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Von der Lehre der Körpersäfte bis zur Contergan-Katastrophe
Diplom-Pharmazeut und Historiker Professor Dr. Christoph Friedrich wirft an der
Würzburger Universität einen historisch-kritischen Blick auf die „Arzneimittelentwicklung in der Geschichte“


Von Michaela Schneider

Würzburg UNICEF-Angaben zufolge ist die Kindersterblichkeit seit 1990 um 35 Prozent gesunken. Zugleich ist die Lebenserwartung in den vergangenen 50 Jahren weltweit gestiegen, in manchen Ländern sogar um bis zu 20 Jahre. Ob Insulin, Antibiotika, Impfstoffe oder Herzkreislaufmittel: Drastische Fortschritte in der Arzneimittelentwicklung haben daran entscheidenden Anteil. Trotzdem verlief dieser Weg keineswegs nur geradlinig: Selbst bis in die Gegenwart erschüttern Skandale wie die Contergan-Katastrophe regelmäßig den Pharmaziemarkt. Dabei reicht die konfliktreiche Geschichte der Arzneimittelentwicklung letztlich zurück bis zu den Anfängen der Menschheit. Der Diplom-Pharmazeut und Historiker Professor Dr. Christoph Friedrich warf an der Würzburger Universität einen historisch-kritischen Blick auf die „Arzneimittelentwicklung in der Geschichte“.


Im Jahr 2000 übernahm Friedrich die Leitung des Instituts für Geschichte der Pharmazie in Marburg, bis 2012 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Auch international wirkte und wirkt er bis heute in zahlreichen Gremien wie etwa der Académie Internationale d`Histoire de la Pharmacie in Florenz, der Leibniz-Sozietät in Berlin oder der Real Academia Nacional de Farmacia Madrid.


Tatsächlich gab es schon in den frühen Kulturen – neben magisch-mystischen Methoden - wirksame Arzneimittel wie Drogen aus Pflanzen oder Tieren, Mineralien oder Honig. Eine der ersten großen medizinischen Theorien der Antike, die bis ins 18. Jahrhundert Gültigkeit besaß, war die so genannte Humoralpathologie. Sie entstand in der Schule um Hippokrates von Kos (um 460 – 377 v.Chr.). Befanden sich die vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle im Gleichgewicht, war der Mensch gesund, so die Annahme; gerieten sie ins Ungleichgewicht, war der menschliche Organismus krank.  Therapiert wurde unter anderem, indem der  Saft im Übermaß entfernt wurde – etwa durch harn- oder schweißtreibende Mittel oder auch  Aderlass. Zwar beruhte die Humoralpathologie laut Friedrich auf falscher Prämisse, trotzdem entstand ein wertvoller Arzneimittelschatz.  


Auf der anderen Seite wurden bestimmte Drogen über Jahrhunderte als Wundermittel betrachtet und eingesetzt, jedoch völlig überschätzt. Als Beispiel nennt Friedrich den Theriak – eine Rezeptur aus der Zeit des antiken Herrschers Mithridates von Pontos (ca. 134 – 63 v.Chr.). Selbiger litt unter der ständigen Angst von seinem Umfeld vergiftet zu werden und ließ deshalb nach einer Droge suchen, die gegen alle Gifte helfen sollte. Dafür vermischte er einzelne Mittel, die gegen das Gift von Spinnen, Skorpionen oder etwa Vipern wirkten.  Insgesamt enthielt Theriak 64 pflanzliche und tierische Drogen, darunter Opium und Vipernfleisch. Selbst im Deutschen Arzneimittelbuch von 1872 ist Theriak noch aufgeführt, obwohl die Wirkung damals schon überaus strittig war. Die Wirkung der Rezeptur ließ Mithridates an zu Tode verurteilten Verbrechern testen.

Aufgezwungene Arzneimittelprüfung an Verbrechern oder zum Beispiel auch an Abhängigen – ein Konflikt, den es laut dem Pharmazie-Historiker nicht nur in der Antike oder dem Mittelalter gab: Der Arzneimittelforscher Paul Ehrlich zum Beispiel, Entdecker des ersten Chemotherapeutikums, nahm Versuche an „geisteskranken Verbrechern“ in der Königlichen Strafanstalt Moabit vor. Auch zeigt etwa eine WHO-Studie aus dem Jahr 1962, dass männliche Insassen der Strafanstalt Atlanta sich angeblich freiwillig mit durch Mücken mit einem behandlungsresistenten Stamm infizieren ließen, um die Wirkung zweier Malariamittel zu vergleichen. Ganz zu Schweigen von Arzneimittelprüfungen während des Nationalsozialismus‘ in Konzentrationslagern. Auch in der DDR gaben Arzneimittelhersteller wie Höchst, Bayer, Boehringer oder Mannheim aus der Bundesrepublik, aber auch aus anderen Ländern ab 1982 sehr fragwürdige klinische Untersuchungen  in Auftrag. Die DDR war zu jenem Zeitpunkt nahezu pleite und an Einnahmen jeder Art interessiert. Wie man heute weiß,  flossen in fünf Jahren 6,78 Millionen DM Valutaeinnahmen.


