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Phantomschmerzen: Wie Mediziner das Gehirn überlisten
Eine der häufigsten unerwünschten Folgen von Amputationen wird heute gern
mittels Spiegeltherapie behandelt – Der Kopf meint dabei, das Körperteil fehle gar nicht


Von Michaela Schneider
Würzburg
Es scheint zu jucken, zu zucken und zu stechen. Die Schmerzen können ins Unerträgliche reichen. Schmerzen, die nicht sein dürften, sagt der Kopf. Und die doch immer wieder zurückkehren in den nicht mehr vorhandenen Arm oder das fehlende Bein. Tatsächlich zählen Phantomschmerzen zu den häufigsten unerwünschten Folgen von Amputationen. Inzwischen rücken Mediziner dem Phänomen mit recht simplen Methoden zu Leibe: Unter anderem wird dem Gehirn mittels Spiegel vorgegaukelt, das Körperteil fehle gar nicht. Unter dem Titel „Phantomen auf der Spur“, sprach Christopher Milde, Doktorand am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, vor Würzburger Studenten über die paradoxe Situation, wenn ein amputierter Körperteil schmerzt.


Zunächst ein Blick auf Schmerz im Allgemeinen. Tatsächlich dient dieser als Warnsystem. Zwei Beispiele: Greifen wir auf eine heiße Herdplatte, zucken wir zurück – der Körper hat die gewebeschädigende Gefahrenquelle erkannt. Ähnlich verhält es sich, wenn er eine Erkrankung, etwa eine Entzündung, registriert. Es schmerzt, sobald der Körperteil belastet wird – dies erzwingt ein Schonverhalten. Wird Schmerz chronisch, das heißt, hält er länger als sechs Monate an oder reicht über die Phase der Heilung hinaus, verliert er allerdings seine Wirkung. Die Schmerzursache ist häufig medizinisch nicht mehr nachzuweisen. Oft kommt nun auch die Psyche ins Spiel, denn: Lernprozesse können laut Neurobiologe Milde eine positive oder negative Verstärkung des Schmerzes bewirken. Hat ein Patient zum Beispiel nie viel Aufmerksamkeit erfahren, jetzt kümmert sich die Umwelt aber plötzlich um ihn, hält der Schmerz möglicherweise länger an.


Eine Form chronischer Schmerzen sind dabei die so genannten neuropathologischen Schmerzen. Sie entstehen durch eine traumatische Schädigung, im Falle des Phantomschmerzes ist dies die Amputation. Häufigste Ursache für Amputationen in den Industrieländern ist dabei Diabetes, in Deutschland werden jährlich rund 50000 Glieder amputiert. 90 Prozent der Amputierten empfinden laut Milde Phantomwahrnehmungen, zwischen 60 und 80 Prozent leiden unter Phantomschmerzen.

Theorien zu deren Ursache gab und gibt es verschiedene. So sahen Wissenschaftler darin lange die Unfähigkeit, den Verlust eines Körperteils zu akzeptieren. Andere erkannten das Symptom einer psychischen Störung.  Auch ging man in der gängigen Theorie lange von einer Irritation der durchtrennten Nervenendungen aus. Dazu wirft Milde einen Blick auf die Anatomie des Stumpfes. Dieser ist häufig extrem verdickt, weil das Nervengewebe ähnlich einem Tumor auswächst. „Es entsteht ein dickes Nervenknäuel und diese Nerven feuern drauflos, obwohl sie eigentlich keine Funktion mehr haben“, veranschaulicht der Neurobiologe. Therapien, die allein auf dieser Theorie fußten, verliefen jedoch zum Teil ins Leere.


Stattdessen setzen Mediziner deshalb heute in der Phantomschmerzbehandlung beim Gehirn an. Dafür ein Blick in die Forschungsgeschichte. Der Neurochirurg Wilder Graves Penfield hatte in den 40er und 50er Jahren Epilepsie-Patienten behandelt und operiert, dabei untersuchte er die verschiedenen Hirnregionen. Durch Stimulation gelang es ihm, Muskelkontraktionen auszulösen und Sinneswahrnehmungen derselben Körperpartien zu erzeugen. Seitdem weiß man, dass sämtliche Körperteile im menschlichen Gehirn repräsentiert werden. Mediziner sprechen vom „Homunculus“, um das Modell der neuronalen Beziehung zwischen Bereichen im Gehirn auf der einen und Skelettmuskeln oder sensorischen Feldern auf der anderen Seite zu beschreiben. Neuere Studien ergaben: Die Größe des jeweiligen Hirnareals ist abhängig vom Ausmaß an Sensibilität und Feinmotorik der entsprechenden Körperpartie.


