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„Wir können Pflanzen flüstern“
Bei einer Fachtagung der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau

im unterfränkischen Veitshöchheim rückten jene Menschen in den Blick, die den Pflanzen ein Gesicht geben: Züchter, Pflanzentester, Forscher, Produzent, Biogärtner und eine Bienenexpertin


Von Michaela Schneider

Man könnte meinen, es habe mit Esoterik zu tun, wenn von „Pflanzenflüsterern“ die Rede ist. Bei der gleichnamigen Fachtagung der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) im unterfränkischen Veitshöchheim aber ging es um etwas völlig anderes. In den Blick rückten hier jene Menschen, die den Beet- und Balkonpflanzen ein Gesicht geben: Züchter, Pflanzentester, Produzent, Biogärtner, Wissenschaftler und eine Bienenexpertin. Rund 400 Teilnehmer zählte die Fachtagung, angereist war mancher Gast aus Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, selbst aus Israel. Nach den Fachvorträgen am Vormittag ging es am Nachmittag um die Praxis: Im Versuchsbetrieb Zierpflanzenbau der LWG  Veitshöchheim präsentierten rund 50 Züchter und Jungpflanzenfirmen Jahresneuheiten. Auch konnten die Beet- und Balkonpflanzen-Versuchsflächen der LWG durchstreift und mehr als 800 neue Sorten und Musterbepflanzungen besichtigt werden.  


LWG-Präsident Hermann Kolesch forderte die Teilnehmer eingangs auf, über die eigene Position nachzudenken: „Welches Bild hat die Bevölkerung von uns Gärtnern?“, stellte er zur Diskussion. Charmant fiel seine eigene Antwort nicht aus, stellte er doch Begriffe wie Maulwurf, Giftspritzer und Bienenkiller in den Raum und sprach von einem „katastrophalen Image“. Auch die Wertschätzung für Pflanzen sei rapide gesunken. Um dem entgegen zu wirken, forderte er auf, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen: Aufs Lebensräume gestalten, Pflanzen züchten und pflegen. „Wir können Pflanzen flüstern“, betonte er. Menschen hinter dem Betrieb schafften Sympathie, schafften Wertschätzung. So wie die Fachtagungsreferenten, Kolesch beschrieb sie als einzigartig und authentisch. Sie brächen die ein oder andere Regel, hätten aber zuerst immer die Pflanze im Blick.


„Mit gutem Auge zur Pflanze von morgen“

Zum Beispiel Dr. Martin Geibel, Leiter der Züchtungsabteilung der Firma Elsner pac in Dresden.  In seinem Vortrag zum Thema „Der Züchter: Mit gutem Auge zur Pflanze von morgen“, skizzierte er, wie viel Zeit und Kulturfläche eine neue Züchtung brauche. Genaugenommen mindestens fünf Jahre – und Kulturfläche braucht es nicht nur hierzulande, sondern auch Mutterpflanzenstandorte in heißen Ländern wie Portugal, Mexiko oder afrikanischen Staaten. Los geht es laut Geibel im Jahr Null mit der Auswahl der Eltern und der Kreuzung. Von August bis Oktober folgt die Samenernte, hier ist Geibel realistisch: „Ich kann als Züchter nicht alles beeinflussen, es ist immer noch die Schöpfung, die mir die Sämlinge liefert.“

Mutationszüchtungen werden durch Bestrahlung mit Röntgen-, Gamma- und Elektronenstrahlen erschaffen, um neue Blütenfarben, größere Blüten oder kompaktere Pflanzen zu züchten - oder alternativ durch chemische Behandlung.

Im ersten Jahr folgt die Aussaat, jetzt mache sich der Züchter auf die Suche nach „der Schönsten im ganzen Land“, blickt dabei auf Blüten- und Laubqualität wie auf den Pflanzenaufbau. Zudem gilt es laut Geibel unter anderem zu hinterfragen: Was braucht der Markt? Was gibt es im Sortiment? Was machen die Mitbewerber? Im Jahr Zwei werden die Stecklinge vermehrt und die Pflanzen zunächst im Gewächshaus, später im Freiland geprüft. Die Gesunderhaltung beginnt, dafür wandern die Pflanzen in eine Klimakammer, in der alle Viren und Bakterien absterben, die Pflanze aber weiterwachsen kann.


