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Mehr als Berge, Rinder und Käse

Vielfältiges Oberallgäu

 

Von Michaela Schneider

 

Immenstadt ist die rindviehreichste Stadt Deutschlands, der Markt Oberstdorf die südlichste Kommune, und Balderschwang auf 1044 Metern  die höchstgelegene eigenständige Gemeinde: Der Landkreis Oberallgäu kann gerade in seinem Süden mit mancher Superlative aufwarten. Die meisten Deutschen verbinden mit der Region indes vor allem drei Dinge: Berge, Rinder und Käse. Doch hat das Oberallgäu weit mehr zu bieten – allein durch seine Geografie mit Höhenlagen zwischen 585 und 2649 Metern sind Landschaft und Kultur auf den 1527 Quadratkilometern enorm vielfältig.

 

Geographisch wie geologisch teilt sich die Region mit insgesamt rund 150000 Einwohnern dabei in zwei Großräume: das Alpenvorland im Norden und einen Teil der Allgäuer Alpen im Süden. Tatsächlich gibt es den Landkreis in seiner jetzigen Form mit insgesamt 28 Gemeinden erst seit 1972. Im Zuge der Gebietsreform schlossen sich damals die beiden Altlandkreise Sonthofen und Kempten zusammen. Damit besteht das Oberallgäu heute aus den beiden Städten Immenstadt und Sonthofen, zehn Märkten und 16 Gemeinden – einige von ihnen haben sich mit der Hörnergruppe und Weitnau zu zwei Verwaltungsgemeinschaften zusammengeschlossen. Kempten mit mehr als 50000 Einwohnern liegt zwar mitten im Landkreis, ist jedoch als kreisfreie Stadt eigenständig.

 

Vor allem sind es landschaftliche Reize, die alljährlich um die 1,3 Millionen Gäste das ganze Jahr über ins Oberallgäu locken. Knapp acht Millionen Übernachtungen verbucht die Region jährlich, der Tourismus ist damit wichtigster Wirtschaftsfaktor, vor allem für die Bevölkerung im südlichen Landkreis. Die sanften Hügel im Voralpenland  wachsen zum Hochgebirge im Süden  an mit der Hochfrottspitze als höchstem deutschen Gipfel der Allgäuer Alpen (2649 Meter). Die Entstehung der Region liegt dabei zig Millionen Jahre in der Vergangenheit. Subtropisches Meer brandete zwischen Schwäbischer Alb und dem heutigen Alpenrand, Muschelablagerungen und Sandstein verdichteten sich – von afrikanischen Kontinent bedrängt – zu Fels und formten auf engstem Raum verschiedene Landschaftsformen und Lebensräume. Hinzu kamen viel, viel später die Einflüsse des Menschen, denn das heute grüne Allgäu mit seiner Viehwirtschaft ist nicht nur Natur-, sondern vor allem auch Kulturlandschaft.

 

Die Landwirtschaft in Zahlen: Im Oberallgäu werden 64000 Hektar Fläche landwirtschaftlich genutzt - überwiegend als Dauergrünland. Die Zahl der Milchviehhalter ist in den letzten Jahrzehnten massiv gesunken. Während es im Jahr 1974 noch etwa 4200 Milchviehhalter gab, waren es rund 50 Jahre später nur noch um die 2000. Die Ertragszahlen hingegen sind massiv gestiegen. 1989 erzeugte eine Oberallgäuer Kuh im Schnitt 4800 Liter Milch pro Jahr, 2003 waren es bereits 5900 Liter. Letztlich ist vor allem die Alpwirtschaft dabei zugleich wesentlich für den Tourismus: Nicht nur, weil die mehr als 60 Sennalpen beliebte Ausflugsziele der Urlauber sind, sondern vor allem auch, weil es das grüne Allgäu in seiner heutigen Form ohne Rinder nicht gäbe. Wären die Oberallgäuer Alpwiesen nicht bewirtschaftet, würden sie innerhalb weniger Jahren verwachsen. Nun blicken die örtlichen Bergbauern mit gewisser Sorge auf die Liberalisierung des Milchmarktes, denn 2015 soll die Milchquote fallen. Für kleine Betriebe in schwer zu bewirtschaftendem Gebirgsgebiet wird ein wirtschaftliches Arbeiten nahezu unmöglich werden. Ohne Sennalpen gäbe es anbei keinen Allgäuer Bergkäse und keinen Allgäuer Emmentaler – bei beiden Titeln handelt es sich übrigens um EU-weit geschützte Ursprungbezeichnungen. Was wäre ein Oberallgäu-Aufenthalt ohne eine deftige Portion Allgäuer Kässpatzen?  

