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Von Michaela Schneider

 

Würzburg Freundlich blicken die hölzernen Masken aus den Vitrinen. Heiter rotbackig, manche mit gezwirbelten Bärten, sehen die edlen Männergesichter ganz anders aus, als die furchterregenden Hexen und Dämonen der alemannischen Fasnacht. Tatsächlich konnte sich in der Rhön ein ganz eigenes Fastnachts-Brauchtum  entwickeln – und wird bis heute von der Bevölkerung gelebt. In Gruppen ziehen die Narren an den tollen Tagen vor Lichtmess bis zum Sonntag nach Aschermittwoch alljährlich durch die Dörfer. Eine Sonderausstellung im Mainfränkischen Museum auf der Festung in Würzburg beschäftigt sich nun mit „Schlappmaul, Strohmann und Mädle“.

 

Zu sehen sind insgesamt 32 Fastnachtsmasken, gefertigt wurden sie über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren. Die hölzernen Leihgaben in der Sonderausstellung stammen aus dem Rhönmuseum Fladungen, Kunst geht damit erneut in Mainfranken auf Reisen. Das Rhönmuseum wird derzeit generalüberholt und ist geschlossen, deshalb bot sich die Kooperation der beiden Häuser zum jetzigen Zeitpunkt an – zumal auch das Mainfränkische Museum einst Rhönmasken im Bestand hatte, doch verbrannten sie allesamt beim Bombenangriff auf die Stadt am 16. März 1945.

 

Zwar ist der Platz in der Sonderausstellung auf einen Raum begrenzt, trotzdem ermöglicht ein durchdachtes Konzept einen zentrierten Einblick ins traditionelle Rhöner Fastnachtstreiben. Die Ausstellung ist dabei chronologisch aufgebaut, die Vitrinen sind laut Ausstellungsleiterin Dr. Kathrin Brandmair einzelnen Bildschnitzerfamilien gewidmet, konzentrierte Information liefern Textfahnen an der Wand. Figurinen veranschaulichen, wie die speziellen Kostüme – über die Maske hinaus – bis heute aussehen, vom „Blauen Jöüd“ aus Weisbach über den vollständigen vermummten Strohmann aus Oberelsbach bis hin zur Bastheimer Hexe im Grenzgebiet zur Rhön. Großformatige Fotografien zeigen zudem Fastnachtsszenen aus heutiger Zeit. In einer Vitrine kann nachvollzogen werden, wie eine Maske entsteht. Kostenpunkt heute: Zwischen 200 und 1000 Euro, je nachdem, wie aufwändig sich das Kunstwerk gestaltet. Ergänzt wird die Ausstellung schließlich noch um einen 45-minütigen Film des Bayerischen Fernsehens zu Rhöner Fastnachtsbräuchen.   

 

Die ältesten Masken in der Ausstellung stammen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – und sie seien ihrer Ansicht nach die schönsten, sagt Dr. Astrid Hedrich-Scherpf von der Kulturagentur Rhön-Grabfeld beim Rundgang. In gezwirbelten Bärten und der geschnitzten Haartracht spiegelt sich das Zeitalter des Biedermeier wieder. Die Masken seien mehr vom Theater, denn vom Alemannischen inspiriert, betont Hedrich-Scherpf. Verkleidet habe man sich schon früher, die komplette Vermummung inklusive Masken indes geht auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. In jener Zeit begann sich die Bevölkerung gegen die Obrigkeit aufzulehnen, die Tradition der Holzmaskerade entwickelte sich aus politischer Motivation heraus – anonym ließ sich besser Schabernack treiben. „Die komplette Vermummung ist bis heute in der Rhön ganz wesentlich. Wer erkannt wird, geht sofort in die nächste Scheune und tauscht die Kleider“, sagt Astrid Hedrich-Scherpf. Auch lohnt ein genauerer Blick auf die Holzschnitzereien. Manche Maske durchzieht ein Sprung oder musste repariert werden, denn: Die Männer machten und machen sich einen Spaß daraus, sich gegenseitig zu demaskieren – und dabei geht schon einmal der ein oder andere  Gesichtsschmuck zu Bruch.

