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Von Michaela Schneider

Berlin Die meisten Menschen der modernen Welt kennen sie nicht mehr: echte, dunkle Nacht. Stattdessen sind Menschen, Tiere und Pflanzen ständiger Dauerbeleuchtung ausgesetzt. Das führte unter anderem dazu, dass nach einem Stromausfall in Los Angeles besorgte Bürger wissen wollten, was das für eine komische Wolke am Himmel gewesen sei. Die Behörden konnten beruhigen: Es handelte sich um die Milchstraße. Das Fatale des Nachtverlusts: Über Millionen von Jahren hatten sich Lebewesen dem Wechsel von Tag und Nacht angepasst – innerhalb weniger Jahrzehnte ist die echte Dunkelheit aus weiten Teilen der Erde verschwunden. Und es wird heller und heller: Nach ersten Berechnungen beträgt der weltweite Zuwachs an künstlicher Beleuchtung durchschnittlich sechs Prozent pro Jahr - mit gravierenden Folgen. Wissenschaftler untersuchen deshalb seit dem Jahr 2009 in einem interdisziplinären deutschlandweiten Forschungsverbund mit der Zentrale in Berlin gemeinsam die ökologischen, gesundheitlichen, kulturellen und sozioökonomischen Auswirkungen. Leiter des Leibniz-Projekts „Verlust der Nacht“ ist der Biologe Dr. Franz Hölker.

 

„Jede einzelne Lichtquelle kann Einfluss auf lichtempfindliche Organismen nehmen“, betont der Biologe. Dabei spielen Lichtstärke, Farbspektrum, Zeitpunkt und Dauer der Beleuchtung eine Rolle. Untersuchungen hätten ergeben: Auch Menschen reagierten auf bestimmtes Licht unterschiedlich, vor allem auf Blautöne, die zwar tagsüber die Konzentration erhöhen. Störungen bei Nacht indes könnten sich negativ auf den Organismus auswirken – bis dahin, dass Schichtarbeit von manchem Forscher als krebserregend eingestuft wird.

 

Licht als Störfaktor in der Tierwelt indes habe nahezu jeder Mensch schon beobachten können. „Insekten werden von einer Lampe angezogen und sind dann desorientiert“, so Hölker. Andere Tiere – etwa Frösche – würden von hellem Licht geblendet. Es dauere bis zu einer Stunde, bis sie sich wieder orientieren könnten. Auf der anderen Seite wüssten sich manche nachtaktive Räuber Lichtquellen zunutze zu machen – zum Beispiel, Insektenjäger an Straßenlaternen. Experten sprechen vom Staubsaugereffekt, denn: Organismen werden durch Lichtquellen permanent aus benachbarten Ökosystemen gezogen, dort fehlen sie dann. Auch im Wasser kann Licht deutliche Auswirkungen haben. „Ein wandernder Fisch kann viel Zeit und Energie an einer beleuchteten Brücke verschwenden – diese fehlt ihm vielleicht, um seinen Laichplatz rechtzeitig zu erreichen“, beschreibt der Biologe. Zudem komme es vor, dass Vogelschwärme stundenlang um einen Skybeamer kreisen, statt weiter gen Süden zu ziehen. Auch die Insektendrift im Wasser funktioniere an manchen Orten nicht mehr. Diese bedeutet, dass die Tiere die Strömungen im Wasser nutzen, um sich fortzubewegen – und dies geschieht meist nachts, wenn weniger Räuber lauern. „Wenn es aber zu hell ist, sind visuelle Räuber plötzlich in der Lage, nachts zu jagen – das Driften wird gefährlich und die Tiere trauen sich nicht aus ihren Verstecken“, erläutert Hölker. So laufen derzeit im Rahmen des Projekts „Verlust der Nacht“ unter anderem Experimente zu verzerrten Nahrungsnetzen.

 

Hölker prognostiziert eine Bandbreite an weiteren Folgen: Mit dem Verlust der Nacht könnten lichtempfindliche Arten lokal aussterben, andere Tierarten wie manche Fledermäuse oder Spinnen indes werden voraussichtlich profitieren. Heißt:  Die Artenvielfalt wird sich verändern. Auch werden evolutionäre Prozesse beeinflusst. „Nachtaktivität war ein wichtiger Schritt in der Evolution. Manche Arten werden sich an die neuen Bedingungen evolutionär anpassen können, andere jedoch nicht“, so der Biologe. Zudem geht er von Veränderungen in den Ökosystemen aus – unter anderem, weil die Zahl nächtlicher Bestäuber wie Motten zurückgehen könnte.  