 

Dabei gehören Kühe und Käse noch gar nicht so lange zur Region dazu: Über Jahrhunderte lebte die Bevölkerung überwiegend vom Ackerbau, bis ins 7. Jahrhundert nach Christus in die Zeit der Alemannen reichen entsprechende Belege zurück. Die Menschen pflanzten Hafer, Gerste, Roggen, Kartoffeln. Im Jahr 817 taucht - erstmals urkundlich erwähnt - übrigens auch der Name „Allgäu“ auf. Entstanden ist er aus der Bezeichnung Alpengäu, sprich Alpenauen. Ab dem späten Mittelalter verdiente die Bevölkerung mit dem Anbau und der Verarbeitung von Flachs ihr Geld. Flachs blüht blau – dies prägte lange Zeit den Begriff des „blauen Allgäus“. Ein gebürtiger Schweizer war es, der die Wende brachte: Der Senn Johann Althaus – wohnhaft im Oberallgäuer Sonthofen – führte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Emmentaler-Käserei ein. Ein zweiter wichtiger Impuls ging vom nahen Missen-Wilhams aus, als Karl Hirnbein den Limburger Käse in die Region brachte. Bald waren statt Leinenstoffen Milch und Käse aus der Bergregion gefragt, der blau blühende Flachs verschwand, viele Wälder wichen Alp- und Grünflächen. Aus dem blauen wurde ein grünes Allgäu. Jetzt sollten auch Urlauber die Region für sich entdecken – die ersten Touristen kamen um 1850 angereist.

 

Heute ist – neben dem Tourismus und der Landwirtschaft – das produzierende Gewerbe ein weiteres wichtiges wirtschaftliches Standbein im Oberallgäu, vor allem mittelständische Unternehmen und Handwerker prägten und prägen das unternehmerische Gesicht des Landkreises. Zudem profitieren heute auch einige international agierende Industriebetriebe von den Fertigkeiten der „Allgäuer Mächler“ – zum Beispiel Bosch, Voith Turbo oder die Dr. Werner Röhrs KG. Ein weiterer Firmenname, den gerade auch die Damenwelt mit dem Oberallgäu verbindet: die Kunert AG – Textilproduzent, der vor allem auch für seine Strumpfhosen bekannt ist.

 

Natur- und Kulturlandschaften machen vor politischen Grenzen nicht Halt – und so erstreckt sich seit 2008 mit dem Naturpark Nagelfluhkette der erste grenzübergreifende Naturpark zwischen Deutschland und Österreich vom bayerischen Oberallgäu bis nach Vorarlberg. Eine neue Attraktion, die vor allem auch auf einen nachhaltigen Tourismus abzielt. Weitere bekannte Natursehenswürdigkeiten in der Region: die Breitachklamm bei Oberstdorf und die etwas kleinere Starzlachklamm bei Burgberg; verschiedene stehende Gewässer wie der Niedersonthofener See kurz vor Kempten, der Große Alpsee bei Immenstadt oder mit dem Freibergsee bei Oberstdorf auf 930 Metern Höhe der größte Allgäuer Hochgebirgssee; mit der Sturmannshöhle bei Obermaiselstein die einzige begehbare Höhe des Allgäus; und auch die von Natur und Menschen gemeinsam geformte Erzgruben-Erlebniswelt bei Burgberg.

 

Das Oberallgäu also als ein gut erschlossenes Naturparadies für Erholungssuchende, Wanderer bis hin zu Hochleistungssportlern - und zwar nicht nur im Sommer. Mehr als 120 Pistenkilometer, über 500 Kilometer Loipe, etliche Winterwanderwege und seit einigen Jahren immer mehr Rodelstrecken locken Winterurlauber in die Region. Dabei ist gerade der Alpinsport nicht unumstritten – immer wieder kommt es hier durch den Artenreichtum im Allgäu zu Konflikten mit dem Naturschutz. Denn: Die Region mit ihren verschiedenen Landschaftsformen von Mooren über Mischwälder bis hin zum Hochalpinen bietet Tieren wie Raufußhühnern, Berghühnern, Gämsen oder Hirschen Lebensraum. Zudem finden sich hier viele geschützte Pflanzenarten wie große Bestände an Alpenrosen, verschiedene Enzianarten, Frauenschuh oder fleischfressende Pflanzen wie Fettkraut und Sonnentau. Und so konzentrieren sich die Touristiker gezielt auf die Pflege und den Ausbau der bestehenden Skigebiete, mit rund 180 Hektar sind inzwischen mehr als die Hälfte der Pisten in der Region beschneit. Neue Skigebiete wurden in ganz Deutschland seit gut 25 Jahren nicht mehr erschlossen.

