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„Philosophie beginnt mit dem Staunen“
Professor erklärt, weshalb Platon topaktuell ist und es Philosophie gerade in High-Tech-Zeiten braucht


Von Michaela Schneider
Würzburg
Der weißgewandete Sokrates in der Wandelhalle der Philosophen; Immanuel Kant und seine Tischgenossen in reger Debatte; Friedrich Nietzsche, den Kopf nachdenklich in die Hand gestützt: Auf der einen Seite wirken jene Bilder im schnelllebigen Hightech-Zeitalter wie Relikte vergangener Tage. Auf der anderen Seite haben Lebensratgeber Hochkonjunktur, Fragen nach Sinn und Glück sind Talk-Show-Thema und Unternehmen leisten sich für viel Geld Querdenker. Stellt sich die Frage: Brauchen wir heute noch Philosophie? Unbedingt, sagt der Würzburger Philosophieprofessor Jörn Müller (45) zum Welttag der Philosophie am 20. November.     


Provokant gefragt: Warum brauchen wir Philosophie heute noch?

Müller:  Gleich vorweg gesagt: Die Frage ist gerechtfertigt, denn die Philosophie hat sich immer schon auch intern selbstkritisch hinterfragt. Die Frage nach dem „Warum“ entspricht somit ihrem tiefsten Wesensgehalt. Warum also heute Philosophie? Sie erfasst komplexe Zusammenhänge und kann sie für weite Kreise verständlich machen. Eine wesentliche Aufgabe von  Philosophen ist es, Menschen Orientierung zu geben, deshalb hat Philosophie auch nichts im Elfenbeinturm verloren. Immanuel Kant hat das Wesen der Philosophie in drei Fragen auf den Punkt gebracht: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Die Philosophie stellt Fragen, die sich jeder Mensch in unterschiedlicher Intensität stellt. Oft werden diese Fragen im Laufe der Zeit zurückgestellt, doch sollte man sie immer wach halten. Mit Sokrates‘ Worten ausgedrückt: Ein ungeprüftes Leben ist nicht lebenswert. Einem guten Philosophen gelingt es auch, die Menschen zum Mit- und Nachdenken anzuregen. Er darf dabei ruhig provozieren und die Welt grundlegend in Frage stellen.


Besonders gut können das ja bekanntlich Kinder. Sind Kinder die besseren Philosophen?

Müller: Wir können von Kindern einiges lernen. Kinder stellen gerne konsequent die berühmt-berüchtigten Warum-Fragen. Sie nehmen Selbstverständlichkeiten nicht hin, sondern fragen: Ist das wirklich so? Tatsächlich ist es etwas sehr Philosophisches, sich nicht mit einem „So ist es halt“ stoppen zu lassen. Platon sagte: Alles Philosophieren beginnt mit dem Staunen. Und Staunen löst einen Grundimpuls aus, der uns fragen lässt: Warum ist das so?   


Sie landen immer wieder bei den Philosophen der Antike. Sind deren Aussagen heute noch aktuell?

Müller:  Unsere antiken Vorgänger haben etwas sehr Grundlegendes begriffen: Philosophie dient der individuellen und sozialen Orientierung. Denn hinter der Frage, wie ich mein Leben gestalten soll, steht letztendlich die Frage: Was ist eigentlich Glück? Darüber wurde in der Antike ausführlich diskutiert.  Schauen Sie sich einmal die zahlreichen Lebensratgeber heute an, die sich ums Thema Lebenskunst drehen. Sie knüpfen letztlich alle an den antiken Fragen an.  


Sie selbst waren auch schon als Unternehmensphilosoph tätig. Wie genau sah diese Arbeit aus?

Müller: Ich habe den modernen Sokrates gespielt, mit den Mitarbeitern gesprochen und gemeinsam haben wir eine Unternehmensphilosophie formuliert. In jedem guten Unternehmen geht es nicht allein um Profitmaximierung. Auch für die Mitarbeiter spielt neben dem Lohn die gesellschaftspolitische Positionierung eine wichtige Rolle, zum Beispiel inwiefern sich der Arbeitgeber sozial engagiert. Hier kann Philosophie sogar ganz konkreten Nutzen produzieren, denn eine gute Unternehmensphilosophie steigert die Motivation der beteiligten Mitarbeiter. Trotzdem stellt sich die Frage: Soll es in der Gesellschaft allein um monetären Nutzen gehen? Gerade im Bildungsbereich ist dies sicher zu verneinen.


Bildung ist ein gutes Stichwort. Welche Rolle spielt Philosophie an Bayerns Schulen?

Müller: Das ist ein heikles Thema. In Bayern ist Ethik wesentlich ein Ersatzfach für den Religionsunterricht. In Nordrhein-Westfalen dagegen wird Praktische Philosophie ab der Mittelstufe als vollwertiges Fach unterrichtet. Hier geht es im Unterricht um zentrale Fragen wie:  Wie will ich mein Leben gestalten? Was ist Freundschaft? Aber zurück nach Bayern. Am 6. Dezember wird in München ein Ethik-Gipfel verschiedener Universitäten sowie des bayerischen Landesverbandes Ethik e.V. stattfinden. Hauptziel der Agenda: eine umfassende Professionalisierung der Ethiklehrerausbildung in Bayern, denn mehr als 90 Prozent der Ethiklehrkräfte haben weder Philosophie noch Ethik studiert.


In welchen Bereichen arbeiten Philosophen denn sonst noch?

Müller: Zum Beispiel in der Politik als Ethikberater. Der Philosoph produziert dabei nicht unbedingt Wissen, aber er hinterfragt Debatten und bringt verschiedene Argumente auf den Begriff. Damit übernimmt er eine analytische, aber auch integrative Funktion. Im Studium können wir angehenden Philosophen vor allem eine geschulte Urteilskraft mit auf den Weg geben; deshalb stehen Philosophen auch in der freien Wirtschaft hoch im Kurs – ob als Unternehmensphilosoph, Personal Coach, im Personalbereich oder als Querdenker im Management.


Sie sind Mitherausgeber des Buchs „Warum noch Philosophie?“. Zitiert wird Ex-Kulturminister Julian Nida Rümelin mit der Aussage: „Die Wissenschaftskultur der Philosophie ist gefährdet“. Ist das so?

Jörn Müller:  Ja, das stimmt leider. Wissenschaftskultur ist heute extrem schnelllebig. Es geht an den Universitäten und bei der Vergabe von Forschungsgeldern zunehmend um schnelle Ergebnisse und ökonomische Faktoren.  Dabei bleibt zu wenig Zeit zum Nachdenken. So geht die Möglichkeit  verloren, Dinge grundlegend zu hinterfragen. Das widerspricht jedoch dem Wesen der Philosophie. Hinzu kommt heute auch: Wer einen Forschungsantrag stellt, muss sehr spezifisch forschen. Zu allgemein angelegte Fragen haben keine Chance. Die Philosophie nimmt aber gerne das große Ganze in den Blick.

Jörn Müller, Professor für antike und mittelalterliche Philosophie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.


Foto: Michaela Schneider


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Der Artikel  ist unter anderem  in den Nürnberger Nachrichten erschienen.