 

Und auch an der Spezies Mensch werde der Verlust der Nacht nicht folgenlos vorbeischreiten, vermutet Hölker und stellt die These in den Raum: „Wir befinden uns in einem Selbstversuch mit ungewissem Ausgang.“ Eine ganze Liste an Fragen wirft er auf: Was mit dem lichtgesteuerten Hormonhaushalt passiere oder wie es um Erholung ohne echte Dunkelheit stehe, zum Beispiel. Fragen, die auch gesellschaftsökonomisch von Interesse sind: Auswirkungen wie Schlafstörungen und Beleuchtungsstress könnten für die Gesellschaft unterm Strich Kosten verursachen. Untersuchungen belegten bereits: In sehr beleuchteten Gegenden sei die Zahl der Prostata- und Brustkrebspatienten besonders hoch. Allerdings relativiert der Biologe: Welches Gewicht hierbei die Beleuchtung selbst einnimmt und welche Rolle etwa andere urbane Stressoren spielen, sei noch nicht untersucht.

 

Die positive Nachricht: Es gibt laut Hölker durchaus Stellschrauben, um den Einfluss des Lichts auf die Umwelt zumindest zu beeinflussen – etwa durch die Lichtstärke und eine gezielte, kontextbezogene Beleuchtung, die Auswahl geeigneter Farbspektren, den Zeitpunkt sowie die Dauer der Beleuchtung und die Abstrahlgeometrie. So könne Licht energieeffizienter und gesünder eingesetzt werden – ohne Nachteile für die Sicherheit. Dabei ist der Forschungsbedarf auf dem bislang kaum untersuchten Gebiet extrem hoch - und die Projektgruppe „Verlust der Nacht“ nimmt mit ihrem interdisziplinären Ansatz eine absolute Vorreiterrolle ein. Auch in der Politik kommt das Thema erst langsam an, lediglich in Slowenien gebe es eine staatliche Lichtverordnung, zudem in verschiedenen Ländern regionale Regulierungen rund um Observatorien. In der deutschen Hauptstadt Berlin indes ist die Problematik – sicherlich auch durch die Arbeit der Projektgruppe – präsent: Hier gibt es mittlerweile sogar einen eigenen Lichtbeirat.

 

 

 

Infokasten: Über die Projektgruppe „Verlust der Nacht“

 

Der Leibniz-Forschungsverbund „Verlust der Nacht“ hat sich im Frühjahr 2009 auf Initiative des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) gegründet und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Berliner Senat gefördert. Dem Verbund gehören verschiedene Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft und verschiedene Universitätsinstitute an. Wissenschaftler untersuchen hier erstmals gemeinsam die ökologischen, gesundheitlichen, kulturellen und sozioökonomischen Auswirkungen sowie die Ursachen für die zunehmende Beleuchtung der Nacht. Als Partner des Wissenschaftsjahres 2012 „Zukunftsprojekt Erde“ kommuniziert es zudem die Thematik an die breite Öffentlichkeit. Projektleiter der Forschungsplattform ist der Biologe Dr. Franz Hölker. Als langjähriger Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin zählt – neben der Lichtverschmutzung – auch die Gewässerökologie zu seinen Forschungsschwerpunkten.

 

Der Artikel ist unter anderem  im Fränkischen Tag erschienen.

Forscher beleuchten den Nachtverlust

 

Biologie Echte Dunkelheit gibt es in der modernen Welt kaum mehr - Interdisziplinärer
Forschungsverbund setzt sich mit den Ursachen und Folgen für Mensch und Natur auseinander

          

„Wir befinden uns in einem Selbstversuch mit ungewissem Ausgang.“

 

(Biologe Dr. Franz Hölker)

 

Sieht schön aus, aber bedeutet vor allem auch für die Tierwelt eine Herausforderung: die nächtliche Beleuchtung in Großstädten, hier in Prag.    Foto: Michaela Schneider

 

Große Augen, große Ohren: Das australische Possum hat sich im Zuge der Evolution auf Dunkelheit eingestellt.      

 Foto: Michaela Schneider

Verschiedene Farbspektren beeinflussen lichtempfindliche Organismen unterschiedlich. Im Bild: Straßenbeleuchtung im vietnamesischen Saigon.

Foto: Michaela Schneider