 

Mit ein Grund, dass sich die spezifische Holzmasken-Tradition in der Rhön herausbildete, war einst sicherlich, dass die Bewohner des kargen, bewaldeten Landstrichs neben der Landwirtschaft nach neuen Einnahmequellen suchten. Und so schnitzten die Rhöner Handwerker ab der Mitte des 19. Jahrhunderts neben Gebrauchsgegenständen wie Holzschuhen oder Besteck auch Rhönwackler, Krippenfiguren – und Fastnachtsmasken.

 

In der Ausstellung zu erkennen ist: Die Ortschaften in der Rhön entwickelten nicht nur ihre eigenen Bräuche, sondern auch spezifische Gestalten. Dabei ähneln sich zwar die meisten Masken, die Kostüme indes variieren. Typisch für Oberelsbach etwa: der prall mit Stroh ausgestopfte „Strohmann“.  In Weisbach, dem eigentlichen Fastnachtszentrum, ziehen die „Blauen Jöüd“ zusammen mit dem Hanswurst durch den Ort. Gerade die Gestalt des „Blauen Jöüd“ ist dabei urtypisch. Seine Figur sei nicht von antisemitistischer Bedeutung, auch jüdische Mitbürger trugen laut Hedrich-Scherpf die Maske. Wie die Kleidung auszusehen hat, zeigt eine lebensgroße Nachbildung: schwarze Stiefel, weiße Hose, blauer Kittel, weißes Halstuch – und dieses wird traditionell mit einer Streichholzschachtel verschlossen. Auf dem Kopf trägt der „Blaue Jöüd“ einen Filzhut und eine „Krone“ aus bunten Papierbändern.  

 

Eine interessante Verkleidung zeigt eine andere Figurine: Sie trägt einen überdimensionierten Napoleonhut – wohl zur Verballhornung der Franzosen im 19. Jahrhundert. Verziert wurden die Hüte dann laut Hedrich-Scherpf schön bunt mit Tapeten oder Stoffresten. Anders als die Herrengesichter in den ersten Vitrinen, folgt in der Ausstellung später mit der Schlappmaulmaske auch ein gruseligerer Anblick. „Sie sollte erschrecken“, sagt Hedrich-Scherpf. Und zwar nicht nur mittels imposanter Hakennase und riesigem Mund. Tatsächlich ist das Schlappmaul die einzige Rhöner Maske mit beweglichem Unterkiefer. Läuft sein Träger durch den Ort, klappert der Mund schaurig auf und ab.

 

Eine Vitrine widmet sich Mädchen- und Frauenmasken. Die allerdings sind bis heute eher selten in der Rhöner Fastnacht. In Oberelsbach entstanden die ersten Närrinnen-Masken zwischen 1850 und 1860, in Weisbach gehen sie auf den Schnitzer Albin Hergenhan zurück (1876 – 1948). Und auch die Frauenmasken zeigen keine Fratzen oder Hexen wie im Alemannischen, sondern weitestgehend hübsche Gesichter. Allerdings verbargen sich dahinter im 19. Jahrhundert keine Frauen, sondern ebenfalls Männer. Das sollte sich laut Hedrich-Scherpf um 1900 ändern, als langsam auch die ersten weiblichen Narren bei der Fastnacht durch die Straßen zogen. Heute ist es gang und gebe, dass beide Geschlechter in den wilden Tagen unterwegs sind.

 

Drei recht eigenartige Masken blicken schließlich aus einer Vitrine am Ende der Ausstellung: Eine von ihnen ist geschwärzt, die beiden anderen sind marmoriert. Nach dem zweiten Weltkrieg spielten hier wohl militärische Einflüsse hinein, vermutet Hedrich-Scherpf.   

 

 Stellt sich abschließend noch die Frage, ob eine Fastnachtsausstellung in die Vorweihnachtszeit passt. Museumsleiterin Dr. Claudia Lichte antwortet mit einem klaren „Ja“, denn: Die Winterausstellung bis zum 17. Februar 2013 soll vor allem auch den Auftakt zum Jubiläumsjahr bilden. 2013 feiert das Mainfränkische Museum in Würzburg seinen 100. Geburtstag. „Da ist die Sonderausstellung ideal, um die bösen Geister auszutreiben“, sagt Museumsleiterin Dr. Claudia Lichte mit einem Augenzwinkern.

