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Fotos: Michaela Schneider

Kirchliches Museum überschreitet Grenzen
Diözese „Museum am Dom“ in Würzburg feiert seinen zehnten Geburtstag


Von Michaela Schneider

Würzburg Besucher begegnen im „Museum am Dom“ in Würzburg einem spannenden Miteinander und Gegenüber: Kunstwerke vom 10. bis ins 21. Jahrhundert  regen zum Nachdenken an. Vom 10. bis 13. Oktober feiert die Diözese nun den zehnten Geburtstag des Museums. Im Interview blickt Domkapitular Dr. Jürgen Lenssen auf seine Geschichte, aber auch auf die Intention des Kunsthauses zwischen Dom und Neumünster. 1989 war Lenssen zum Leiter des Bau- und Kunstwesens der Diözese berufen worden, 1997 wurde das erste der diözesanen Museen eröffnet. Heute betreut die Diözese acht Museen, das „Museum am Dom“ bezeichnet Lenssen als das Flaggschiff.


Das Museum am Dom feiert seinen 10. Geburtstag. Unter welchen Vorgaben wurde es 2003 eröffnet?

Dr. Jürgen Lenssen:  Dafür muss man zurückblicken, denn: Schon bei der Diözesansynode 1931 wurde der Beschluss gefasst: „Die Errichtung eines Diözesanmuseums ist in die Wege zu leiten.“ Bis die Weichen dazu gestellt waren, sollte es dauern. 1989 wurde ich von Bischof Dr. Paul-Werner Scheele zum Leiter des Bau- und Kunstwesens der Diözese berufen. Klare Prämisse war damals noch: Es wird kein Diözesanmuseum geben. Man war der Meinung, das Mainfränkische Museum decke in Würzburg den kultur- und kunsthistorischen Bereich bereits ab. Es kostete mich viel Überzeugungsarbeit, um zu vermitteln: Es gibt für ein diözesanes Museum auch einen anderen Ansatz. Meine Idee war: Ein Museum muss die Menschen berühren und zum Nachdenken bringen.


Und dann haben Sie angefangen, geeignete Kunstwerke zu sammeln…

Lenssen: Alte Stücke ab dem 10. Jahrhundert waren vorhanden. Doch wollten wir alte und neue Kunst nebeneinander zeigen. Dafür habe ich viele Galerien besucht und bin selbst zu Künstlern gefahren. Mein Kriterium bei der Auswahl war: In welchen Werken werde ich als Mensch ohne langen Text angesprochen? Wo spüre ich etwas beim Betrachten? Heute sind im Museum rund 200 Werke zu sehen. Der Bestand beläuft sich im modernen Bereich insgesamt auf rund 20000 Werke, diese Sammlung ist erst ab 1990 entstanden. Davon haben wir aber nur einen Bruchteil erworben, sehr viel wurde gestiftet, zum Teil ganze Nachlässe - zum Beispiel 4000 Werke von Jehuda Bacon.


Mit Jehuda Bacon werden Werke eines jüdischen Künstlers im diözesanen Museum gezeigt. Ist das nicht recht ungewöhnlich?

Lenssen: Für mich persönlich ist es phänomenal, dass ein jüdischer Künstler aus Israel seinen Nachlass einem kirchlichen Museum in Deutschland hinterlässt. Die Religion oder Konfession der Künstler spielen für uns keine Rolle bei der Auswahl der Kunstwerke. Bei den Museumsbesuchern beobachten wir immer wieder: Sie sind überrascht, dass ein kirchliches Museum Grenzen überschreitet und Kunst zeigt, ganz unabhängig vom kirchlich-sozialen Hintergrund. Dadurch erreichen wir Menschen, die wir sonst als Kirche nicht erreichen würden. Unter unseren 50000 bis 60000 Besuchern im Jahr sind Gäste aller Religionen und aus aller Welt.  


Spannend ist auch, dass sie alte und neue Kunst im direkten Nebeneinander präsentieren. Welches Konzept steht dahinter?