Doch zurück in die Geschichte, nämlich in die frühe Neuzeit. Jetzt vermischten sich laut Friedrich der antike Arzneischatz, die Erkenntnisse des Mittelalters, die Drogen aus dem arabischen Raum sowie ab dem 16. Jahrhundert aus der so genannten „Neuen Welt“. Und: Im 16. und 17. Jahrhundert kamen noch Arzneimittel aus anorganischen Stoffen, anfangs überwiegend aus Mineralien oder Metallen, hinzu. Zentraler Arbeitsort bis ins 19. Jahrhundert: Öfen, in denen diese Mittel hergestellt wurden. Zurück geht die so genannte Chemiatrie auf den Schweizer Theophrastus Bombastus von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus (1492/93 – 1541). Den Menschen begriff er als chemisches Laboratorium, der deshalb mit Mitteln der Chemie geheilt werden konnte.


Einige Mittel aus dieser Zeit besaßen laut Friedrich durchaus berechtigte Wirkung – etwa das „sal mirabili“ des Apothekers Johann Rudolph Glauber (1604 – 1670). Bis heute leistet Glaubersalz als Abführmittel gute Dienste. Auf der anderen Seite entstanden in jener Zeit auch Mittel mit schädigender Wirkung wie etwa Antimonverbindungen – zum einen, aufgrund ihrer eigenen Bestandteile, zum anderen, weil sie nicht rein waren und häufig Spuren von Arsen enthielten.  Dies führte im 18. Und 19. Jahrhundert zu einem berechtigten Arzneimittelskeptizismus.  Der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann  (1755 – 1843), etwa gab seinerzeit seine ärztliche Praxis auf, um nicht zum „Mörder seiner Patienten“ zu werden, wie er selbst schrieb.


Zu Beginn des 19. Jahrhunderts vollzog sich ein entscheidender Paradigmenwechsel in der Arzneimittelentwicklung von der Droge zum Arzneistoff – und zwar dank dem Apothekergehilfen Friedrich Wilhelm Sertürner (1783 – 1841). Er nämlich hatte 1804 nicht nur das schlafmachende Prinzip im Opium entdeckt, sondern ihm gelang es auch das Morphium zu isolieren.  

Weitere einzelne Alkaloide wie zum Beispiel das Narkotin, Strachnin, Chinin oder Coffein  folgten. Die Herstellung der einzelnen Stoffe allerdings war für einzelne Apotheker teuer und aufwändig, und so begannen erste Unternehmer mit der Großherstellung von Alkaloiden – zum Beispiel Heinrich Emanuel Merck (1794 – 1855). Zudem begann eine systematische pharmakologische Forschung. Der Franzose Francois Magendie etwa untersuchte Alkaloide in Tierversuchen, zudem entwickelte er eine Methodik zur Prüfung von Arzneistoffen, die bis heute Gültigkeit hat. Getestet wird seither zunächst am Versuchstier, dann am gesunden und schließlich am kranken Menschen

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Ein Konflikt, der seither die Pharmabranche durchzieht: Tierschützer fordern den Verzicht auf Tierversuche. „Wenn wir auf Tierversuche gänzlich verzichteten, müsste der Mensch im wahrsten Sinne des Wortes an die Stelle des Versuchskaninchens  treten. Wer will das machen?“, hält Friedrich gegen.  Doch sei auch die Pharmaindustrie an einer Reduzierung von Tier- und Menschenversuchen interessiert, schon allein aus Kostengründen. Entsprechend wird heute vielfach an Zellkulturen oder isolierten tierischen Organen getestet. Trotzdem bleiben Menschenversuche unverzichtbar, so Friedrich. Der Gesetzgeber fordert in diesen Fällen ausreichend Aufklärung und Freiwilligkeit – in Konsequenz allerdings werden klinische Studien häufig in Staaten verlagert mit niedrigeren rechtlichen Hürden oder Kontrollen.