Stecklingsertragsprüfung, Gewächshausprüfung und Hitzeverträglichkeitsprüfung unter extremen Bedingungen stehen im Jahr drei an, zudem im Herbst und Winter die Mutterpflanzen- und Stecklingsprüfung im Süden.  Die frühestmögliche Auswahl der neuen Sorte erfolgt laut Züchter Geibel im Mai des vierten Jahres – und nach reichlich „Bürokram“ der Erstverkauf im Jahr fünf. Was ist aber nun der wichtigste Job des Züchters? „Jeder kommt auf die Messe und fragt: Was haben Sie Neues? Am Ende ist es aber unsere eigentliche Hautaufgabe, die alten Sorten ständig zu verbessern“, betont der Züchter aus Dresden.

Mit oder ohne Torf?

Sind neue Züchtungen erst einmal auf dem Markt, kommen die Tester ins Spiel. „Neue Balkonpflanzen: Unsere Lieblingssorten – hübsch auch ohne Torf?“ lautete das Vortragsthema von Eva-Maria Geiger von der LWG in Veitshöchheim. Hintergrund: Sämtliche Sorten und Sortenkombinationen auf der Beet- und Balkonpflanzen-Sichtungsfläche – insgesamt sind dies heuer 840 - wurden sowohl in einem torfhaltigen als auch in einem torffreien Substrat zum Vergleich angezogen. Handel, Öffentlichkeit und Politik forderten zunehmend nachhaltige und rückstandsarme Kulturen in torfreduzierten oder völlig torffreien Substraten. Die Rahmenbedingungen waren für beide Substratvarianten gleich, lediglich die Bewässerungsdünnung wurde differenziert und erfolgte bedarfsgerecht.


Erste Ergebnisse: Die Pflanzen im torffreien Substrat unterschieden sich in der Pflanzhöhe. Im Durchschnitt waren sie elf Prozent niedriger. Beim Pflanzendurchmesser  mussten die Tester gar knapp 28 Prozent abziehen. Im Durchschnitt aller Kulturen wurde deshalb die Verkaufsqualität der im torffreien Substrat  produzierten Pflanzen als etwas schwächer bewertet. Doch Sorte ist eben nicht gleich Sorte: Starkwüchsige Kulturen – Geiger nennt Argyranthemum frutescens, viele Bidens-Sorten, Calendula und Verbena – wiesen nur geringe Qualitätsunterschiede in den unterschiedlichen Substraten auf. Und noch ein positiver Aspekt: Durch den kompakteren Wuchs bei starkwüchsigen Sorten konnten Hemmstoffbehandlungen reduziert werden oder waren erst gar nicht erforderlich. Mit torffreiem Substrat indes gar nicht anfreunden konnten sich die 71 getesteten, als wurzelempfindlich geltenden Calibrachoa-Sorten.


Kombipots: Beste Noten für Calibrachoa und Verbenen-Sorten

Ihre Lieblingssorten durfte das Team der LWG übrigens selbst präsentieren, sollte es doch um die Menschen hinter den Pflanzen gehen. Dazu gehörten so auffällige Sorten wie Petunia „Night Sky“ mit dem ungewöhnlichen Blütenmuster weißer Punkte auf violett-blauem Untergrund, Plectranthus scutellarioides “Campfire“ mit kräftig leuchtendem orangefarbenen Laub und auch als eine diesjährige Besonderheit Kombipots, bestehend aus einer oder mehreren Pflanzenarten. In dem Zusammenhang hatte die LWG einen Versuch gestartet. Hintergrund: In der Regel werden Kombipots als Multi-Jungpflanzen, bestehend aus drei Stecklingen in 12-Zentimeter-Töpfen produziert. Darin allerdings ist der Wurzel- und Pflanzraum stark begrenzt und die Produktion hochwertiger Ware entsprechend anspruchsvoll. Im Versuch wurden nun ausgewählte Kombipots in zwei unterschiedlichen Topfgrößen zu unterschiedlichen Pflanzterminen kultiviert. Herausfinden wollte das LWG-Team, wie sich die Kulturverfahren auf erforderliche Kulturmaßnahmen, die Vermarktungsreife, die Verkaufsqualität und die Gartenleistung bei der Auspflanzung in Gefäßen auswirken. Ergebnis: Die besten Noten gab es für Arten-Kombis mit Calibrachoa und Verbenen-Sorten. Der Versuch, harmonische Zusammenstellungen mit ähnlichem Blühtermin und ähnlicher Wuchsstärke zu erreichen, glückte.