Der amerikanische Wissenschaftler Michael Merzenich simulierte in den 80er Jahren dann in Versuchen mit Affen Amputationen, indem er Nerven durchtrennte. Zwei Monate später stellte er bei Untersuchung der tierischen Gehirne fest: Den nutzlos gewordenen Arealen waren andere Aufgaben zugeteilt worden. Weitere Versuche folgten, zum Beispiel band der Wissenschaftler den Affen zwei Finger zusammen. Nach einer gewissen Zeit verschmolzen die beiden Gehirnareale, die diese Finger kontrollierten, zu einem. Der Hirnforscher Professor Vilayanur Ramachandran stellte wenig später erstmals zur Debatte, ob das Phänomen mit Phantomempfindungen in Zusammenhang stehen könne.


„Das Gehirn verschenkt keinen Platz“, sagt Neurobiologe Milde und spricht auch von einer „feindlichen Übernahme durch benachbarte Areale“. Oder in medizinischer Sprache ausgedrückt: Der sensorische und motorische Homunculus verschieben sich. Das hat Folgen für die Körperwahrnehmung: Der Patient hat durch Amputation ein Körperteil verloren, die benachbarten Bereiche des Gehirns übernehmen die signallose Region. Werden Patienten nun zum Beispiel im Gesicht angefasst, kann dies zur Empfindung führen, sie würden am fehlenden Gliedmaß berührt. Wie der Schmerz bei Phantomschmerzpatienten entsteht, konnte bis dato nicht ganz geklärt werden. Eine recht wahrscheinliche Theorie: Der Stumpf sendet weiter Signale. Wenn sich das Gehirn nun reorganisiert, kann es zu Konflikten zwischen dem alten und neuen Muster kommen.


Behandlungsansätze gibt es verschiedene – ihr Erfolg variiert von Patient zu Patient. So werden Phantomschmerzen mit Arzneimitteln wie Antidepressiva behandelt und auch Opiate wie zum Beispiel Morphin können zur Schmerzlinderung beitragen. Zudem arbeiten Mediziner mit Stromreizen, die auf den Amputationsstumpf übertragen werden mit der Zielsetzung, neue Reize zu liefern und alte, schmerzhafte Empfindungen im Gehirn zu „überschreiben“. Einige Patienten setzen auf Reiz-Freiheit und ziehen einen speziellen Überzug über den Amputationsstumpf.  Zu weiteren Methoden zählen etwa Hypnose, Physiotherapie oder Akupunktur.


Einen recht neuen Ansatz bei akutem Phantomschmerz stellt die so genannte Spiegeltherapie dar. Dabei wird dem Gehirn unterm Strich vorgegaukelt, das amputierte Gliedmaß fehle gar nicht, um wieder eine intakte Körperwahrnehmung herzustellen. Das Prinzip: Der Patient steht vor einem geschickt platzierten Spiegel und bewegt die intakte Hand. Dabei sieht es für ihn im Spiegel aus, als handle es sich beim gespiegelten gesunden um den amputierten Körperteil. Das Gehirn „erinnert“ sich daran. Der Schmerz lässt nach, weil es fürs Gehirn wirkt, als sei die Hand oder das Bein wieder unverkrampft und könne sich bewegen. Wird das Training regemäßig wiederholt, kann dies bei Patienten nicht nur zur akuten Schmerzlinderung, sondern sogar zu einer längerfristigen Besserung führen. Neurobiologe Milde: „Das Prinzip scheint simpel, aber funktioniert bei vielen Patienten.“  Auf sehr ähnlicher  Grundlage fußt mittlerweile die Technik der Virtuellen Realität, der Patient beobachtet dabei mittels Computersimulation, wie sich zwei Gliedmaßen bewegen.    

Der Artikel  ist unter anderem  im  Magazin „Gesundheit!“ erschienen.

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