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Land der langen, weißen Wolke

 

von Michaela Schneider

 

„Chancengleichheit – davon kann doch keine Rede sein!“ Paul gestikulierte aufgebracht, während er mit Elke diskutierte. Die beiden standen mit einer Tasse Tee im Besucherraum des Maori-Zentrums. Vor seinem Neuseeland-Urlaub hatte Paul viel gelesen über die indigene Bevölkerung am anderen Ende der Welt. Hatte von sozialer Benachteiligung und illegalen Landenteignungen gehört.

Die Worte der alten Dame hatten ihn nun empört. Ihren Enkeln stünde die Welt rundum offen, genauso wie den Kindern der Weißen, hatte die Maori im adretten Kostüm voller Überzeugung erklärt. Sicher besuchten die Mädchen und Buben eine Schule, hatte sie auf die nächste Frage geantwortet. Sie selbst sei die Lehrerin in der rund 80 Mann starken Familie und lehre die Kinder das uralte Wissen der Ahnen, Rechnen und Schreiben ebenso wie später - mit elf oder zwölf Jahren - die englische Sprache.

 

Anschließend meldete  sich der Enkel der Dame selbst zu Wort. Mahora hatte berichtet, wie sein Onkel ihm das Kämpfen, Fischen und Jagen beigebracht hatte. Wie die Alten die Mythen und Legenden des Stammes erzählten. Und er hatte vom Geburtstag seiner Grandma am Strand berichtet. Bis in die Nacht waren die Gesänge seines Volkes erklungen. Zukunftspläne? Natürlich habe er die, hatte Mahora erzählt. Vielleicht werde er zur Berufsfeuerwehr gehen, vielleicht auch hier im Maori-Zentrum arbeiten. Paul hatte an seinen Sohn Erik in Deutschland gedacht. Im kommenden Jahr würde dieser sein Medizinstudium abschließen. Dann hatte der Deutsche mitleidig auf den jungen Maori geblickt.

 

Dem Teenager  war der sonderbare Blick des Europäers nicht entgangen. Auf der einen Seite war Mahora gern dabei, wenn seine Grandma Gäste empfing und voller Stolz von der Kultur der Maori erzählte. Auf der anderen Seite machten ihn die Besucher traurig. Blass, ernst, immer gestresst und oft ein wenig krank wirkten  sie auf ihn. Zu gern hätte der drahtige junge Mann den ein oder anderen eingeladen, ihn nachts einmal  zur Jagd in den Wald oder frühmorgens zum Fischen aufs Meer zu begleiten. Mit ihm am Strand zu sitzen und zu schnitzen oder einen Abend mit seiner Whanau, der Familie, zu verbringen. Er liebte es, wenn beim Hangi auf heißen Steinen gekocht und der Tipuna - seiner Vorahnen - gedacht wurde. Er hatte gehört, dass viele Fremde nicht in Familien, sondern ganz allein lebten. Das erfüllte Mahora mit Mitleid. Und traurig stimmte ihn, dass er Tag für Tag die Kraft der Felsen, Bäume, Flüsse und Berge spüren durfte, während sich die Gäste derart gestresst auf ihre Fotoapparate konzentrieren mussten, so dass  sie aus dem Land der langen, weißen Wolke nichts anderes mitnahmen als einen Stapel toter Bilder.

 

Noch während Mahora nachdachte, wanderte sein Blick auf den blassen, schmächtigen Mann,  der immer noch aufgebracht mit seiner Frau diskutierte. Plötzlich verstumme Paul, schaute auf und blickte in die stolzen, braunen Augen des jungen Maori. Dieser schien tief in sich zu ruhen. Einen Augenblick lang versuchten sich stille Zweifel in Pauls Kopf einzunisten. Das Bild seines Sohns Erik blitzte auf – stets rastlos und gestresst. Mit einer unwilligen Geste wischte Paul es weg. „Komm, Elke, lass uns noch ein paar Fotos machen“, murmelte er.

Die Kurzgeschichte ist im Liboriusblatt erschienen.