Wertschöpfung der Bestäubungsleistung weltweit: 150 Milliarden Euro

Nach den Blümchen unternahmen die Pflanzenflüsterer einen Abstecher zu den Bienchen – und zwar gemeinsam mit Dr. Ingried Illies, Bienenexpertin an der LWG Veitshöchheim. Im Vortrag blickte sie auf das „Dreamteam Biene und Pflanze.“ Die Blüte brauche Hilfe  beim Pollentransport. Die Biene wiederum braucht deren Nektar als Energie- und den Pollen als Eiweißquelle, erläutert Illies. Den heute weithin bekannten Zusammenhang zwischen Biene und Blüte beschrieb erstmals Christian K. Spengel im Jahr 1793, heute gilt er als Begründer der Blütenökologie. Kein geringerer Als Johann Wolfgang von Goethe hielt seine Publikation allerdings für Humbug, auch sonst glaubte Spengel kaum einer, er starb verarmt. Heute weiß man Biene und Blüte bedeutet gleichzeitig Wertschöpfung. Illies verdeutlicht dies anhand von Zahlen:  Die Honigproduktion in Deutschland spielt jährlich 100 Millionen Euro ein, den wesentlichen Teil der Wertschöpfung macht allerdings die Bestäubungsleistung der fliegenden Arbeiter aus, die Expertin spricht pro Jahr in Deutschland von zwei Milliarden und weltweit von 150 Milliarden Euro. Und nicht zu vergessen: Der Speisezettel von Mensch und Tier sähe ohne fleißige Bienen wesentlich weniger abwechslungsreich aus. Unter der Überschrift „Wenn Bienen wünschen könnten...“ wollte Bienenflüsterin Ingrid Illies für ein bienenfreundliches Gärtnern sensibilisieren: Demnach brauchen Bienen Nektar und Pollen nicht nur im Sommer, sondern von März bis Oktober. Es bedarf einer vielfältigen Bienenweide mit unterschiedlichen Nektar- und Pollenpflanzen, denn unter den Bestäubern gibt es Spezialisten wie auch Generalisten, Experten sprechen dabei von oligolektischen und polylektischen Bienen. Illies abschließender, wohl wichtigster Appell lautete aber: kein Einsatz bienengefährlicher Pflanzenschutzmittel.  


Schwerpunkt der Beet- und Balkonpflanzenprüfung 2015 an der LWG war übrigens das Thema Bienenweide. 200 Pflanzen oder Sorten wurden dafür ausgewählt und der Beflug durch Honigbienen, Hummeln und Wildbienen, ihr Verhalten und ihre Verweildauer auf den Blüten an elf Beobachtungstagen erfasst. Insgesamt wurden mehr als 11000 Blütenbesucher registriert, etwa zwei Drittel waren Honigbienen. 2016 rücken nun 60 Sorten Bidens ferulifolia in den Blick, erfassen wollen die Bienenexperten der LWG auch die Nektarmenge und den Zuckergehalt der ausgewählten Sorten, die Versuche laufen.


Ohne das Team geht`s nicht

„Allein lässt sich`s schlecht flüstern, das muss man im Team machen“, sagt Pflanzenproduzent Thomas Viehweg aus Issum. Im Familienbetrieb produziert er auf 14 Hektar Zierpflanzen. Als es dem Betrieb schlecht ging, holte sich Viehweg einen Unternehmensberater ins Haus – mit Erfolg. Inzwischen kann er sich in einer Branche, die heute stark auf Effizienz und Massenproduktion ausgelegt ist und in einer Zeit, in der jeder Discounter Billigblumensträuße verkauft, wieder behaupten.