 

Immer wieder trifft sich – neben den Breitensportlern - die sportliche Weltelite in der Region. Bekannteste und traditionsreichste Großveranstaltung ist dabei sicherlich die Vierschanzentournee, deren Auftakt bildet dabei seit 1952 das Skispringen in Oberstdorf. Einige weitere Höhepunkte in diesem Winter: Zunächst einmal die Skiflug-Weltcups an der Heini-Klopfer-Skiflugschanze im Oberstdorfer Stillachtal. 2013 wird hier vom 15. bis 17. Februar das Finale der FIS-Team-Tour ausgetragen werden. Nicht weit entfernt werden sich dann im Folgemonat die Damen der Weltelite im Slalom und Riesenslalom zum bereits siebten Mal in dem 2000-Seelen-Bergdorf Ofterschwang zum Ski-Weltcup treffen. Vorab zudem noch ein dritter Spitzen-Wettkampf in einer recht jungen Sportart: der FIS-Audi-Skicross-Weltcup in dem gern als Schneeloch betitelten Skigebiet Grasgehren auf Obermaiselsteiner Gemarkung.  

 

Doch auch kulturell hat die ländlich geprägte Region einiges zu bieten – zum Beispiel den Oberstdorfer Musiksommer, zu dem alljährlich hochkarätige Musiker im Tal und auf den Bergen konzertieren. Oder die Freilichtspiele im Festspielort Altusried im nördlichen Landkreis. Seit mehr als 125 Jahren gibt es diese inzwischen, alle drei bis vier Jahre präsentieren Laienschauspieler aus dem Ort eine neue Inszenierung. Zu noch mehr Bekanntheit sollte der Traditionsveranstaltung das Autorenduo Michael Kobr und Volker Klüpfel verhelfen: Die Freilichtbühne Altusried ist wesentlicher Schauplatz des 2008 erschienenen Bestsellers „Laienspiel“ aus der Kommissar-Kluftinger-Reihe.

 

Einen Besuch lohnen auch einige interessante Burgruinen wie die Burg Laubenbergstein nahe Immenstadt oder die Burg Sulzberg im nördlichen Landkreis. Historisch betrachtet prägten verschiedenste Völkerschaften das Gesicht des Oberallgäus. Erste Siedlungsspuren reichen zurück in die Bronzezeit, Spuren konnten in Agathazell, bei Sonthofen und in Altusried nachgewiesen werden. Im Raum Kempten entstand ein stadtähnliches Keltenzentrum, später besetzten Römer die Region und gründeten die Stadt Cambodunum (das heutige Kempten). Im Mittelalter entstanden die freie Reichsstadt Kempten und die Grafschaft Rothenfels unter staufischer Herrschaft. Ein Teil des Gebiets gehörte zudem zum Hochstift Augsburg. Dazwischen: einige kleine Herrschaften wie die Freien von Eglofs bei Sonthofen und die Freien von Leutkirch bei Altusried. Erst unter Napoleons Verbündeten endete die Jahrhunderte alte Ordnung: 1802/1803 wird das Gebiet des heutigen Oberallgäus bayerisch. Der Landkreis selbst in seiner heutigen Form entsteht mit der Gebietsreform 1972.

 

Dabei fühlt sich die Bevölkerung ihrer Heimat zugehörig wie in kaum einer anderen deutschen Region. Brauchtum wird gelebt – zum Beispiel bei den Viehscheiden im Spätsommer, wenn die Tiere von den Alpen zurück ins Tal kehren oder beim wilden Bärbele- und Klausentreiben rund um den Nikolaustag. Das Alphorn als altes Hirteninstrument der Bergbauern erlebt seine Renaissance. Und viele Ortschaften pflegen ihr eigenes, kleines Heimatmuseum. Weitere interessante Museen sind zum Beispiel das FIS-Skimuseum im Hörnerdorf Fischen, das die Geschichte des Wintersports aufgreift oder das Allgäuer Bergbauernmuseum als ein Erlebnismuseum vor allem auch für Familien. Zudem pflegen die Oberallgäuer ihre spezifischen Traditionsveranstaltungen: Etwa das Jochpassrennen-Memorial als ein beliebtes historisches Bergrennen für Oldtimer aufs Oberjoch bei Bad Hindelang; das internationale Gunzesrieder Hornerrennen, das jährlich tausende Zuschauer in die Region lockt; oder der Wilde-Mändle-Tanz, der der Überlieferung nach in die keltische Zeit vor mehr als 2000 Jahren zurückreicht und nur alle fünf Jahre aufgeführt wird. Verbreitet waren die „Wilden Mändle“ dabei einst über das ganze Alpengebiet. Erhalten hat sich der Tanz in seiner Urform nur an einem einzigen Ort: in Oberstdorf am südlichsten Zipfel des Landkreises Oberallgäu.

Der Artikel ist in „Schönes Schwaben“ erschienen.

Eine der bekanntesten Naturattraktionen im Oberallgäu: die Breitachklamm.

Foto: Michaela Schneider