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Fast vergessene Werke
In der Reihe „Oper am Klavier“ stellt das Mainfranken Theater Würzburg ab
29. November wieder Musiktheaterliteratur vor, die nur noch ausgewähltes Publikum kennt


Von Michaela Schneider
Würzburg  
Unter eingefleischten Opernfans ist sie längst ein Geheimtipp. Jetzt geht die Reihe „Oper am Klavier“ am Mainfranken Theater in die nächste Runde. Schon seit der Spielzeit 2011/12 lockt nicht allein die Werkauswahl der Veranstaltungsserie eine wachsende Fangemeinde in die Kammerspiele des Dreispartenhauses, sondern auch die Präsentationsform: Für die engagierte Klavierbegleitung zeichnet regelmäßig Studienleiter Alexis Agrafiotis verantwortlich, die Sänger treten  laut Programm konzertant auf, setzen jedoch trotzdem auf zärtliche Blicke, kesse Gesten und Spiel im Kleinen. Immer wieder wird mit Videoeinspielungen, Projektionen mit eigenem Bühnenbild und Kostümen gearbeitet.


Durch die Enge der Kammer gewinnen die Abende sehr intensiven Charme. Die heimelige Wohnzimmeratmosphäre versetzt bewusst ein Stück weit zurück ins 19. Jahrhundert: Die Menschen liebten damals Opern, Theaterbesuche erwiesen sich für das Gros der Bürger rein logistisch aber als schwierig. Deshalb holte man sich die schönen Melodien ins Wohnzimmer. Die Familie musizierte, probte, inszenierte. War das Werk bühnenreif, lud man Freunde in die gute Stube ein.


Die Opern selbst erlebt das Publikum in den Kammerspielen im Zeitraffer, denn zu hören sind nur Ausschnitte aus dem jeweiligen Werk und die Auswahl mag teilweise überraschen: Der leitende Musikdramaturg des Theaters, Christoph Blitt, beschränkt sich bewusst nicht allein auf die schönsten Arien, sondern will einen Gesamteindruck der Werke vermitteln. „Wir wollen auch die Geschichten erzählen“, sagt er. Musikalisch wie inhaltlich. Und so beginnen die Abende nicht nur mit einer etwa 20-minütigen Stückeinführung. Auch während der Oper selbst sitzt Blitt als Erzähler mit einem großen Textbuch auf der Bühne – macht den Abend zur Märchenstunde für Erwachsene.


Insgesamt vier Opern werden pro Spielzeit an jeweils zwei Abenden präsentiert. 2015 und 2016 werden dies Giuseppe Verdis Stiffelio“, Ralph Benatzkys „Meine Schwester und ich“, Hector Berlioz‘ „Béatrice et Bénédict“ und als Auftakt ein Pasticcio diverser Komponisten, passend zum „Alessandro nell’Indie“ im Großen Haus des Mainfranken Theaters, sein. Unter „Pasticcio“ versteht man in der Musikwelt eine Oper, für die schon existierende Kompositionen neu zusammengestellt werden. Bei der „Oper am Klavier“ am Sonntag wird das Publikum unter dem Titel „Cleofide e Poro“ einen Querschnitt aus hundert Jahren italienischer Operngeschichte erleben mit Werken von Komponisten, die sich ebenfalls mit Alexander dem Großen und seinem Indienfeldzug befassten. Denn in Sachen Stückauswahl entscheidet sich Blitt keineswegs willkürlich pro Spielzeit für vier Werke, sondern geht auf intensive  Suche. Jede Oper steht in Zusammenhang mit einer Produktion im Großen Haus.


Für die Sänger bedeuten die „Opern am Klavier“ einen immensen Aufwand, denn auch wenn konzertant gesungen wird, ist für die Hauptrolle unter Umständen eine komplette, unbekannte Partie einzustudieren. Hinzu kommt: Die Nähe zum Publikum entschuldigt keine Fehler. Trotzdem sieht Musikdramaturg Blitt gerade die Inszenierungen im heimeligen Ambiente als Chance fürs Ensemble. „Hier können wir Dinge ausprobieren, die sonst nicht möglich wären“, sagt er. Schlichtweg auch aus finanziellen Gründen, denn im Großen Haus lautet ein Anspruch nun einmal: Musiktheater sollten weitgehend ausverkauft sein.


Die bis dato zeitaufwändigste Inszenierung war in der Kammer im Sommer 2014 zu sehen: Zum 200. Todestag des gebürtigen Würzburger Komponisten Georg Joseph Vogler hatte das Ensemble auf der Kammerspiel-Bühne  Auszüge aus „Gustaf Adolf och Ebba Brahe“ gezeigt –ein Werk, das laut Blitt zuvor in Deutschland noch nie erklungen sein dürfte.  Denn schwer tun sich deutsche Opernhäuser damit aus ganz praktischem Grund: Vogler schrieb das Werk einst für den schwedischen König, eine deutsche Übersetzung gibt es nicht. Das Mainfranken Theater ließ sie kurzerhand in Auszügen anfertigen für die „Oper am Klavier“.

Der Artikel  ist unter anderem  in den Fränkischen Nachrichten erschienen.

Infokasten: Oper am Klavier in der Spielzeit 2015/16


- Sonntag, 29. November 2015, und Freitag, 18. Dezember 2015: „Cleofide e Poro“, Ein Pasticcio diverser Komponisten


- Donnerstag, 28. Januar 2016, und Sonntag, 14. Februar 2016: „Stiffelio“, Oper in drei Akten von Giuseppe Verdi


- Samstag, 26. März 2016, und Donnerstag, 14. April 2016: „Meine Schwester und ich“, ein musikalisches Spiel in zwei Akten und einem Vor- und Nachspiel von Ralph Benatzky


- Freitag, 27. Mai 2016, und Mittwoch, 29. Juni 2016: „Béatrice et Bénédict“, Opéra-comique in zwei Akten von Hector Berlioz


Beginn: jeweils 20 Uhr in den Kammerspielen des Mainfranken Theaters Würzburg