Gelungen ist dies durch innerbetriebliche Maßnahmen wie eine verbesserte Mitarbeiterführung,  optimierte Kulturverfahren, ein offensiveres Marketing und eine betriebswirtschaftliche Umorganisation. Ausgewirkt hat sich das laut Viehweg längst nicht nur auf die Finanzen, sondern vor allem auch aufs Betriebsklima. Übrigens sogar messbar, die Zahl der Krankheitstage ist um 30 Prozent gesunken.  Und: Es bleibt laut Viehweg nun mehr Zeit zum Pflanzenflüstern. In seinem Fall bedeutet das vor allem auch Besonderheiten zu suchen, testen und einzuführen.  Herausgekommen sind dabei spannende Produkte wie „Gartenlegenden“ im modernen Outfit oder ein blauer und weißer „Oktoberfestenzian“ im Bierfass. „Wir haben unter anderem erkannt, dass wir künftig mehr fertige Arrangements liefern müssen“, sagt Viehweg. Und seine drei allgemeinen Empfehlungen für Produzenten, die in der Krise stecken, lauten heute: Neue Situationen erkennen und als Herausforderungen annehmen; Ziele setzten und Schritt für Schritt daran arbeiten; und Hilfe suchen und annehmen.



„Produzieren ist einfach wieder geil“

Auf seine ganz eigene Art flüstert auch Biogärtner Erwin Seidemann. Der Blumenpark Seidemann ist die älteste Tiroler Gärtnerei in Familienbesitz und einer der ältesten Gärtnereibetriebe Österreichs, gegründet wurde das Unternehmen 1902. Vor einigen Jahren stellte der Unternehmer den Betrieb auf die Produktion nachhaltiger Blumen, Kräuter und Gemüsepflanzen um – übrigens aus reinem Idealismus, ohne einen einzigen Fördereuro in Anspruch zu nehmen. Die Biozertifizierung durch BIKO Tirol folgte im März 2015, seit 2016 wird in torffreier Blumenerde produziert.  Er zeige auf niemandem mit dem Finger, der Chemie nutze, letztlich seien alle Vorgänge in Pflanzen Chemie, sagt Seidemann. Er selbst sagt aber für sich: „Seit der Umstellung ist Produzieren einfach wieder geil, es macht wieder Spaß an Pflanzen zu arbeiten.“ Schief ging dabei erst einmal unglaublich viel, Anwenden und Ausprobieren lautet sein Tipp. Und inzwischen zeigen sich Erfolge: „Substrat ohne Torf und ohne Grünkompost funktioniert meiner Meinung nach zu 100 Prozent“, sagt er. Dabei orientiert er sich an einem chinesischen Sprichwort, dieses lautet: „Was immer der Vater einer Krankheit ist, die Mutter war eine schlechte Ernährung.“ Seidemann düngt mit einem Biosubstrat – dem Topfsubstrat torffrei von Ökohum mit angepasster Teil-Bevorratung (vier Kilo). Es besteht aus Rindenkompost, Holzfaser, Kokos und Bimssand, die Bevorratung enthält Schafwollflocken, Traubentrester, Horngries und Hornmehl. Und Erwin Seidemann gärtnert nicht nur nachhaltig, er gibt sein Wissen zudem in einer Sendung bei Radio Tirol mehrmals im Monat weiter. Nachzulesen sind viele der Beiträge mit etlichen praktischen Tipps (auch zur Düngung) auf seiner Webseite www.blumenpark.at in der Rubrik „Aktuelles“.

Pflanzenflüsterer und Beet- und Balkonpflanzen 2016 standen bei einer Fachtagung in Veitshöchheim im Mittelpunkt.


Fotos: Michaela Schneider


Der Artikel ist im Gartenbau-Profi erschienen.