Lenssen: Die Bereiche im Museum sind jeweils mit einem Verb überschrieben, es geht um gewisse Grundhaltungen des Menschen. Verben wie „hoffen“, „leiden“ oder „bezeugen“ stehen jeweils dezent auf einer Wand, damit wollen wir die Menschen bitten, die Augen zu öffnen und sich über die Kunst mit sich selbst, mit der Welt und vielleicht auch mit Gottes Sicht auseinanderzusetzen – bewusst und unbewusst. Dabei stehen Werke aus 1000 Jahren Seite an Seite, alte Kunst verliert ihre historische Einschätzung als Antiquität und wird aktuell. Neue Kunst wird erfahrbarer. Jeder hat ja von den Menschen und seiner Umwelt bestimmte Bilder im Kopf. Die Gefahr besteht, dass wir diese Bilder absolut setzen. Genau diese Absolutsetzung von Bildern wollen wir im Museum am Dom sprengen. Das Spannende ist: Diese Vermittlung kommt von einer Seite, von der es viele Menschen nicht erwarten.


Welches Werk im Museum ist Ihnen persönlich besonders ans Herz gewachsen?

Lenssen: Die Pieta von Käthe Kollwitz. Ich kam 1990 nach Berlin und flüchtete mich während eines Wolkenbruchs zufällig in das Auktionshaus Villa Grisebach. Dort erfuhr ich, dass die Pieta just an dem Tag eingeliefert worden war – und so landete sie statt in der Auktion in der Sammlung des zukünftigen Würzburger Museums. Es handelt sich um einen Erstguss von 1937, davon gibt es insgesamt drei. Käthe Kollwitz hatte im ersten Weltkrieg ihren Sohn verloren,  mehr als 20 Jahre später schuf sie die Pieta als ihr vielleicht persönlichstes Werk. Die Mutter ähnelt einer Bettlerin, sie hat die Augen geschlossen, den Kopf nach unten gerichtet. Der tote Sohn ist in ihren Schoß zurückgekehrt und hat die Augen leicht geöffnet. Er richtet sich auf die Auferstehung aus, während der lebendige Mensch die Augen verschließt.


Ein Blick auf das Museumsgebäude: Welche Idee steht dahinter?

Lenssen: Architekt Jürgen Schädel schuf 2003 einen Bau, der gegenüber den Nachbarbauten Neumünster und Dom bewusst zurückhaltend wirkt. Einbeziehen wollten wir zudem den Vorplatz als Einstimmung auf die beiden Kirchen und das Museum, zudem sollte die vormalige Verwendung als Friedhof sichtbar werden. Neun Kunstobjekte stehen heute auf dem Platz, darunter mit der Pieta von Werner Stötzer und dem Sitzenden von Maria Lehnen zwei Auftragswerke. Der Innenraum des Museums besteht aus einer weiten Halle mit Lichterdecke. So fühlt man sich nicht eingeengt, einzelne Abschnitte entstehen durch Trennwände mit Durchblicken.


Noch eine Frage  zur Pieta vom Käthe Kollwitz: Sie haben sie vorhin angefasst. Ist das erlaubt?

Lenssen (lacht)…: Schauen Sie sich die Pieta an, sie ist am Kopf ganz abgegriffen. So sah sie bereits aus, als wir sie erworben haben.  Es gibt Frauen, die regelmäßig zu uns ins Museum kommen, vor der Pieta wie vor einem Wallfahrtsbild sitzen oder sie streicheln. Vielleicht haben diese Frauen selbst ein Kind verloren. Ich finde es unheimlich schade, wenn Objekte im Museum steril werden. Ein Höhepunkt in der Geschichte des Museums war übrigens für mich, als wir erstmals Führungen für blinde Menschen anboten. Sehr filigrane, kostbare Kunst steht in Vitrinen – Objekte im Raum dagegen dürfen die Menschen mit allen Sinnen erfahren. Zum Beispiel die Pieta.

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Der Artikel  ist im  Main-Echo erschienen.