Doch zurück ins 19. Jahrhundert. Mit den Alkaloiden hatte man Wirkstoffe in der Hand, die sich in geringen Mengen erzeugen ließen. In der nächsten Phase machten sich Chemiker und Apotheker auf die Suche nach der Formel der Alkaloide. Als diese gefunden war, konnten die Alkaloidmoleküle abgewandelt, sprich chemisch verändert werden. Das Ergebnis: neue Arzneistoffe mit besserer Wirksamkeit und geringeren Nebenwirkungen.  Doch auch hier kam es wieder zu manchem Irrweg. So verband Charles R. A. Wright (1844 – 1894) zum Beispiel Morphin mit Essigsäure zu Diacetylmorphin. 1898 brachte die Firma Bayer diese Substanz als Hustenmittel unter dem Namen „Heroin“ in den Handel.  Um die Jahrhundertwende allerdings wies Erich Harnack ein wesentlich höheres Suchtpotential nach als bei Morphin.


Eine wichtige Rolle in der Arzneimittelentwicklung spielte zudem der Zufall, als prominentestes Beispiel nennt Friedrich die Entdeckung des Penicillins. Alexander Fleming sei nicht der reinlichste gewesen, so der Pharmazie-Historiker. Er hatte 1928 auf einer Agar-Platte eine Staphylokokkenkultur angelegt und offenbar nicht sauber gearbeitet. Eine Schimmelpilzkolonie bildete sich, in deren Umkreis waren plötzlich Auflösungserscheinungen zu beobachten.  Fleming züchtete eine Reinkultur in Fleischbouillon und bezeichnete das Kulturfiltrat als „Penicillium“. Ein ungiftiges Mittel war entdeckt, dass den Wachstum krankmachender Keime bereits in geringer Konzentration hemmte.


Im 20. Jahrhundert schritt die Arzneimittelentwicklung intensiv voran. Eine entscheidende Veränderung allerdings sollte die Contergan-Katastrohe mit sich bringen.  Entwickelt wurde der Wirkstoff Thalidomid 1954 von der Firma Grünenthal, 1957 gelangte er als Contergan rezeptfrei in den Handel und entwickelte sich rasch zum beliebtesten Schlafmittel der Bundesbürger. Bis 1961 verzeichnete die Firma mit dem Mittel 24 Millionen Dollar Umsatz. Schon im Oktober 1959 allerdings wies ein Neurologe auf die nervenschädigende Wirkung nach Langzeiteinnahme hin. Das führte zumindest dazu, dass 1961 die Rezeptpflicht in einigen Bundesländern eingeführt wurde.  Der Humangenetiker und Kinderarzt Widukind Lenz schließlich erkannte den Zusammenhang zwischen Contergan und geschädigten Kindern. Im November 1961 wurden alle Thalidomidpräparate vom Arzneimittelmarkt genommen. Bis dahin waren in Deutschland rund 5000 Kinder mit Conterganschäden geboren worden. Friedrich benennt unter anderem als Schlussfolgerungen aus der Katastrohe: Sie war Warnung vor einem zu sorglosen Umgang mit Arzneimitteln; Contergan lenkte den Blick auf unerwünschte Begleitwirkungen; das Thema Arzneimittel und Schwangerschaft wird seither sehr sensibel betrachtet. Und: Das neue Arzneimittelgesetz von 1976 ist von der Contergankatastrophe geprägt.


Strengere rechtliche Bestimmungen allerdings haben dazu geführt, dass die Entwicklung neuer Arzneimittel zehn bis zwölf Jahre dauern kann und die Kosten für die Forschung und Entwicklung drastisch gestiegen sind. In den USA, so die Schätzung, rechnet man laut Friedrich für die Entwicklung einer neuen Substanz mit 500 Millionen Dollar. Das wiederum führe dazu, dass nur internationale Konzerne in der Arzneimittelforschung Erfolg haben. Trotzdem geht Friedrich davon aus, dass Zufall und gezielte Entwicklung in Kombination bis heute eine gewichtige Rolle spielen.  Heißt für den Pharmaziehistoriker: Kreativität, Fantasie, unvoreingenommenes Beobachten und originelles Denkvermögen werden für Arzneimittelforscher wichtige Eigenschaften bleiben.

Der Artikel  ist unter anderem  im Magazin „Gesundheit!“erschienen.

Diplom-Pharmazeut und Historiker Professor Dr. Christoph Friedrich skizziert die Arzneimittelentwicklung in der Geschichte.


Foto: Michaela Schneider

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