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Barrieren gibt’s nur in den Köpfen


von Michaela Schneider

Wertheim/Wien „Oft kann ein Schicksal ein wirkliches Geschenk sein. Es rückt die Prioritäten zurecht. Schließlich weiß keiner von uns, ob er am nächsten Tag noch da sein wird oder nicht.“ Michael Herolds Augen leuchten, während er über sein Leben erzählt – ein Leben, das kaum erfüllter sein könnte, denn oberste Maxime des Unterfranken ist es, keine Wünsche aufzuschieben. Der junge Mann aus Wertheim hat die Welt bereist und eine Zeit lang in Neuseeland gelebt.  Er arbeitet in internationalen Teams als 3D-Animator, wirkt zurzeit an einer Filmproduktion in Wien mit. Er war in der Karibik tauchen und ist vom Skytower in Auckland gesprungen. Das alles klingt schon für sich nach großen  Abenteuern. Doch mit Abenteuer sind diese Erlebnisse erst recht verbunden, weil Michael Herold an einer schweren Form von Muskelschwund erkrankt ist.


Als Michael drei Jahre alt war, merkte die Mutter, dass sich der Junge beim Treppe steigen viel schwerer tat als Gleichaltrige. Eine Diagnose ließ nicht lange auf sich warten, allerdings zunächst die verkehrte:  Das Kind werde nicht bis zum Teenager-Alter leben, prognostizierten die Ärzte. Ein gutes Jahr später folgte mit Spinaler Muskelatrophie die richtige Diagnose, Mediziner redeten nun von einer höheren Lebenserwartung. Michael selbst hat seine ganz eigene Erklärung: „Ich glaube, irgendwann hat meine Erkrankung aufgegeben und ihren Job an den Nagel gehängt. Es war wohl zu viel Arbeit, mich klein zu kriegen.“


Seine Kindheit sei recht normal verlaufen. Im Sportunterricht sei er nicht benotet worden, aber immer dabei gewesen. Auch wenn die Freunde am Nachmittag tobten, machte Michael mit: „Ich war halt der, der nicht bis in die Baumspitze hochkam.“ Mit den Wachstumsschüben verschlimmerte sich der Muskelschwund: „Das kam schleichend. Irgendwann konnte ich mich zum Beispiel nicht mehr  vorbeugen und den Rucksack aufheben.“ Heute kann er am Stück mit Stock noch rund 100 Meter laufen, ist bei längeren Strecken auf den Rollstuhl angewiesen. Diese Erfahrungen prägten den heute 36-Jährigen früh: „Ich bin gewohnt, dass mir Sachen weglaufen. Deshalb schiebe ich nichts auf.“ Und das ist übrigens nur einer von sieben Gründen, weshalb der junge Mann seine Behinderung liebt, wie er in seinem Blog www.michaelherold.de schreibt.


Ehe Michael begriff, dass sein Leben nicht trotz, sondern gerade wegen der Behinderung derart erfüllt sei, durchlief er eine schwierige Phase. „Ich hatte keine Arbeit, es ging mir schlecht“, erinnert er sich an einen Morgen am Frühstückstisch. Bei einer Tasse Kaffee griff er zu Stift und Papier und notierte, was er alles tun würde, wenn er gesund wäre. „Das war für mich ein Manifest ans Leben nach dem Motto „Wegen Dir, Krankheit, habe ich das alles nicht.“ Als die Liste mit ungefähr 20 Punkten auf dem Tisch lag, stand der Wunsch, einmal Drachen zu fliegen, an erster Stelle. In  dem Moment machte es das berühmte Klick im Kopf: „Ich beschloss, ich mach`s trotzdem!“ Das Problem: Ohne Anlauf, schafft man‘s selbst beim Tandemflug nicht in die Luft. Michael ließ sich nicht entmutigen und nach unzähligen Anrufen und vielen Absagen fand er tatsächlich einen Drachen mit Fahrgestell. „In der Luft übergab mir der Pilot plötzlich die Lenkstange.   In dem Moment war ich wieder ein vierjähriger Junge, der sagt: Ich kann alles“, erinnert sich der 36-Jährige.


Stück für Stück „arbeitete“ er seine To-do-Liste ab: Ein Freund jobbte damals in Neuseeland und sagte: Komm vorbei, wenn Du Lust hast“, erzählt er. Michael hatte Lust. Eigentlich hätte er mit Blick auf die Gesundheit zu jener Zeit einen Rollstuhl gebraucht, setzte sich trotzdem mit nichts als einem Koffer ins Flugzeug nach Neuseeland. Er besorgte sich ein Auto, eine Wohnung, Arbeit und fand neue Freunde. „Ich sah, was ich mir in kurzer Zeit aufbauen kann. Das gab mir viel Kraft.“

In den vergangenen Jahren arbeitete Michael als 3D-Animator an großen Produktionen wie „Die Pinguine aus Madagaskar“ mit. Er absolvierte im Rollstuhl in den USA eine Ausbildung zum Fitnesstrainer. Er flog in einem Kunstflugzeug, übrigens inklusive Ohnmacht. Er tauchte und tanzte. Und als er den ersten Rollstuhl erhalten hatte, ging es mit einem Freund auf direktem Weg nach Südtirol, um auf den Mountainbike-Strecken im Gebirge auszutesten, was das Gefährt alles kann.