 

Vom schaurigen Schlappmaul und edlen Herrengesichtern

Sonderausstellung im Mainfränkischen Museum in Würzburg zeigt Fastnachtsmasken aus der Rhön

 

 

          

Der „Strohmann“ ist eine Gestalt aus Oberelsbach, Ziel ist die komplette Vermummung.

 

Fotos: Michaela Schneider

                                                                                                                                            

 Fotos: Michaela Schneider

Über die Sonderausstellung

 

Öffnungszeiten: Die Sonderausstellung „Schlappmaul, Strohmann, Mädle“ ist bis zum 17. Februar 2013 während der Öffnungszeiten des Mainfränkischen Museums auf der Würzburger Festung zu sehen, das heißt Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 16 Uhr. Am 24., 25. und 31. Dezember ist das Museum geschlossen.

 

Sonderführungen: Führungen durch die Sonderausstellung finden statt am 25. November um 14.30 Uhr, am 13. Januar 2013 um 14.30 Uhr sowie am 17. Februar um 11 Uhr.

 

Vorträge: Am Mittwoch, 16. Januar 2013 um 17.30 Uhr wird Prof. Dr. Wolfgang Brückner über „Schnitzen in der Rhön“ referieren. Am 30. Januar um 17.30 Uhr spricht Kreisheimat- und Archivarpfleger Reinhold Albert über „Fastnachtsbräuche in Rhön und Grabfeld.

 

Familiennachmittage: An den Familiennachmittagen werden Fastnachtsbräuche in kurzen Führungen erklärt und Familien können in kleinen Werkstätten Masken, Ratschen und anderes Fastnachtszubehör basteln. Die Termine (jeweils 13 bis 16 Uhr): 18. November, 2. Dezember, 27. Januar 2013 und 17. Februar 2013. Hinzu kommen zwei Workshops in den Ferien für Kinder ab 8 Jahren jeweils von 10 bis 13 Uhr am 3. Januar und am 14. Februar 2013.

 

Sonderaktionen: Bei „Columbinas Magischen Maskenballett“ wird die Theaterwerkstatt Eisingen am Sonntag, 13. Januar, um 17.30 Uhr angelehnt an die italienische Comedia Dell ‘arte verrückte, komische und liebenswerte Maskenfiguren zum Leben erwecken. Karten im Vorverkauf an der Kasse des Mainfränkischen Museums. Ein Rhöner Kunsthandwerksmarkt inklusive Werkstätten zum Kreativwerden findet am 20. und 21. Januar 2013 zwischen 10 und 16 Uhr statt. Vom 25. bis 27. Januar 2013, 9 bis 17 Uhr, bieten die Holzbildhauer Claudia Fink und Roland Ehmig einen Rhöner Maskenschnitzkurs im Museum an, Anmeldung unter Telefon 0931/2059429. Familienfasching mit buntem Programm auf der Festung Marienberg am 2. Februar 2013.

Oben ein Fastnachtsnarr mit überdimensionalem Napoleonhut, einstmals zur Verballhornung der Franzosen. Unten eine  eher untypische Maske: der „Wilde Jöüd“ aus Wargolshausen. Im Gegensatz zum „Blauen Jöüd“ spiegeln sich in der Vermummung die einstigen Vorurteile gegenüber dem Rhöner Landjudentum wider.

Spezifisch für den „Blauen Jöüd“: Neben der Maske ein weißes Halstuch, das mit einer Streichholzschachtel befestigt wird, ein Hut und eine „Krone“ aus bunten Bändern.

Rote Bäckchen, hübsch gezwirbelter Bart: die edlen Herrengesichter der Rhön unterscheiden sich komplett von den Fratzen der allemannischen Fastnacht.

Der Artikel ist  unter anderem  im Main-Echo erschienen.

Blick in den Ausstellungsraum im Mainfränkischen Museum.