. Dabei verweist Gußmann jedoch darauf: Mancher Gast kehrt - hat es ihm vor Ort als Pilger gefallen  - als "normaler" Urlauber für mehrere Tage zurück. Motivieren will er zudem örtliche Gastronomen, ein Art Pilgermahl anzubieten. "Wir wollen damit vermitteln: Hier bin ich jederzeit willkommen", so der 49-Jährige.

 

Doch welche Motivation veranlasst Menschen heute, den Spuren historischer Pilgerwege zu folgen? "Für viele ist Pilgern eine Fluchtreaktion aus dem Alltag. Sie wollen der Enge und dem Druck ihrer täglichen Umgebung entkommen", sagt Gußmann. In Zeiten der Überflussgesellschaft mit zahlreichen Tabuthemen wie etwa Arbeitsplatz- oder Partnerverlust möchten Menschen die Kunst des Loslassens erleben und Ballast und Komfort hinter sich lassen. Auch begegnet Gußmann häufig Frauen, deren Kinder inzwischen außer Haus sind und die neue Orientierung suchen. Für wieder andere gehe es um das spirituelle Erlebnis oder auch um eine sportliche Herausforderung. Den typischen Pilger gebe es schlichtweg nicht - Männer wie Frauen, Studenten wie Rentner, Katholiken wie evangelische Gläubige, ja sogar Nichtchristen machten sich auf den Weg.

 

Pauschal von historischen Pilgerwegen zu sprechen, bezeichnet Gußmann übrigens als nicht korrekt. Vielfach handelt es sich bei den heutigen Jakobswegen um moderne Wanderwege, nicht in allen Fällen zogen hier auch schon vor Jahrhunderten Pilger entlang. "Es geht bei der Widerbelebung der Jakobswege weniger um die alten Routen, als um die historischen Spuren und die Pilgertradition an sich", so der Seelsorger aus dem Mittelfränkischen. Die Einteilung der einzelnen Etappen richte sich heute gezielt nach dem Urlaubsverhalten der Menschen. So sei zum Beispiel die Strecke Rothenburg - Nürnberg zu Fuß in fünf Tagen zu schaffen.

 

Und einer weiteren Aufgabe widmet sich Gußmann in seinem neuen Amt als bayernweiter Pilgerbeauftragter: Er bildet so genannte Pilgerbegleiter aus - sprich: jene Menschen, die Pilgergruppen leiten oder begleiten möchten. Dabei werden sie ganz gezielt und praktisch an jeweils drei Wochenenden auf die jeweilige Tour vorbereitet. Sie bekommen Wegkenntnisse vermittelt, Erste-Hilfe-Maßnahmen werden gelehrt, sie sprechen über Konfliktpotenziale sowie Lösungsansätze auf der Tour und erhalten grundlegende spirituelle Kenntnisse. Derzeit ist Gußmann zudem dabei, Materialien als Handreichungen zusammenzustellen, unter anderem mit Gebetssammlungen.

Er ist der erste Pilgerbeauftragte der evangelischen Landeskirche in Bayern: Dr. Oliver Gußmann.

 

 

Foto: Michaela Schneider

Der Artikel wurde verfasst für die Presse & Kommunikation Saremba GmbH