Die 20-Punkte-Liste ist inzwischen nahezu abgearbeitet, nur der Punkt „Japanisch lernen“ ist noch offen - ganz einfach, weil es dafür einmal ausführlich Zeit am Stück bräuchte. Und danach? Michael Herold wäre nicht Michael Herold, wenn die nächste To-do-Liste nicht längst heranwüchse. Der eigene Flugschein steht zum Beispiel darauf, einen Film drehen, ein Buch schreiben und eine Reise nach Japan machen.  Dabei können Reisen auf eigene Faust mit Rollstuhl vor echte Herausforderungen stellen. Das erlebte der Unterfranke während einer Thailandtour: „Bangkok ging gar nicht, ich kam nicht einmal über die Straßen rüber.“ Weil Gehsteige viel zu hoch waren und Straßenüberführungen mit Stufen unüberbrückbare Hindernisse darstellten. Doch Michael nimmt Probleme gelassen, schreibt in seinem Blog: „Ich habe mich einfach daran gewöhnt, außerhalb meiner Komfortzone zu leben. Ich habe gelernt, mir über Probleme erst dann einen Kopf zu machen wenn sie auftreten. Mit der Zeit verliert man seine Ängste und Sorgen. Es wird sehr, sehr friedlich da draußen.“ In Thailand fuhr er kurzerhand weiter Richtung Süden.


Dass der 36-Jährige Dinge tun kann, von denen andere Menschen – mit oder ohne Behinderung – nur träumen, führt er selbst auf vier Bausteine  zurück: eine gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf, regelmäßigen Sport und Lebensfreude. „Ich gebe meinem Körper einfache keine Gelegenheit auf Memme zu machen“, sagt er und lacht. Und überrascht damit selbst seine Ärzte immer wieder: „Ich kann meine Gesundheit vier Jahre zurückspulen, entgegen aller Prognosen.“ Schreitet die Krankheit trotzdem wieder ein Stück voran, akzeptiert‘ s der Unterfranke. Seit September 2014 lebt er aus beruflichen Gründen in Wien. Vorher schaffte er es einen Kilometer am Stück zu laufen. Inzwischen sind`s nur noch 100 Meter – vor allem, weil die Winter an den Kräften zehren: „Liegt Schnee, stürze ich sofort, weil Muskelmasse fehlt.“ Und auch, weil es ohne wärmende Muskulatur schlichtweg im Freien zu kalt für seinen Körper  ist, kann Michael die Wohnung kaum verlassen bis zum Frühjahr.  


Die Zeit nutzte er heuer zum Arbeiten. In der Teamleitung eines Animationsteams in Wien arbeitet er an einer neuen Fernsehserie: „Talking Tom and Friends“. Eigentlich hatte Michael übrigens zunächst Informatik im Schwarzwald studiert, hängte dann via Fernschule eine Ausbildung zum Charakter-Animateur an. „Man ist eher Schauspieler als Zeichner“, beschreibt er seine Arbeit. Und wieder ist da eine scheinbare Barriere, die Michael Herold als Chance begreift. „Soll eine animierte Figur wütend vom Stuhl aufstehen, filmen sich meine  Kollegen selbst. Ich kann das nicht.“ Der 36-Jährige behilft sich, indem er andernorts nach Anregungen sucht – und unterm Strich oft zu kreativeren Ergebnissen kommt. „Mir hilft zudem, dass ich ständig über meine eigenen Bewegungen nachdenken muss. Auch dadurch fällt mir die Umsetzung manchmal leichter.“


Während der junge Mann mit dem auffälligen Tattoo am Kopf erzählt, leuchten seine Augen. Seiner Lebensfreude kann und will man sich nicht entziehen. Eine Gabe, die der 36-Jährige mittlerweile auch in Vorträgen nutzt, um Menschen mit und ohne Behinderung seine wichtigste Botschaft zu vermitteln: Barrieren existieren nur in den Köpfen.  „Ich hätte früher gerne jemanden gehabt, der mir das sagt, aber ich kann nun mal nicht mit einer Zeitmaschine zurückreisen. Jetzt will ich`s zumindest anderen vermitteln“, erklärt Michael seine Motivation. Zurzeit spricht er vier bis fünf Mal im Jahr – mal vor Studenten, aber zum Beispiel auch schon in Luxemburg vor Parlamentsmitgliedern. Mehr Vorträge? Jederzeit, denn wenn er am Abend nur einen einzigen Menschen mit seiner Botschaft erreiche, mache ihn das glücklich, so der Unterfranke.




Der Artikel  ist unter anderem  im Fachmagazin „Behinderte Menschen“ erschienen.